Skandal um Grippemittel

Rasmus Cloes Medizinredakteur
Arzneimittelskandal: Grippemittel Tamiflu und Relenza wirkungslos? Neue Studie - Geldverschwendung
Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass die in Deutschland millionenfach eingelagerten Grippemittel Tamiflu und Relenza kaum medizinischen Nutzen besitzen © Fotolia

Erstmals erschien eine Studie über die Wirksamkeit und Nebenwirkungen der auch in Deutschland millionenfach eingelagerten Grippemittel Tamiflu und Relenza. Die Ergebnisse sind erschütternd.

 

Grippemittel können Komplikationen nicht verhindern

Zum ersten Mal wurde eine Studie über die Grippemittel Tamiflu und Relenza veröffentlicht, der alle relevanten Informationen der herstellenden Pharmabetriebe zur Verfügung standen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass die vielgepriesenen und millionenfach eingelagerten Grippemittel bei der Behandlung von Grippe im Vergleich zu Placebos kaum einen Mehrwert besitzen. Bei Erwachsenen reduziert sich die Krankheitsdauer durchschnittlich nur von 7 auf 6,3 Tage. Bei Kindern zeigte das Medikament gar keinen messbaren Effekt.

Die Analysen zeigen außerdem, dass entgegen der Behauptungen die teuren Grippemittel auch nicht in der Lage sind, schwere Komplikationen bei einer Grippeerkrankung zu vermeiden. Lungenentzündungen, Nebenhöhlenentzündungen und Bronchitis traten bei den untersuchten Probanden genauso häufig auf, wie bei Patienten, die nicht mit einem der beiden Grippemittel behandelt worden waren. Ebenso wurden – anders als durch die Pharmaproduzenten behauptet – durch die Anwendung von Tamiflu oder Relenza die Anzahl der Patienten, die aufgrund der Grippeerkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert werden mussten, nicht reduziert.

 

Grippemittel steigern Risiko für Erbrechen und Übelkeit

Erschreckend lesen sich die weiteren Ergebnisse der Studie: Vorab gemachte Angaben der Hersteller von Tamiflu und Relenza bezüglich auftretender Nebenwirkungen sind entweder unzutreffend oder unvollständig. Das Risiko für schwere Übelkeit und Erbrechen steigt durch die Einnahme der Grippemittel durchschnittlich um fünf Prozent. Auch Psychische Erkrankungen traten als Nebenwirkungen nach der Medikation mit Tamiflu oder Relenza häufiger auf im Vergleich zu Fällen, bei denen gar keine Medikamente verordnet wurden.

 

Jahrelange Forschung gegen den Widerstand der Pharmaindustrie

Fünf Jahre hatte es gedauert, bis alle relevanten Daten zur Untersuchung der Grippemittel – gegen den erbitterten Widerstand der betroffenen Pharmabetriebe – zusammengetragen und ausgewertet worden waren. Das unabhängige, auf Übersichtsstudien spezialisierte Cochrane-Netzwerk besteht aus weltweit angesehenen Medizinern und Forschern. An der Untersuchung der Grippemittel beteiligten sich vor allem Wissenschaftler der Universitäten aus Harvard und Oxford. Veröffentlicht wurde die in Fachkreisen lange erwartete Studie am 10. April 2014 im renommierten British Medical Journal. Gegenstand der Übersichtsstudie waren insgesamt 46 Einzelstudien zu den Grippemitteln Tamiflu und Relenza sowie die Auswertung von mehr als 24.000 Patientendaten.

 

Grippemittel ohne medizinischen Nutzen

Die Anschuldigungen gegen die Pharmaindustrie wiegen aus medizinischer Sicht bereits schwer. Doch auch wirtschaftlich ist der Schaden groß. Weltweit wurden geschätzte 10 Milliarden Euro ausgegeben für ein Grippemittel, das offensichtlich keinen medizinischen Nutzen besitzt. Allein in Deutschland lagern Tamiflu- und Relenza-Präparate im Wert von rund 500 Millionen Euro. Angelegt wurden diese Reserven nach Ausbruch der Schweinegrippe im Jahre 2009 und in Anbetracht der allgegenwärtigen Angst vor einer schweren Grippepandemie. Doch schon damals wurden Stimmen laut, die an der Wirksamkeit der in großen Mengen eingekauften Grippemittel zweifelten, ohne dass die politischen Entscheidungsträger oder die großen Gesundheitsverbände und Fachbehörden darauf reagierten. Ein Skandal. Kathrin Sonnenholzner – Vorsitzende des gesundheitlichen Ausschusses im bayerischen Landtag – fasste die Situation nach Bekanntwerden erster Studien über Tamiflu und Relenza treffend zusammen: „Ich sehe keinen Anlass, auch nur einen Cent für dieses Zeugs auszugeben.“

Weiterführende Informationen zur Tamiflu-Studie finden Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.