Schützt HIV-Medikament vor Multipler Sklerose?

HIV-Mittel schützt vor MS
Forscher vermuten, dass die Entstehung von MS im Zusammenhang steht mit der Virenfamilie, zu der auch HIV gehört. Diese überraschende Verwandtschaft könnte nun eine neue Therapiemöglichkeit für MS-Patienten ermöglichen © Fotolia

Bisher gibt es für Multiple Sklerose keine Heilung. Leidet ein Mensch unter dieser Erkrankung des zentralen Nervensystems, beschränken sich medizinische Maßnahmen auf die Linderung der Symptome. Doch eine aktuelle Studie zeigt nun einen neuen Therapieansatz auf. Praxisvita berichtet für Sie.

Britische Forscher von der Queen Mary University in Großbritannien beschreiben in einer aktuellen Studie, wie ein Medikament, das zur Therapie einer HIV-Infektion eingesetzt wird, vor Multipler Sklerose (MS) schützen kann.

Für die Beobachtungsstudie waren 21.000 HIV-Patienten und eine Kontrollgruppe mit rund 5,3 Millionen Menschen, die nicht mit HIV infiziert waren, untersucht worden. Dabei stellte sich heraus, dass die Wahrscheinlichkeit, MS zu bekommen, für HIV-Patienten um 62 Prozent niedriger liegt als für Personen der Vergleichsgruppe. Aufgrund der großen Probandenzahl gilt die Studie in Fachkreisen als aussagekräftig.

 

Der therapeutische Zusammenhang von HIV und MS

Für den Zusammenhang zwischen einer HIV-Infektion und einem daraus resultierenden Schutz vor MS kommen nach Aussagen der Forscher zwei Erklärungen in Frage. Zum einen wäre denkbar, dass die HI-Viren den Ausbruch der Autoimmunkrankheit MS – eine Überreaktion des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe – direkt hemmen. Die Forscher beschreiben den möglichen Mechanismus dahinter so: Da das Immunsystem des Infizierten geschwächt wird, kann es sich auch nicht gegen den Körper richten.

Zum anderen könnten aber auch sogenannte antiretrovirale Medikamente – die zur Behandlung von HIV-Patienten eingesetzt werden und die Vermehrung des Virus verhindern sollen – ursächlich für den MS-Schutz sein.

 

Ein Medikament, zwei Wirkungen?

Nach Auswertung aller Untersuchungsdaten bezeichneten die Studienautoren um Professor Julian Gold die Verabreichung von HIV-Medikamenten schließlich als die wahrscheinlichere Ursache für den Zusammenhang zwischen HIV und dem Schutz vor MS.

Bei dem beschriebenen HIV-Medikament handelt es sich um die sogenannte antiretroviralen HIV-Therapie (HAART), bei der mithilfe eines bestimmten Wirkstoffkomplexes die Vermehrung des Virusgens in seiner Wirtszelle gehemmt wird. Die Forscher gehen davon aus, dass die Erregerfamilie zu der das HI-Virus gehört (humane endogene Retroviren) auch bei der Entstehung von MS eine Rolle spielt und deswegen mit HIV-Medikamenten – wie HAART – nicht nur ein Ausbruch der Autoimmunkrankheit verhindert, sondern auch MS-Symptome erfolgreich behandelt werden können.

 

Fallbeispiele bestätigen doppelte Wirksamkeit des HIV-Mittels

Für die Annahme, dass HIV-Therapien und nicht der HI-Virus selbst vor MS schützen, sprechen auch Fallbeispiele. Im Jahr 2011 berichteten australische Forscher in einer Studie von einem HIV-positiven Patienten, der an MS erkrankt war. Erst nachdem der Mann mit der HAART-Therapie zur Bekämpfung des HI-Virus begonnen hatte, verschwanden auch seine MS-Symptome für mehr als 12 Jahre.

Hamburg, 22. August 2014

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