Sind bald alle Antibiotika wirkungslos?

Ein Mann nimmt Tabletten
Chinesische Wissenschaftler haben ein Gen entdeckt, das Bakterien resistent gegen Antibiotika macht © Fotolia

Bei Tieren, Menschen und Fleischproben entdeckten chinesische Wissenschaftler ein Gen, das Bakterien resistent gegen Antibiotika macht – sogar gegen solche, die bisher in solchen Fällen als letzte Rettung galten. Das besonders Gefährliche daran: Das Gen kann leicht auf andere Bakterien übertragen werden – es macht die Resistenzen „ansteckend“.

Polymyxine – diese Antibiotikafamilie wurde bisher eingesetzt, wenn nichts anderes mehr half. Auch Keime, die resistent gegen andere Antibiotika sind, springen meist auf eine Behandlung mit Polymyxinen an.

Doch auch diese „letzte Rettung“ könnte in solchen Fällen bald wirkungslos sein – das zeigt eine aktuelle Studie chinesischer Wissenschaftler. Sie untersuchten zunächst Hühner und Schweine in fünf südchinesischen Provinzen. Dabei stießen sie bei auffällig vielen dieser Tiere auf das Darmbakterium E. coli (Escherichia coli) – und zwar auf eine besonders resistente Form, die nicht auf das Antibiotikum Colistin aus der Familie der Polymyxine reagierte.

 

Gen macht Bakterien resistent

Bei der Analyse der Keime im Labor zeigte sich, dass die Bakterien alle ein bestimmtes Gen namens MCR-1 besaßen. Dieses Gen macht die Bakterien nicht nur resistent gegen Antibiotika – es ist auch „ansteckend“. Grund dafür ist seine Lage auf sogenannten Plasmiden. Das ist eine Art externe DNA, die sich in einem Bakterium einnistet. Sie kann leicht kopiert und auf andere Bakterien übertragen werden.

In 20 Prozent der Tiere fanden die Forscher Bakterien, die MCR-1 in sich trugen. Daraufhin nahmen sie Fleischproben und untersuchten sie auf Bakterien mit dem Gen – bei 15 Prozent wurden sie fündig. Anschließend untersuchten sie Krankenhauspatienten in zwei chinesischen Provinzen und fanden bei 16 von 1.322 Patienten Bakterien mit MCR-1, also bei rund einem Prozent.

Die Studienleiter warnen vor einer „Epidemie“ von Antibiotikaresistenzen, die durch das Gen losgetreten werden könnte. Zwar wurde es bisher nur in China nachgewiesen, die Forscher gehen aber von einer weltweiten Verbreitung aus. Das würde die Medizin vor eine große Herausforderung stellen – die Therapie mit Antibiotika würde dann immer häufiger an ihre Grenzen stoßen. Die Wissenschaftler halten sogar den Beginn einer „post-antibiotischen Ära“ für möglich.

Experten fordern darum, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung einzuschränken. In Deutschland gibt es diesen Trend bereits, wie kürzlich eine Umfrage des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zeigte.

Hamburg, 20. November 2015

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