Serotonin-Tabletten: Hilfreich gegen Depressionen?

Serotonin-Tabletten gegen Depressionen
Wie wirksam sind Serotonin-Tabletten im Kampf gegen Depressionen? Diese Frage lässt sich bis heute nicht eindeutig beantworten © Fotolia

Bei Depressionen werden häufig Antidepressiva verschrieben, die den Serotoninspiegel in Balance bringen sollen. Dabei ist umstritten, ob die Krankheit überhaupt auf einem zu niedrigen Serotoninspiegel beruht. PraxisVita erklärt, wie sinnvoll Serotonin-Tabletten wirklich sind.

Den Grund einer Depression zu finden, fällt Ärzten häufig schwer. Denn die Ursachen der Krankheit sind so unterschiedlich wie ihre Ausprägungen: Berufliche Belastungen können ebenso verantwortlich sein wie familiäre Probleme. Daher ist es auffällig, dass trotz der unterschiedlichen Auslöser die Behandlung in den meisten Fällen die gleiche ist – es werden Antidepressiva verschrieben.

 

Welche Rolle spielt Serotoninmangel bei Depressionen?

Diese Antidepressiva, beispielsweise die häufig verwendeten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), sollen den Serotoninspiegel im Gehirn anheben. Denn Serotonin, das sogenannte Glückshormon, ist ein Botenstoff, der unsere Stimmung beeinflussen kann. Aber: Bis heute ist nicht bewiesen, dass ein zu niedriger Serotoninspiegel für Depressionen verantwortlich ist. Welchen Nutzen haben die Serotonin-Tabletten also im Kampf gegen die Krankheit?

Die Antwort darauf ist auch für die Wissenschaft nicht leicht zu geben. Viele Forscher vermuten heute, dass Serotonin nur indirekt mit einer Depression zu tun hat. Fakt ist: Bei 82 Prozent der Patienten, die SSRI nehmen, wirkt das Antidepressivum nicht besser als ein Placebo, wie in einer Studie im Jahr 2008 bewiesen wurde. Lediglich bei Betroffenen mit einer schweren Depression hatte das Mittel eine stärkere Wirkung erzielt.

Das Gehirn ist ein kompliziertes Netzwerk
Da das Zusammenspiel der Nervenzellen in unserem Gehirn so komplex ist, gibt es bisher keine eindeutigen Aussagen, wie Antidepressiva im Hirn wirken© Fotolia
 

Die Komplexität des Gehirns erschwert die Wirkungsforschung

Die mehr als 100 Milliarden Nervenzellen unseres Gehirns bilden ein extrem kompliziertes Netzwerk. Sie kommunizieren durch die Freisetzung verschiedener Botenstoffe miteinander. Allerdings ist Serotonin nur einer dieser Stoffe, weshalb es schwer nachzuweisen ist, welche Mechanismen durch Antidepressiva tatsächlich im Gehirn ausgelöst werden. Deshalb lassen sich durch eine mögliche Wirkung des Medikaments auch keine pauschalen Rückschlüsse auf die Ursachen der Depression ziehen.

 

Serotoninmangel als Auslöser von Depressionen – ein Mythos?

Aber woher stammt die Behauptung, dass ein Serotoninmangel Depressionen begünstigen kann, überhaupt? In den 1960er Jahren experimentierten Wissenschaftler mit Nervenzellen und stellten dabei diese Vermutung auf – Beweise konnten sie allerdings nie erbringen. Trotzdem löste die Hypothese einen Boom in der Pharmaindustrie aus, durch den der heute riesige Markt der Antidepressiva erst entstanden ist. Deutlich später, im Jahr 1988, wurde in den USA das Medikament Prozak zugelassen, das erste offizielle SSRI. Die Medien feierten die Serotonin-Tabletten als Durchbruch im Kampf gegen Depressionen. Der im Prozak enthaltene Wirkstoff Fluoxetin wurde kurz darauf auch in Deutschland zugelassen und wird bis heute eingesetzt.

 

Serotonin-Tabletten und ihre Nebenwirkungen

Dass die Serotonin-Tabletten so häufig bei Depressionen verschrieben werden, ist auch deshalb bedenklich, weil sie für ihre zahlreichen Nebenwirkungen bekannt sind. Besonders häufig sorgen sie für Schlafstörungen, Durchfall und Übelkeit. Aber auch Störungen der Sexualfähigkeiten wurden festgestellt. Bei Schwangeren erhöht sich das Risiko für Fehlbildungen des ungeborenen Kindes. In den letzten Jahren bestätigten außerdem verschiedene Studien, dass die Suizidrate bei Kindern und Jugendlichen, die mit Antidepressiva behandelt worden waren, vergleichsweise hoch ist. Hersteller in den USA müssen ihre Beipackzettel seitdem mit auffälligen Warnhinweisen versehen.

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