Seife gegen Wadenkrämpfe – was ist dran?

Verena Elson Medizinredakteurin
Kernseife gegen Wadenkrämpfe
Viele Menschen schwören auf Seife als Hausmittel bei Wadenkrämpfen. Was sagt die Forschung dazu? © simarik/iStock

Seife im Bett – dieses Hausmittel soll gegen Wadenkrämpfe helfen? Es klingt fast zu verrückt, um wahr zu sein. Und doch gibt es so viele Erfolgsberichte, dass sich inzwischen auch Wissenschaftler mit dem Phänomen beschäftigen. Kann Seife wirklich Wadenkrämpfe stillen?

„Seit Jahren litt ich an Wadenkrämpfen. Magnesium half nicht. Ich las über Seife unter dem Bettlaken und dachte: Wie merkwürdig. Aber ich hatte nichts zu verlieren – und so legte ich ein Stück Seife unter mein Laken und hatte für sechs Wochen keine Krämpfe. Dann hatte ich einen leichten Krampf. Dann, nach zwei Wochen, hatte ich einen schlimmen Krampf. Ich sah in meinem Bett nach und entdeckte, dass meine Seife verschwunden war.“

Dieser Bericht ist einer von vielen, die sich zum Thema „Seife gegen Wadenkrämpfe“ im Netz tummeln. Betroffene schildern, dass ihre nächtlichen Wadenkrämpfe aufhörten, Tage oder Wochen, nachdem sie ein Stück Seife zwischen die Bettwäsche oder unter das Laken gelegt hatten. Von Ärzten und auch vielen Betroffenen wird die krampflösende Wirkung der Seife als Placebo-Effekt abgetan – doch ist es wirklich nicht mehr als das?

 

Forscher auf der Suche nach Wirkmechanismus

Die Grundlage für eine 2008 veröffentlichte Studie lieferten theoretische Überlegungen zum Wirkmechanismus der „Seife im Bett“: Viele Betroffene berichten über ein Wiedereinsetzen der Wadenkrämpfe, sobald die Seife einige Monate alt und trocken ist. Wurde sie durch ein neues Stück Seife ersetzt, hörten die Krämpfe wieder auf.

Diese Tatsache liefert einen Hinweis darauf, dass die Wirkung der Seife auf einem bestimmten Molekül beruht, dass aus der Seife an die Luft gelangt, so lange die Seife frisch ist. Neu gekauft beträgt der Feuchtigkeitsgehalt von Seife etwa fünf bis 15 Prozent. Dieser hohe Wasseranteil führt dazu, dass die Seife kleine, verstreute Moleküle nach außen passieren lässt. Ist die Oberfläche ausgetrocknet, sind die „Ausgänge“ für die Moleküle verschlossen und diese können nicht mehr an die Luft gelangen.

Solche Überlegungen führten zu der Idee, dass es sich bei dem Wirkstoff in der Seife um ihre Duftstoffe handelt – denn diese sind in nahezu jeder Seife enthalten und sind „volatil“, das heißt, sie werden von der Seife „ausgedünstet“.

 

Experiment: Seife gegen Fibromyalgie?

Der Anästhesist Dr. Ough überprüfte diese These an 83 Patienten mit Fibromyalgie – einer Erkrankung, die mit starken Muskelschmerzen einhergeht. Die Ursachen für diese Schmerzen sind bisher nicht bekannt. Dr. Oughs Theorie: Die Duftstoffe in der Seife könnten auch bei Fibromyalgie-Patienten eine muskelentspannende Wirkung haben und so die Schmerzen lindern.

Um zu testen, ob die Wirkung der Seife tatsächlich auf die Duftstoffe zurückzuführen ist, behandelte Dr. Ough die Testpersonen ausschließlich mit Duftölen, wie sie auch in Seife vorkommen – doch ohne Seife. Die Öl-Mischung wurde den Patienten per Pflaster aufgetragen. Alle Patienten berichteten von einem deutlichen Nachlassen des Schmerzes innerhalb einer Stunde, bei einem Patienten erfolgte die Schmerzlinderung bereits nach drei Minuten. Bei dieser Studie gab es allerdings keine Kontrollgruppe, die mit Pflastern ohne Wirkstoff behandelt wurde – wie groß der Placebo-Effekt bei den Probanden war, lässt sich also nicht beurteilen.

 

Wie wirkt die „Seife im Bett“?

Der Harvard-Neurobiologe Bruce Bean und der Chemie-Nobelpreisträger Rod McKinnon gingen in einer 2010 veröffentlichten Studie einem anderen Hausmittel gegen Wadenkrämpfe auf den Grund: Ein Schluck Gurkenwasser (die Flüssigkeit, in der Gewürzgurken eingelegt sind) soll die Krampfdauer deutlich verkürzen. Die Wirkung soll bereits nach 35 Sekunden einsetzen – eine viel zu kurze Zeitspanne, um sie mit der Aufnahme der Flüssigkeit in den Darm und von entsprechenden Wirkstoffen in den Blutkreislauf zu erklären.

Stattdessen kamen sie zu einem anderen Fazit: Der Gurkenwasser-Geschmack stimuliert Nerven in Mund, Hals und Magen. Sogenannte TRP-Kanäle (Ionenkanäle, die in den Membranen von Nervenzellen bestimmte Informationen übertragen) werden aktiviert – in der Folge werden die Muskelkrämpfe gestoppt.

Womöglich wirken die Duftstoffe in der Seife ähnlich gegen Wadenkrämpfe. Sie müssten dann über die Haut in den Körper eindringen, was theoretisch denkbar ist – denn auch unsere Haut ist mit Geruchs- und Geschmacksrezeptoren ausgestattet, wie Forscher seit einigen Jahren wissen.

Möglicherweise ist an dem Mythos von der Seife im Bett, die gegen Wadenkrämpfe hilft, also tatsächlich etwas dran. Allerdings gibt es bisher keine Studie, die das beweist – es bleibt also bei Spekulationen. Wer an nächtlichen Wadenkrämpfen leidet, sollte das Hausmittel dennoch ausprobieren – laut Erfahrungsberichten wirkt es am besten, wenn die Seife direkten Kontakt mit den Füßen hat.

Quellen:

Ough, Y. D. (2008): Soap-scented oil skin patch in the treatment of fibromyalgia: A case series, in: Journal of multidisciplinary healthcare.

Miller, K. C., et al. (2010): Reflex inhibition of electrically induced muscle cramps in hypohydrated humans, in: Medicine & Science in Sports & Exercise.

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