Schizophrenie: Irre ist menschlich

Botschaften eines Schizophreniekranken
In der Psychiatrie hat Leon Botschaften auf Zettel geschrieben und sie anschließend auf sein Bett gelegt. Ein typischer Hilferuf Schizophreniekranker nach Aufmerksamkeit © shutterstock

800.000 Menschen in Deutschland sind betroffen. Die Patienten fühlen sich verfolgt, bedroht, haben Halluzinationen. Ein unendlicher Leidensdruck für die Kranken, aber auch für die Menschen, die mit ihnen leben. Die Geschichte einer starken Frau, die jeden Tag 100-mal darum kämpft, ihren Sohn in die reale Welt zurückzuholen.

 

Du hast mir doch eine Kamera ins Auge gepflanzt

Maria E. ist glücklich: Endlich Urlaub mit der Familie an der Ostsee! Mit Mann Thomas genießt sie die langen Spaziergänge, die Söhne Leon (damals 13) und Phillip (10) spielen am Strand. Sie dürfen auch mal ins Kino. "Und, hat dir der Film gefallen?" fragt  Maria ihren Ältesten danach.

Leon antwortet: "Aber Mama, das weißt du doch ganz genau, weil du mir eine Kamera ins Auge gepflanzt hast!" Fassungslos schaut Maria ihren Mann an: "Ich war geschockt, denn wie er das sagte, das war kein Spaß, keine Provokation. Ich spürte: Es war sein voller Ernst."

Kurz darauf fängt Leon an, seine Eltern zu beschimpfen. Maria: "Ohne Grund oder erkennbaren Auslöser. Er warf uns vor: , Ich weiß es genau: Ihr seid nicht die, für die ihr euch ausgebt. Ihr arbeitet für den Geheimdienst!' Da war uns klar, wir müssen sofort etwas unternehmen."

 

Als der Arzt die Diagnose Schizophrenie stellte, kapierte ich endlich

Noch in Glücksburg gehen Maria und ihr Mann zum Allgemeinarzt. Der vermutet: "Der Junge hat eine Psychose. Brechen Sie den Urlaub ab, bringen Sie ihn sofort in eine Fach-Klinik."

Als Maria ihren Sohn in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie bei Heidelberg zurücklässt, ist das für sie erst mal beruhigend: "Ich dachte: Leon ist verhaltensauffällig, hat psychische Probleme. Hier bekommt er eine Therapie, und alles wird wieder gut. Ich war zu naiv, zu unwissend, um zu begreifen. Nervenkrankheit? Psychiatrie? Solche Gedanken ließ ich nicht an mich ran."

Bis die Ärzte die Diagnose stellen: Leon hat Schizophrenie, eine schwere psychische Erkrankung. Maria: "Da kapierte ich endlich."

Untersuchungen belegen: In Deutschland leiden ungefähr 800 000 Menschen an Schizophrenie. Sie kann schon in der Pubertät beginnen, wie bei Leon.

 

Schizophrene leben in ihrer eigenen Welt

Maria will wissen, was in ihrem Kind vorgeht. Sie liest Bücher, informiert sich bei Ärzten und erfährt: Schizophrene können bei Anfällen nicht mehr zwischen Wirklichkeit und ihren Vorstellungen unterscheiden. Sie sehen Dinge, die nicht da sind, hören Stimmen und Geräusche, die es nicht gibt, empfinden Gedanken als fremd, als würden sie ihnen entzogen. Sie versinken in ihrer eigenen Welt.

Leon kommt in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie. Für die Eltern bedeutet das: Totale Kontaktsperre! Maria: "Für mich als Mutter war es das Furchtbarste, meinen Sohn völlig abgeben zu müssen. Ich fühlte mich so machtlos." Später erfährt sie: Leon muss auch in eine Zelle mit Filz an den Wänden. In dem Raum sind keine Fenster, keine Möbel – der 13-Jährige Junge soll seine Anfälle dort austoben: Schlagen, kratzen, spucken. Maria: "Ich könnte heute noch heulen vor Wut, wenn ich daran denke."

 

Schizophrenkranke sehnen sich nach Aufmerksamkeit

Die Kontaktsperre wird für den Jungen zum Martyrium. Leon liegt auf der Station nächtelang wach, reagiert hypersensibel. Das Weiß der Wände blendet ihn, schmerzt in den Augen. Er denkt, er wird vergewaltigt, er schreibt Zettel mit Botschaften wie: "Ich weiß, hier sind überall Kameras, die auf mich zeigen." Die Zettel legt er aus, aufs Bett oder auf den Tisch in seinem Zimmer. Maria: "Ein typisches Verhalten, weil Schizophrene sich nach Hilfe und Geborgenheit sehnen."

Leon bekommt starke Medikamente: Neuroleptika mit extremen Nebenwirkungen. Maria: "Er wurde ganz steif, bekam schwer Luft. Er rief mich an, weinte: ‚Mama, hilf mir, ich bin schwer behindert, mein Kopf hängt schief, ich kann kaum noch gehen.' Mein Herz raste, ich fuhr ohne nachzudenken in die Klinik." Aber die Ärzte lassen sie nicht zu ihm. Begründung: Das würde den Behandlungserfolg gefährden. "Das war an Herzlosigkeit nicht zu überbieten."

