Schizophrenie, der Feind in meinem Kopf

Redaktion PraxisVITA
Schizophrenie Erkrankung überwunden
Ganz normal mit Freunden im Café sitzen – früher war das für die 30-Jährige aufgrund ihrer Schizophrenie Erkrankung unmöglich © Fotolia

"Endlich fühle ich mich nicht mehr bedroht und verfolgt" – Manuela litt unter Schizophrenie. Die Stimmen in ihrem Kopf trieben sie fast in den Suizid. Doch die Liebe hat sie gerettet.

 

Verfolgungswahn als typisches Symptom der Schizophrenie

„Mein Gesicht im Spiegel formt sich zu einer Fratze. Überall sind Kameras. Sie suchen mich! Im Radio und Fernsehen. Selbst in der Lampe ist ein Sender versteckt. Ich habe Angst, zerschlage voller Panik die Glühbirne und verletze mich an den scharfen Splittern...“

Manuelas* Stimme zittert, als sie die Zeilen aus ihrem Tagebuch vorliest. Denn die wirren Zeilen zeugen von ihrem ersten schizophrenen Schub.

Sinnestäuschungen, Halluzinationen, Verfolgungswahn – all das ist typisch für die Krankheit. Eine Krankheit, von der in Deutschland 800 000 Menschen betroffen sind. Schizophrene Menschen, so fanden Forscher heraus, haben einen Überschuss der Botenstoffe Dopamin und Serotonin im Kopf. Aber auch seelische Belastungen wie Prüfung oder Trennung spielen eine Rolle – und ebenso die Gene.

"Als ich aus der normalen Welt kippte, war ich gerade 20", erinnert sich Manuela (heute ist sie 30 Jahre alt). Sie wollte Bibliothekswesen studieren, zog nach Hannover – war bereit für ein neues Leben. "Doch ich fühlte mich unwohl in der Stadt. Das Studium überforderte mich. Ich kam mit meinen Mitbewohnern nicht klar, fühlte mich allein."

 

Die Schizophrenie-Kranke zieht sich immer mehr in ihre eigene Welt zurück

In ihrer Einsamkeit zog sich Melanie immer weiter zurück. In ihre eigene Welt. Sie spürte nichts mehr. Keinen Hunger. Keinen Durst. Keine Müdigkeit ...

Tagelang verkroch sie sich in ihrem Bett, als plötzlich etwas Unheimliches geschah: "Ein Männchen saß in der Heizung und machte ständig geheime Klopfzeichen. Dann hörte ich Stimmen, fühlte mich jede Sekunde verfolgt."

Eine der Stimmen redete besonders eindringlich auf sie ein: "Manuela", flüsterte sie immerzu, "du kannst fliegen. Schwebe und du wirst dich in einen besseren Menschen verwandeln." Und so öffnete Manuela das Fenster. Und sprang...

Wie durch ein Wunder überlebte sie den Sturz aus dem dritten Stock. Ein paar Prellungen und Schürfwunden – sonst war alles in Ordnung.

 

„Schizophrenie? Ich sollte eine dieser durchgeknallten sein?“

Zumindest äußerlich. Innerlich tobte das Chaos. Manuela wurde von der Intensivstation auf die Geschlossene gebracht. Dort schnallte man sie ans Bett. "Ich konnte mich nicht bewegen, war umzingelt von fremden Leuten, dachte, die würden mich vergewaltigen."

Sechs Wochen blieb Manuela in der Psychiatrie. "Durch die starken Medikamente war ich wie benommen. Es fühlte sich an, als läge ich unter einem Wattebausch." Erst bei der Entlassung erfuhr sie die Diagnose – ein Schock: "Schizophrenie? Ich sollte eine dieser Durchgeknallten sein?"

Entsetzt zog Manuela zurück in ihre Heimatstadt Bielefeld und begann eine Psychotherapie. Jedoch ohne dauerhaften Erfolg. Immer wieder landete sie in der Klinik. "Es war jedes Mal wie ein Erdbeben im Kopf. Ich wusste zwar, dass nur ich die Stimmen hörte. Aber gerade das machte mir Angst. Sie hatten sich in meinem Gehirn eingenistet und benutzten meine Gedanken."

Doch über diese Gedanken sprach Manuela nie mit ihren Freunden. Zu groß war ihre Angst, abgestempelt zu werden. "Ich wollte doch nicht zu den Verrückten gehören!"

 

Manuela hat gelernt, sich selbst zu lieben

Wer diese "Verrückten" wirklich sind, erfuhr Manuela erst Jahre später einer Selbsthilfegruppe für psychisch Kranke. "Hier traf ich Menschen, denen es genauso ging wie mir. Endlich wagte ich mich hinaus aus meinem Schneckenhaus und redete über die Stimmen in meinem Kopf."

Die Gespräche und der Austausch mit anderen Betroffenen machten Manuela Mut. "Ich akzeptierte, dass die Krankheit ein Teil von mir ist." Ein Teil, mit dem sie lernen wollte, besser umzugehen. Schritt für Schritt krempelte Manuela ihr Leben um. Sie zog in eine neue Wohnung, kaufte sich zwei Katzen und begann eine Verhaltenstherapie. Mit Erfolg! Heute engagiert sie sich sogar ehrenamtlich in der Selbsthilfe. Sie geht regelmäßig zu ihrer Therapeutin, nimmt weiterhin Medikamente und sucht einen neuen Job.

Selbstbewusst schlägt sie die letzte Seite ihres Tagebuchs auf. "Ich achte bewusster auf meine Bedürfnisse", liest sie vor. "Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich eine Frau, die gelernt hat, sich selbst zu lieben."

*Name von der Redaktion geändert

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.