Scham: Warum schämen wir uns?

Verena Elson Medizinredakteurin

Es gibt kaum ein unangenehmeres Gefühl als die Scham: Wir möchten am liebsten im Boden versinken. Das Gesicht wird heiß, wir fühlen uns bloßgestellt. Dass scheinbar alle mitbekommen, wie sehr wir uns schämen, verstärkt die Scham nur noch. Doch trotz all der Pein, die ein beschämter Mensch durchleben muss: Scham ist ein nützliches Gefühl, das wir nicht bekämpfen sollten.

Eine Frau bedeckt ihr Gesicht mit den Händen
Einfach verschwinden – das Bedürfnis, sich zu verstecken, ist ein typisches Symptom der Scham Foto:  iStock/triocean
Inhalt
  1. Was ist Scham?
  2. Ist Scham sinnvoll?
  3. Verlegenheit wirkt sympathisch
  4. Wann entwickelt sich das Schamgefühl bei Kindern?
  5. Wann macht Scham krank?
 

Was ist Scham?

Voraussetzung für Scham ist eine der folgenden Bewertungen einer Situation: „Ich habe einen Fehler gemacht oder versagt“ (z.B. beim Schwarzfahren erwischt; nicht bestandene Prüfung) oder „Ich bin bloßgestellt worden“ (z.B. gerissene Hose; Gefühlsausbruch in der Öffentlichkeit). Die beschämte Person hat das Bedürfnis, zu verschwinden und fühlt sich schwach und wie gelähmt. Verursacher dieses Gefühls ist der Botenstoff TNF alpha – dieser wird vom Immunsystem ausgeschüttet, wenn wir uns schämen.

Typischer Ausdruck der Scham ist ein abgewendeter, gesenkter Blick, ein hängender Kopf und ein eingesackter Oberkörper. Scham dauert im Vergleich zu anderen Emotionen lange an – beschämende Erlebnisse können uns mitunter jahrelang belasten. Wer sich schämt, fühlt sich wertlos und bewertet (zumindest vorübergehend) die eigene Person insgesamt negativ.

Die sogenannte Fremdscham bezeichnet eine Situation, in der wir uns mit einer anderen Person identifizieren und stellvertretend für sie Scham empfinden.

 

Ist Scham sinnvoll?

Die Scham ist ein zutiefst unangenehmes Gefühl – wäre es nicht schön, ein Leben ganz ohne Scham zu führen? Stellen Sie sich einmal vor, Ihr orbitofrontaler Cortex sei geschädigt – das ist der Sitz des Schamgefühls im Gehirn. Das würde bedeuten, Sie würden ab sofort keine Scham mehr empfinden. Ist das wirklich wünschenswert? Sicherlich nicht. Denn ohne Schamgefühl würden wir uns auch entsprechend verhalten: Wir würden nicht mehr merken, wenn wir uns blamieren.

Aus evolutionsbiologischer Sicht sorgt Scham für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung. Um Scham zu vermeiden, hält sich das Individuum an die Regeln seiner Gemeinschaft; die Gemeinschaft wiederum sichert das Überleben des Individuums.

 

Verlegenheit wirkt sympathisch

In der konkreten Situation der Blamage hat die Scham offenbar ebenfalls Vorteile für das Individuum: Wer sich schämt, wirkt sympathisch auf andere und erweckt Empathie und Hilfsbereitschaft. Denn Anzeichen von Verlegenheit werden als Entschuldigung und Schuldeingeständnis gewertet.

So zeigte eine Scham-Studie aus dem Jahr 2012, dass Menschen, die leicht in Verlegenheit geraten, auf andere Menschen sympathischer und vertrauenswürdiger wirken. Zudem sind ihre Mitmenschen eher gewillt, diesen Menschen zu helfen oder mit ihnen zu kooperieren.

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Wann entwickelt sich das Schamgefühl bei Kindern?

Die ersten Schamgefühle entwickeln Kinder im Alter zwischen eineinhalb und vier Jahren. Eine Voraussetzung, um sich zu schämen, ist die Entwicklung der Selbstwahrnehmung, also des Wissens über die Existenz der eigenen Person und der Unterscheidung von anderen Menschen.

Eine weitere Voraussetzung für das Entstehen von Schamgefühl ist die Fähigkeit, wahrzunehmen, dass man als Person von anderen bewertet wird. Kleine Kinder können solche Bewertungen bereits spüren. Zeigen sich ihre Eltern beispielsweise enttäuscht von ihnen, können sie mit Scham reagieren.

Körperscham bemerken die meisten Eltern erstmals im Alter von etwa fünf Jahren bei ihren Kindern. Kinder wollen sich davor schützen, indem sie sich beispielsweise in einer Umkleidekabine und nicht vor den Augen anderer umziehen. Von Erwachsenen wird dieses Verhalten häufig belächelt – dabei unterscheidet sich das Schamgefühl der Kinder nicht von dem von Erwachsenen und sollte dementsprechend ernstgenommen werden. 

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Ausgeprägte Scham bei Jugendlichen

Im Teenageralter nimmt Scham eine ganz neue Bedeutung ein. Denn in dieser Phase der Identitätsfindung bewegen sich die Heranwachsenden immer mehr aus dem schützenden Kreis der Familie heraus und wenden sich ihren Altersgenossen zu. Ihre Akzeptanz in dieser neuen Gruppe hängt stark von den Urteilen und Bewertungen der anderen ab – das ist den Jugendlichen bewusst und kann ihr Verhalten stark prägen.

Zudem können die körperlichen Veränderungen in der Pubertät zu starker Unsicherheit und damit verbundener verstärkter Körperscham führen.

 

Wann macht Scham krank?

Wenn Scham über das normale Maß hinausgeht oder wenn Menschen sie so verinnerlicht haben, dass sie das ganze Leben bestimmt, kann sie psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Suchterkrankungen fördern. Betroffene können sich aus Scham derart aus der Gesellschaft zurückziehen, dass sie schließlich ein Leben in Isolation führen. Bei einer Therapie ausgeprägter Scham steht dann neben der Aufarbeitung eventueller schambehafteter oder traumatischer Erfahrungen die Stärkung des Selbstwertgefühls im Mittelpunkt.

Quellen:

Deutschlandfunk Nova: Schuld und Scham: Belastend, aber notwendig.

Feinberg, Matthew, Robb Willer, and Dacher Keltner (2012): Flustered and faithful: Embarrassment as a signal of prosociality, in: Journal of personality and social psychology.

Schuhrke, Bettina (1999): Scham, körperliche Intimität und Familie, in: Zeitschrift für Familienforschung.

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