Rote Beeren für den Kopf

Jetzt leuchten uns wieder die kräftigen Beeren-Farben in Gärten und auf Märkten entgegen. Genau diese Farben bergen auch die verblüffende Gesund-Wirkung der kleinen Früchte. Wie schon eine Handvoll rote Beeren pro Woche unser Gehirn schützt, haben Wissenschaftler jetzt herausgefunden…

James Joseph ist einer der renommiertesten Neurowissenschaftler der Welt, lehrt an der Tufts Universität in Boston – und ist bekennender Beerenfan. Seine liebste Sorte: die kleinen, blauen und köstlich süßen Heidelbeeren. Zum Frühstück im Müsli, als Nachtisch im Obstsalat, zum Kaffee pur gelöffelt – jeden Tag stehen sie auf seinem Speiseplan. Sogar seine Studenten bekommen ständig zu hören: „Esst Blaubeeren!“

Knapp 6000 Kilometer entfernt, im niedersächsischen Oldenburg, beschäftigt die Molekularbiologin Christiane Richter-Landsberg etwas ganz anderes: Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Und zwar rapide: Bis 2030 wird sich die Gruppe der über 80-Jährigen mehr als verdoppeln. Und eine der Hauptsorgen der Medizin wird sein, die unweigerlich mit dem Alter nachlassenden Gehirnfunktionen zu erhalten. „Man hat erkannt, dass in der alternden Bevölkerung die Anzahl an neurodegenerativen Erkrankungen immer größer wird und dies ein ernstes gesellschaftliches Problem darstellt“, erklärt Richter-Landsberg.

Rote Beeren
Studien zeigen, dass bunte und besonders rote Beeren unserer Gedächtnis unterstützen können© Alamy
 

Rote Beeren: der beste Treibstoff für unser Gehirn

Was diese beiden Geschichten miteinander zu tun haben? Nun: Beide Wissenschaftler sind auf der Suche nach einen Mittel, um unsere immer älter werdenden Gehirne möglichst lange gesund zu halten. Und Dr. Joseph scheint die Lösung gefunden zu haben: seine geliebten Blaubeeren. Als der sein Lieblingsobst nämlich in einer Studie untersuchte, stellte er fest: Bunte, besonders aber rote Beeren sind offenbar in der Lage, die Funktion des alternden Gehirns zu verbessern und den geistigen Abbau zu verlangsamen. Ratten, deren Gehirne künstlich gealtert wurden, waren deutlich besser vor neuronalen Abbauprozessen geschützt als eine Vergleichsgruppe, wenn sie einen Monat lang Heidelbeeren und Erdbeeren fraßen. Das Fazit der Studie: Die Früchte müssen einen Stoff enthalten, der dem Gehirn dabei hilft, sich selbst zu heilen.

 

Wie die kleinen Früchte den Müllschlucker in unserem Kopf aktivieren

Autophagie nennen Neurologen die Fähigkeit des Gehirns, sich selbst vor Schäden zu schützen, indem es giftige Abfallprodukte beseitigt. Sie ist wie eine Müllabfuhr, die den Abbau und das Recycling von Zellbestandteilen regelt und den Giftmüll in unserem Kopf abtransportiert. Funktioniert dieser Prozess nicht einwandfrei, kann das Gehirn sich nicht von Zellmüll wie beispielsweise toxischen Eiweißen befreien. Die verklumpen schließlich – mit schwerwiegenden Folgen, wie die Professorin für Molekulare Neurobiologie erklärt: „Im Gehirn von Patienten mit Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankung und auch mit anderen Krankheiten, die mit dem Verlust des Gedächtnisses oder mit Bewegungsstörungen einhergehen, sind krankhafte Ablagerungen von Proteinen zu beobachten, typische Eiweißverklumpungen“, sagt Prof. Richter-Landsberg. Den Autophagie-Mechanismus zu verstehen und gezielt zu unterstützen, ist deshalb so etwas wie der heilige Gral der Alzheimer- und Parkinsonforschung. Und bunte, aber besonders rote Beeren fördern offenbar die Autophagie und verhindern so die Alterung des Gehirns.

Nervenbahnen
Schon eine Portion Beeren am Tag sorgt dafür, dass neue Nervenzellen im Gehirn entstehen© Alamy

