Rückrufskandal in Deutschland: Giftiges Ethylenoxid im Handel

Mona Eichler Health-Redakteurin

Das krebserregende Pestizid Ethylenoxid könnte in weitaus mehr Lebensmitteln verarbeitet sein, als in Deutschland von Rückrufen betroffen sind. Alle Details!

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Verbraucherschützer schlagen Alarm: Ein in der EU geltender Beschluss zum Schutz vor dem krebserregenden Pestizid Ethylenoxid werde in Deutschland nicht konsequent genug umgesetzt. In der Folge bleiben potentiell kontaminierte Lebensmittel im Handel statt über Rückrufe aus dem Verkauf genommen zu werden. 

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Ethylenoxid: Krebserregend und erbgutverändernd

Seit Monaten häufen sich Rückrufe aufgrund von Ethylenoxid-Rückständen in Lebensmitteln. Das gasförmige Pestizid wird unter anderem als Desinfektions- und Pflanzenschutzmittel in der Landwirtschaft eingesetzt. Es ist in Deutschland seit 1981, in der EU seit 1991 in der Lebens- und Futtermittelindustrie verboten und wird vom Bundesinstitut für Risikobewertung als krebserregend und erbgutverändernd eingestuft. Gleiches gilt für das Ethylenoxid-Abbauprodukt 2-Chlorethanol. 
Andere Länder setzen das Gas weiterhin ein.

 

Deutschland: Rückrufe nicht umfassend genug

Schon 2020 wurden zahlreiche Lebensmittel – von Müsli bis hin zu Knäckebrot – wegen einer zu hohen Ethylenoxid-Belastung in Sesam zurückgerufen. Stiftung Warentest veröffentlichte daraufhin eine Liste mit unbelasteten Sesam-Produkten. Anfang Juni wurde schließlich bekannt, dass auch große Mengen des Zusatzstoffs E410 bzw. Johannisbrotkernmehl mit Ethylenoxid belastet sind. E410 findet sich als Verdickungsmittel oder Stabilisator insbesondere in Speiseeis, aber auch in Back- und Fleischwaren sowie in Konfitüren.

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Die Organisation foodwatch weist aktuell immer wieder darauf hin, dass ein in der EU geltender Beschluss bezüglich Ethylenoxid in Deutschland nicht ausreichend umgesetzt werde und potentiell kontaminierte Lebensmittel deswegen im Handel bleiben. 

 

Rückrufskandal in Deutschland

Laut EU-Beschluss müssen Lebensmittel zurückgerufen werden, sobald eine oder mehrere Zutaten kontaminiertes E410/Johannisbrotkernmehl enthalten – selbst wenn im Endprodukt die Nachweisgrenze nicht überschritten wird. Laut foodwatch wird dies in Deutschland vor allem mit Blick auf Eiscreme nicht streng genug umgesetzt. 

Ein grundlegendes Problem ist die Frage, wie viel Ethylenoxid zu viel ist. Hierzu gibt es verschiedene Grenzwerte, an denen Hersteller sich orientieren können aber nicht müssen. Bei Sesam etwa liegt der Grenzwert bei 0,05 Milligramm Ethylenoxid pro Kilogramm. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat indes sogenannte "Aufnahmemenge geringer Besorgnis" formuliert, die festlegen, wie viel Ethylenoxid Verbraucher:innen täglich zu sich nehmen könnten, ohne dass das zusätzliche Risiko an Krebs zu erkranken, 1:100.000 übersteigt. In diesem Fall wären das 0,037 Mikrogramm Ethylenoxid pro Kilogramm Körpergewicht und Tag.

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Rückrufe: Deutschland ist Schlusslicht

Wie foodwatch basierend auf eigenen Recherchen berichtet, liegt Deutschland deutlich zurück, was öffentliche Rückrufe angeht. Die Auflistung zeigt die Rückrufe von potentiell mit Ethylenoxid belasteten Eis-Produkten seit Juni 2021 im Überblick:

  • Frankreich: fast 1.000 Rückrufe
  • Luxemburg: mehr als 250 Rückrufe
  • Slowenien: etwa 100 Rückrufe
  • Polen: 32 Rückrufe
  • Italien: 15 Rückrufe
  • Deutschland: 6 Rückrufe
 

Ethylenoxid: Nestlé-Tochter Froneri betroffen

Im September bestätigte der Speiseeishersteller Froneri gegenüber foodwatch, dass er von einem Lieferanten mit Ethylenoxid kontaminiertes Johannisbrotkernmehl bezogen hatte. Da die Zutat allerdings nur "in äußerst geringen Mengen" verwendet worden sei, habe man in Absprache mit den in Deutschland "zuständigen Behörden" auf Rückrufe verzichtet. 

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Welche Marken von Froneri genau betroffen sind, wurde nicht mitgeteilt. Die Nestlé-Tochter produziert verschiedene Markeneiscremes, darunter Smarties, Milka und Kit Kat. In Spanien, Frankreich, Polen oder Österreich hat Froneri bereits erste Eis-Produkte der Marken Smarties, Nuii oder Oreo zurückgerufen, in Deutschland ist dieser Schritt bisher nicht erfolgt. Es wird darauf verwiesen, dass die Endprodukte kein Ethylenoxid enthalten. Das Pestizid sei lediglich in einer Zutat und dies auch nur kurzzeitig nachweisbar gewesen. 

 

foodwatch fordert umfassende Rückrufe

Oliver Huizinga, Kampagnendirektor bei foodwatch, klagt mit Blick auf eine mögliche Ethylenoxid-Kontaminierung an: "Krebserregende Stoffe haben in unserem Essen nichts verloren. Es ist inakzeptabel, wenn Froneri die Menschen in anderen Ländern besser schützt als in Deutschland."

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Quellen:
Hohe Dunkelziffer bei Ethylenoxid in Lebensmitteln, in: foodwatch.org
Gesundheitliche Bewertung von Ethylenoxid-Rückständen in Sesamsamen, in: bfr.bund.de
Summary record of the Food and Feed Crisis Coordinators meetings of 29 June 2021, 30 June 2021 and 13 July 2021 on the presence of ethylene oxide above the limit of quantification in locust bean gum (food additive E410), in: ec.europa.eu

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