Schlechte Laune? Warum Sie sie zulassen sollten

Eine Mutter sitzt genervt am Schreibtisch mit ihrer Tochter
„Mein Kind nervt mich“ – für diese und ähnliche Empfindungen schämen sich viele Menschen und möchten sie am liebsten unterdrücken. Doch das kann schädlich sein, zeigt eine aktuelle Studie © iStock

Eifersüchtig auf die neue Kollegin? Wütend auf das Kind, weil es einfach keine Ruhe gibt? Genervt vom eigenen Partner? Solche Gefühle sollten wir ignorieren und schnell an etwas anderes denken. Falsch! Negative Emotionen zu unterdrücken, kann krank machen, zeigt eine aktuelle kanadische Studie.

Es gibt Emotionen, die sind doppelt negativ: Erst ist es unangenehm, sie zu durchleben. Danach fühlen wir uns schlecht, weil wir sie hatten, weil wir es nicht geschafft haben, sie zu unterdrücken. Zu diesen Emotionen gehören Neid, Eifersucht und Hass – manchmal auch Wut, Enttäuschung oder einfach schlechte Laune.

Doch nicht jeder blickt so wertend auf seine eigenen Emotionen. Einige Menschen schaffen es, sie zuzulassen und anzunehmen. Sind diese Menschen psychisch gesünder? Dieser Frage widmeten sich Wissenschaftler der University of Toronto in ihrer aktuellen Studie.

 

Der Umgang mit negativen Emotionen

Das Team um Brett Ford führte drei Experimente durch. Im ersten ließen die Forscher 1.003 Probanden Fragebögen ausfüllen, in denen sie angeben sollten, wie stark sie bestimmten Aussagen zustimmten. Darunter waren Statements wie „Ich sage mir selbst, dass ich nicht so fühlen sollte, wie ich fühle“. Die Forscher beobachteten, dass Studienteilnehmer, die den Aussagen weniger zustimmten und damit eine höhere Akzeptanz negativer Gefühle zeigten, über ein höheres psychisches Wohlbefinden berichteten als Probanden, die den Aussagen mehr zustimmten.

Im zweiten Experiment wurden 156 Probanden gebeten, im Rahmen einer fingierten Bewerbung einen dreiminütigen Vortrag zu halten, der auf Video aufgenommen und – so dachten die Probanden – einer Jury vorgespielt wurde. Die Teilnehmer hatten zwei Minuten Zeit, ihre Rede vorzubereiten.

Nach der Aufzeichnung des Vortrags wurden alle Teilnehmer zu ihren Gefühlen hinsichtlich ihrer Leistung befragt. Probanden, die versuchten, ihre negativen Gefühle zu unterdrücken, fühlten sich häufiger schlecht als solche, die ihre negativen Emotionen zuließen.

Für das dritte Experiment führten 222 Probanden zwei Wochen lang ein Tagebuch, in dem sie negative Erfahrungen und ihre emotionalen Reaktionen darauf festhielten. Sechs Monate später wurden sie zu einer psychologischen Untersuchung gebeten. Das Ergebnis dieser Untersuchungen: Teilnehmer, die versuchten, negative Emotionen als Reaktion auf schlechte Erfahrungen zu unterdrücken, litten sechs Monate später häufiger an Depressionen oder Angststörungen.

 

Herauslassen oder nicht? Die Situation entscheidet

Doch was genau soll ich tun, wenn ich beispielsweise Wut empfinde? Andreas Knuf, Psychotherapeut aus Konstanz, empfiehlt eine bejahende Haltung. „Dabei müssen wir nicht sagen: Oh, wie toll, da ist die Wut wieder, schön, dass du da bist“, so der Experte. „Es reicht schon folgende Haltung: Okay, ich verspüre jetzt Wut. Und wenn du schon mal da bist, darfst du auch da sein und ich will mich auf dich einlassen.“

Darauf einlassen – heißt das auch, die Wut herauszulassen? „Gefühle nur herauszulassen bringt wenig“, sagt Andreas Knuf. „Denn wenn wir große Wut verspüren, provozieren wir gern Streit oder möchten einem anderen womöglich schaden. Starke Gefühle haben gelegentlich so viel Energie, dass wir unter ihrem Einfluss automatisiert handeln und regelrecht zu Robotern werden – oft zu unserem Nachteil und zum Leid anderer.“

 

Der achtsame Umgang mit den eigenen Emotionen

Stattdessen empfehlen Emotionsforscher, in solchen Situationen den Weg der Achtsamkeit einzuschlagen: Den gehen wir, wenn wir erstens unsere Gefühle wahrnehmen, sie zweitens bewusst fühlen und akzeptieren, um dann drittens souverän mit ihnen umgehen zu können. Der souveräne Umgang bedeutet, für die konkrete Situation zu entscheiden, was der beste Lösungsweg ist: Dem Gegenüber die eigenen Gefühle mitzuteilen oder sie für sich zu behalten. Wichtig ist das Innehalten vor dieser Entscheidung – so wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die folgende Reaktion später kein Grund zur Reue wird.

Die eigenen Gefühle und Gedanken annehmen, ohne zu bewerten – dieses Prinzip liegt auch der sogenannten Achtsamkeitsmeditation zugrunde. Was genau das ist und wie Ihre Gesundheit davon profitieren kann, erfahren Sie hier.

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