Schützt Oralverkehr vor Fehlgeburten?

Verena Elson

Wiederholte Fehlgeburten sind für Betroffene extrem belastend. In vielen Fällen erfahren die Paare nie, welche Ursache das Problem auslöst. Mediziner finden immer mehr Hinweise darauf, dass das Immunsystem der Mutter bei wiederholten Fehlgeburten häufig eine Rolle spielt. Eine aktuelle Studie niederländischer Forscher deutet ebenfalls in diese Richtung – demnach kann Oralverkehr dazu dienen, die Immunabwehr der Mutter auf das Baby „vorzubereiten“.

Ein Paar freut sich über das Ultraschallbild seines Babys
Niederländische Forscher beschäftigten sich mit der Frage, wie wiederholte Fehlgeburten verhindert werden können Foto:  Rawpixel/iStock

Wenn eine Frau dreimal oder öfter hintereinander vor der 20. Schwangerschaftswoche ihr Kind verliert, sprechen Mediziner von wiederholten Fehlgeburten. Häufig steckt dahinter nichts als Pech und die Mehrheit der Frauen, die drei Fehlgeburten hintereinander hatten, hat beim darauffolgenden Versuch Glück und kann ihr Kind austragen.

 

Immunsystem der Mutter kann Embryo abstoßen

Selten gibt es medizinische Ursachen für die Schwangerschaftsabgänge wie etwa eine Muttermundschwäche oder die Veranlagung zu Chromosomenstörungen bei einem Elternteil. Auch das Immunsystem der Mutter kann aus Sicht von Medizinern an wiederholten Fehlgeburten beteiligt sein. Dieses ist bei der Einnistung einer befruchteten Eizelle mit dem Erbgut des Vaters als „Eindringling“ konfrontiert. Der Körper der Frau ist auf diese Situation vorbereitet: Er produziert spezielle Antikörper, die den Embryo schützend umgeben und vor Angriffen der Immunzellen der Mutter bewahren. Wenn dieser Schutzmechanismus – etwa wegen einer Überreaktion des mütterlichen Immunsystems – nicht funktioniert oder nicht ausreicht, kann es dennoch passieren, dass der Körper der Mutter den Embryo abstößt.

Eine Frau sitzt am Fenster
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Mehr Oralverkehr, weniger Fehlgeburten?

Forscher der Universität im niederländischen Leiden überprüften diese Theorie anhand einer Beobachtungsstudie: Sie stellten eine Gruppe von Frauen mit einer Geschichte wiederholter Fehlgeburten (97) einer Gruppe von Frauen ohne Schwangerschaftsabgänge (137) gegenüber.

Befragungen der Studienteilnehmerinnen ergaben, dass in der zweiten Gruppe der Anteil der Frauen, die mit ihrem Partner Oralverkehr hatten, deutlich höher war (72,9 Prozent) als in der ersten Gruppe (56,9 Prozent).

Oralverkehr "sensibilisiert" Immunsystem der Mutter

Die Studie kann keinen kausalen Zusammenhang zwischen Oralverkehr und einer geringeren Anzahl von Fehlgeburten beweisen – doch die Forscher vermuten, dass die orale Aufnahme von Spermien wie eine Sensibilisierung wirkt: Das Immunsystem der Mutter wird an das Erbgut des Vaters „gewöhnt“ und die Gefahr einer späteren Abstoßung des Embryos sinkt.

Konkret erklären die Autoren den Gewöhnungseffekt mit den sogenannten HL-Antigenen (Human Leukocyte Antigen). Diese Proteine befinden sich in der Zellmembran und geben dem Immunsystem darüber Auskunft, ob es sich um eine körpereigene oder eine körperfremde Zelle handelt. In der Samenflüssigkeit des Mannes sind HL-Antigene enthalten – beim Verkehr machen sie das Immunsystem der Frau also mit der individuellen „Signatur“ der Zellen des Mannes bekannt.

Diese „Bekanntmachung“ geschieht natürlich auch beim Vaginalverkehr. Aus Sicht der Autoren spricht ihre Studie jedoch dafür, dass die HL-Antigene über den Darm besser aufgenommen werden können und die Gewöhnung beim Oralverkehr darum effektiver ist.

Als Einschränkung ihrer Arbeit nennen die Autoren die geringe Probandenzahl – weitere Studien seien notwendig, um den Einfluss von Oralverkehr auf das Risiko wiederholter Fehlgeburten endgültig zu beweisen.

Quelle:
Meuleman, T., et al. (2019): Oral sex is associated with reduced incidence of recurrent miscarriage, in: Journal of Reproductive Immunology.

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