 

Maria kann das Leid ihres Sohnes nicht mehr mit ansehen und holt ihn aus der Klinik

Hund unterstützt schizophreniekranken jungen Mann
Beim Ausflug mit seinem Border Collie Larry findet Leon Ruhe. Jeden Tag führt der schizophreniekranke 22-Jährige seinen Hund aus© Imago

Nach einem Monat kann Maria das Leid ihres Sohnes nicht mehr ertragen. Sie holt ihn auf eigenes Risiko nach Hause. Phillip, der jüngere Sohn, bekommt sein eigenes Zimmer. Maria: "Er brauchte seine Privatsphäre, wir durften doch auch ihn nicht unnötig belasten." Leon geht es zunächst sogar besser: Er beendet seine Schule, wenn auch ohne Abschluss, bekommt einen Platz in einer therapeutischen Behindertenwerkstatt. Aber es gibt Probleme, so Maria: Immer öfter wollte er morgens nicht aufstehen und dorthin gehen. Mutter und Sohn streiten deshalb häufig. "Ich kaufte ihm als , Friedensangebot' ein Mofa, mit dem er hinfahren durfte. Ich wollte doch alles für ihn tun." Als die Streitereien kein Ende nehmen, resigniert Maria: "Es war für uns alle unerträglich. Ich schlug Leon vor, in eine betreute Wohngruppe zu ziehen."

 

Leon war völlig verwahrlost

Bald bekommt Maria mit: Leon geht jetzt gar nicht mehr zur Arbeit. "Als ich ihn besuchte, bot sich mir ein schreckliches Bild: Mein Sohn inmitten von zig leer getrunkenen Kisten Cola und Aschenbechern, die von Zigarettenstummeln überquellen. Leon war völlig verwahrlost. Er rief mich 20-mal am Tag an, weinte vor Heimweh und drohte, sich umzubringen. Da wurde mir klar: Ich nehme meinen Sohn zu mir – endgültig, und wenn ich ihn bis an mein Lebensende betreue. Ich werde alle seine Anfälle mit ihm zusammen durchstehen."

Es ist schwer für die Familie, das Miteinander-Auskommen zu lernen. Für Maria und ihren Mann wird der Alltag zu einem permanenten Balanceakt, der bedeutet: Leon fördern, ihn aber nicht überfordern. Jeden Morgen muss sie zu ihm sagen: "Leon, geh dich duschen", denn Körperpflege macht in seiner Welt keinen Sinn. Sie muss genau darauf achten, dass er sein Frühstücksbrötchen isst: Die 16 Tabletten, die er täglich nehmen muss, würde sein Magen sonst nicht vertragen. Die Medikamente können Leon nicht heilen, sie lindern nur die Symptome. Er kann jederzeit einen schizophrenen Anfall bekommen. Maria: "Wir haben mit den Ärzten Gesprächsstrategien entwickelt, um Leon zu helfen.

 

Leon muss anerkennen, dass er krank ist

Maria: "Das Wichtigste ist: Ich muss ihm wieder und wieder sagen, dass seine Gedanken krank sind, darf mich nicht auf seine Erlebniswelt einlassen. Ich muss versuchen, ihn in die reale Welt zurückzuholen. Irgendwann sagt Leon dann: , Ja, meine Gedanken sind falsch.' Erst dann ist der Anfall vorbei.

Malerei zur Konzentration bei Schizophrenie
Leon kann sich nur etwa 30 Sekunden lang auf etwas Bestimmtes konzentrieren. Um seine Konzentration zu verbessern, zeichnet der an Schizophrenie Erkrankte Mandala-Bilder© Fotolia

Dann weiß und anerkennt Leon, dass er krank ist, und kommt wieder zur Ruhe."

Maria: "Bestimmt 100-mal am Tag muss ich ihm das sagen. Nie darf ich seine Gedanken verharmlosen oder scherzen. Ich muss gegen ihn anreden, stark bleiben, immer sagen, was die Realität ist."

 

Der Schizophreniekranke übernimmt normale Aufgaben

Leon muss genauso wie andere 22-Jährige Aufgaben übernehmen. Zweimal pro Woche geht er in die Behinderten-Werkstatt. An den anderen Tagen gibt seine Mutter ihm Aufgaben: Wäsche zusammenlegen, Blumen gießen, Kaffee kochen. "Er ist krank, aber er kann das."

Mittags braucht Maria eine Stunde Ruhezeit. "Sonst wird mir alles zu viel." Das sagt sie Leon täglich: "Er muss merken, dass auch ich keine überirdischen Kräfte habe." Dann macht er Mandala-Bilder, grafische Muster, die er mit Buntstiften ausmalt. Eine Aufgabe, die seine Konzentration fördert. Denn abgesehen von den schizophrenen Anfällen benimmt er sich normal. Er ist durchschnittlich intelligent, kann sich aber nur etwa 30 Sekunden konzentrieren. Dann besteht die Gefahr, dass seine Gedanken wieder in die andere Welt flüchten.

 

Heute möchte Maria Vorurteile über Schizophrene abbauen

Leons treuer Freund ist Border Collie Lassy. Einmal am Tag führt er den Hund aus – ganz gleich, in welcher Stimmung er ist. Maria: "Das sind Momente, in denen die Krankheit keine Rolle spielt, Leon glücklich ist und ohne Realitätsverlust lebt."

Maria will jetzt selbst über Schizophrenie aufklären: Vorträge halten, Angehörigenvereine unterstützen. "Ich möchte den Menschen die Angst nehmen und gegen Vorurteile angehen. Viele denken bei Schizophrenie an Doktor Jekyll und Mister Hyde und dass die Betroffenen zwangsläufig gemeingefährlich sind", sagt sie. "Aber das stimmt nicht. Wir wollen, dass Schizophrene nicht einfach als Verrückte abgestempelt werden. Von unseren Freunden und Nachbarn tut das zum Glück keiner. Ich glaube, weil wir immer offen und ehrlich über die Krankheit sprechen und jeder weiß, dass wir als Familie zusammenhalten."

* Namen von der Redaktion geändert

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