Schüchtern? Das hat es mit dieser Charaktereigenschaft auf sich

Redaktion PraxisVITA

Schüchtern ist nicht gleich schüchtern – die Charaktereigenschaft kann viele Gesichter haben. Es kann von anderen als eine angenehme Zurückhaltung empfunden werden, es kann aber auch eine soziale Phobie dahinterstecken.

Schüchternes Mädchen mit Brille schaut ängstlich auf den Boden
Schüchterne Personen stehen nicht gerne im Mittelpunkt Foto:  istock/skynesher
Inhalt
  1. Schüchtern sein: So äußert sich Schüchternheit
  2. Psychologischer und körperlicher Ursprung von Schüchternheit
  3. Wann Schüchternheit zum Problem wird

Schüchtern zu sein, so schreibt der chilenische Schriftsteller und Dichter Pablo Neruda in seiner Autobiografie, sei “ein merkwürdiger Seelenzustand, eine Dimension, die sich der Einsamkeit öffnet”. Doch er wird sogar noch drastischer: “Sie ist untrennbares Leiden, als habe man zwei Epidermen, und als werde die zweite innere Haut gereizt und verschließe sich dem Leben.” 

Das klingt zunächst erst einmal relativ dramatisch für einen Charakterzug, den die meisten von uns in der ein oder anderen Form sicherlich schon einmal selbst an sich entdeckt haben, oder? Nicht unbedingt: Bei besonders schweren Ausprägungen kann Schüchternheit das Leben nämlich fundamental beeinträchtigen.

 

Schüchtern sein: So äußert sich Schüchternheit

Schüchternheit entsteht durch die Angst, von anderen Menschen negativ beurteilt oder kritisiert zu werden. Dies hat ein Vermeidungsverhalten zur Folge: Man versucht, erst gar nicht in Situationen zu geraten, wo man anderen einen Grund für Kritik geben könnte. Schüchterne Menschen halten sich deswegen lieber im Hintergrund und vermeiden es unter allen Umständen, im Mittelpunkt zu stehen. Häufig wird Schüchternheit auch mit Introversion verwechselt. Dabei handelt es sich hierbei keineswegs um das Gleiche.
Bei schüchternen Menschen werden Konflikte und Stressmomente ebenso gemieden wie andere Situationen, in denen man Ablehnung erfahren könnte. Deswegen haben schüchterne Personen oft auch Hemmungen und Probleme bei der Partnerwahl. Ist man besonders introvertiert, handelt es sich vielmehr um ein Persönlichkeitsmerkmal, welches man ganz natürlich besitzt. 

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Wie der Angstforscher Borwin Bandelow in einem Gespräch mit der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” erklärte, seien diese Charakterzüge per se noch kein Grund zur Beunruhigung. “Es gibt Schüchternheit und die sogenannte soziale Phobie. Die Grenze zwischen beiden ist fließend. Wichtiger als diese Abgrenzung ist aber ohnehin die Frage, ab wann jemand behandlungsbedürftig ist”, so Bandelow.

 

Psychologischer und körperlicher Ursprung von Schüchternheit

Man geht davon aus, dass der Charakterzug der Schüchternheit seinen Ursprung in der frühkindlichen Entwicklung hat – laut den Forschern Margarete Eisner und Florian Werner genau dann, wenn das Kind beginnt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Reaktionen zu antizipieren. Viele gehen davon aus, dass Schüchternheit angeboren ist und somit quasi neurochemischer Natur ist.

Ganz sicher hängt Schüchternheit aber zu einem großen Teil von der Erziehung, der Entwicklung und dem sozialen Umfeld des Kindes ab. Hat ein Kind ein Elternteil oder ein Vorbild in der Familie, das ihm soziale Kompetenz vermittelt und eine Kontaktfreudigkeit zu anderen Menschen vorlebt und sehr extrovertiert ist, wird es mit größerer Wahrscheinlichkeit nicht an pathologischen Zügen von schüchternem Verhalten leiden – im Gegensatz zu einem Kind, dessen Umfeld selbst die typischen ausgeprägten Charakterzüge aufweist.

 

Wann Schüchternheit zum Problem wird

Schüchternheit ist allerdings per se keine psychische Störung – sondern einfach eine Charaktereigenschaft. Fast jeder Mensch reagiert an dieser oder jener Stelle einmal schüchtern und versucht, gewisse Situationen zu vermeiden. Problematisch wird es allerdings dann, wenn der Leidensdruck steigt und der Alltag nicht mehr oder nur noch schwer zu bewältigen scheint – oder, um es mit den Worten des Angstforschers Borwin Bandelow zu sagen: wenn es zur sozialen Phobie wird, die möglicherweise zu Alkoholismus oder Depressionen führt.

Wenn Sie also einen Leidensdruck bei sich bemerken, zögern Sie nicht und sprechen Sie mit einem Psychologen darüber. Oft ist der Grad zwischen Schüchternheit und sozialer Phobie schwer zu erkennen, die Grenzen können verschwimmen.

Schüchternheit hat viele verschiedene Formen und Ausprägungen – und längst nicht alle sind pathologisch oder mit einem sozialen Stigma behaftet. In gewissen Ausmaßen kann Schüchternheit von anderen Menschen sogar als angenehme Zurückhaltung empfunden werden. Die Charaktereigenschaft muss auch keinesfalls hinderlich für eine Karriere in der Öffentlichkeit sein – viele bekannte Künstler, von Bob Dylan über David Bowie bis Elvis Presley, gelten oder galten als schüchtern. Wenn Sie es ebenso sind und darunter leiden, da Sie sich in Ihrem Alltag eingeschränkt fühlen, können Sie daran arbeiten, Ihre Schüchternheit zu überwinden und in gewissen Situationen mehr aus sich herauszukommen. Sollte Ihr schüchternes Verhalten allerdings zur Sozialphobie werden, ist es ratsam, mit einem Psychologen darüber zu sprechen.

Quellen:

  • Faz.net
  • Eisner, Margarete: “Über Schüchternheit: tiefenpsychologische und anthropologische Aspekte” (2012), V&R Unipress, Göttingen
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