Selbstgespräche: Verrückt oder genial?

Wenn wir laut vor uns hinerzählen, sind uns skeptische Blicke sicher. Doch Experten wissen: Selbstgespräche lösen effektiv Probleme, spornen an und bringen Ordnung in das Chaos des Alltags.

Wer kennt es nicht: Kaum steht man im Supermarkt an der Kasse, da fällt einem plötzlich ein, was man hinten im letzten Gang vergessen hat. Ein „Mist, warum hab ich nicht daran gedacht? Jetzt muss ich nochmal zurück“ entfährt einem schnell. Für die Menschen um einen herum ist es wahrscheinlich seltsam, jemanden so erzählen zu hören. Denn sind es nicht eigentlich nur die Verrückten, die mit sich selbst sprechen, wenn sie den Stimmen in ihrem Kopf antworten? Oder aber Singles, die schon sehr lange allein leben und niemanden haben, mit denen sie sich sonst unterhalten könnten?

 

Auch Albert Einstein führte Selbstgespräche

Ganz im Gegenteil: Menschen, die mit sich selbst reden, sind weder verrückt noch einsam. Manchmal, wie im Fall von Albert Einstein, sind sie sogar ausgesprochen schlau: Von ihm wird berichtet, dass er seine Gedanken immer wieder laut vor sich hin sagte, bis er ein Problem vollständig verstanden hatte. War der Physiker vielleicht auch deshalb so genial, weil er die Vorteile eines guten Gesprächs mit sich selbst erkannt hat? Experten wissen schon lange um den Wert von Selbstgesprächen. Thomas Brinthaupt von der amerikanischen Middle State University sagt: „Psychologisch gesehen sind Selbstgespräche meist ganz normal und sogar hilfreich.“

 

Schritt für Schritt zum Erfolg

Wie hilfreich sie sind, zeigt sich bereits bei Kleinkindern, die beim Spielen und Lösen von schwierigen Aufgaben ausdauernd vor sich hinplappern. Schritt für Schritt begleiten sie sich verbal durch ihre Handlungen. Sie ahmen dabei die lehrenden Worte der Eltern nach. Gleichzeitig strukturieren sie so ihre Aufgabe und können sie dadurch besser bewältigen. Je älter die Kinder werden, desto mehr verstummen die Selbstgespräche – wohl aus der wachsenden Erkenntnis heraus, dass sie auf andere seltsam wirken.

 

Weniger grübeln, mehr Durchblick

Leider! Denn auch Erwachsene profitieren maximal von einem Gespräch mit sich selbst. Es unterstützt das Gehirn, effektiver zu arbeiten. Wie ein Selbstgespräch das macht? Indem es Klarheit in unsere wild durcheinander fliegenden Gedanken bringt. Die Psychologin Linda Sapadin formuliert es so: „Etwas auszusprechen fokussiert unsere Aufmerksamkeit, verstärkt die Information, kontrolliert unser Gefühlschaos und blendet Ablenkungen aus.“ Um diese Wirkung zu erzielen, ist es allerdings entscheidend, wie wir mit uns reden. Ethan Kross, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Michigan, hat herausgefunden, dass uns ein Selbstgespräch, in dem wir das Pronomen du verwenden, gelassener macht. Das ist sogar im Gehirn nachweisbar: Wissenschaftler haben in Untersuchungen gezeigt, dass der für das Nachdenken zuständige Frontallappen und die für Angstgefühle verantwortliche Amygdala beim Du-Gespräch weniger aktiv sind. Bearbeiten wir ein schwieriges Problem – egal, ob aus dem Arbeits-, Familien- oder Freundschaftsumfeld – ist die Gefahr groß, ins Grübeln zu verfallen. Wir verlieren uns in besorgten Gedanken; Frontallappen und Amygdala arbeiten auf Hochtouren. Analysieren wir nun das Problem in der Du-Form, ändert sich der Arbeitsprozess unseres Gehirns: Wir distanzieren uns emotional von unserem Ich und sind so in der Lage, die Situation objektiv zu bewerten – unter Einbeziehung des Gesamtbildes. Das Phänomen kennen wir alle: Ist es nicht viel einfacher, Freunden einen guten Rat zu geben als sich selbst? Das Nicht-unmittelbar-betroffen-sein macht es möglich.

 

Selbstgespräche als Frage der Motivation

Selbstgespräche sind nicht nur ein nützliches Werkzeug, um unsere Aufmerksamkeit, Gefühle und Impulse sinnvoll und effektiv zu steuern. Auch in der Selbstmotivation spielen Selbstgespräche eine wichtige Rolle – egal, ob es um den pünktlichen Start zu einer Verabredung oder die Bewältigung bedeutungsvollerer Aufgaben geht. Doch auch hier ist es entscheidend, wie wir mit uns sprechen. Eine Forschergruppe um die Psychologin Dolores Albarracin hat mit 50 Probanden einen Test durchgeführt. Die Teilnehmer sollten innerhalb kurzer Zeit aus zehn bestehenden Wörtern neue Worte bilden. Eine Gruppe spornte sich vorher mit Aussagen wie „Du schaffst das!“ an. Die Vergleichsgruppe sollte die Frageform wählen: „Schaffst Du das?“ Erstaunlicherweise schnitten die Teilnehmer mit der Frage besser ab – ein Ergebnis, das sich in nachfolgenden Experimenten bestätigte. Die Wissenschaftler vermuten, dass uns bei der Fragestellung unsere persönlichen Gründe bewusster werden, warum wir uns für die jeweilige Sache einsetzen sollten – und wir so den Ansporn haben, unser gesamtes Leistungsvermögen abzurufen. Wir werden dazu animiert, die Aufgabe nicht als Hindernis, sondern als Herausforderung zu sehen.

Ein gepflegtes Gespräch mit uns selbst – richtig ausgeführt – kann also sehr viel dazu beitragen, uns das Leben ein bisschen leichter zu machen. Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen – auch wenn die anderen vielleicht ein bisschen komisch schauen.

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