Diesen Effekt bestätigte auch eine Untersuchung der Harvard-Universität in Boston. „Es ist die größte, jemals zu diesem Thema durchgeführte Studie,“ sagt Elizabeth Devore, Epidemiologin und Leiterin der Studie. Für die Nurses Health Studies, die schon seit 1976 läuft, befragten sie und ihr Team in regelmäßigen Abständen 120 000 Krankenschwestern nach ihren Lebensgewohnheiten und ihrer Gesundheit. Dabei wurde auch die Häufigkeit von Krankheiten in Zusammenhang mit der Ernährung gesetzt. Und bei ausführlichen kognitiven Tests wurde klar: Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem lebenslangen Verzehr von Beeren und der geistigen Fitness im Alter. „Vor allem bei Frauen, die regelmäßig rote Beeren wie Erdbeeren oder auch Blaubeeren essen, ist ein Rückgang des Gedächtnisverlustes zu beobachten“, erklärt Dr. Devore. „Und das nur durch eine relativ kleine Veränderung in der Ernährung.“ Das Ergebnis der Harvard-Forscher: Wer einmal pro Woche eine Portion (200 Gramm) Blaubeeren oder zweimal wöchentlich eine Portion Erdbeeren isst, verzögert die natürlichen Alterungsprozesse um bis zu zweieinhalb Jahre, die Parkinson-Rate ist um 40 Prozent erniedrigt.

 

Warum der Beeren-Farbstoff Vorbild für Parkinson-Medikamente ist

Doch worin liegt nun das Geheimnis der Beeren, das ihnen eine so immense Wirkung verleiht? „Flavonoide“ heißt das Zauberwort. Nehmen wir diesen Pflanzenstoff mit der Nahrung zu uns, gelangt er in die Blutbahnen. „Unsere Studien zeigen, dass Flavonoide, besonders eine spezielle Gruppe davon, die Anthocyane, einen nervenschützenden Effekt haben“, sagt Xiang Gao von der Harvard School of Public Health in Boston. Anthocyane, das sind die wasserlöslichen Pigmente, die den Beeren ihre charakteristisch rötliche oder blaue, teilweise sogar fast schwarze Färbung verleihen. Ihr Vorteil: Sie überwinden die Blut-Hirn-Schranke mühelos und können so ihre volle Heilkraft im Gehirn entfalten.

Weil die Verstoffwechselung der Anthocyane ein hochkomplexer und bislang auch noch nicht vollständig entschlüsselter Prozess ist, hier in der Kurzfassung, was die Anthocyane bewirken: Bei einer Portion Beeren am Tag sorgen sie nicht nur dafür, dass bei der sogenannten Neurogenese neue Nervenzellen im Gehirn entstehen. Sie regen auch die Signalübertragung zwischen den bereits bestehenden Neuronen an. Das wirkt sich sowohl auf die Bewegungsfähigkeit als auch auf das Denkvermögen positiv aus: Einem Gedächtnisverlust wird massiv entgegengewirkt. Gleichzeitig verbessert sich die Reaktionszeit um ganze sechs Prozent, das räumliche Gedächtnis wird besser, das Balance- und Koordinationsvermögen profitiert. Außerdem werden Enzyme, die wichtige Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin oder Adrenalin hemmen, ausgeschaltet – genau dieser Mechanismus wird auch bei Antidepressiva oder Anti-Parkinson-Medikamenten nachgeahmt. Und: Die Anthocyane bewahren die Gehirnzellen vor bestimmten Proteinen, den Beta-Amyloiden, die im Verdacht stehen, Alzheimer auszulösen. Wenn Dr. Joseph in Boston heute also seine Studenten mahnt: „Esst Blaubeeren!“, dann schüttelt kaum noch jemand den Kopf über diese kauzige Empfehlung. Ganz im Gegenteil...

Rote Beeren im Müsli
Besonders lecker sind bunte und rote Beeren im Müsli – mit einer Handvoll ist der Tagesbedarf so bereits zum Frühstück gedeckt© Alamy
 

Alarmstufe Rot

Mit zunehmendem Alter lässt die Leistungsfähigkeit des Gehirns nach: Die Zahl der Gehirnzellen nimmt ab und der Informationsaustausch der Nervenzellen untereinander funktioniert schlechter. Weitere altersbedingte Veränderungen im Überblick:

 

1. Natürliche Schrumpfung

Während des Alterns verkleinern sich bestimmte Hirnstrukturen. Dazu gehört der Thalamus, der für das Sehen und Hören zuständig ist, sowie der Hippocampus, der das Kurz- und Langzeitgedächtnis steuert. Eine Folge kann eine Alzheimer-Erkrankung sein.

 

2. Verminderte Zirkulation

Wenn Fett sich in den Blutgefäßen des Gehirns ablagert, erhalten die Neuronen nicht ausreichend Nährstoffe, um optimal zu arbeiten. Außerdem scheinen die Fettablagerungen die Entstehung einer Alzheimer-Erkrankung zu begünstigen.

 

3. Gestörte Kommunikation

Bei einer Alzheimer-Erkrankung verkleben giftige Proteine, den sogenannten Beta-Amyloid-Plaques. Sie lagern sich zwischen den Neuronen im Gehirn an und stören so die Kommunikation der Nervenzellen.

 

4. Angriff der freien Radikale

Diese kurzlebigen Molekülfragmente von Sauerstoff- oder Stickstoff-Molekülen schädigen unter anderem die DNA sowie Proteine und Lipide. Außerdem sind sie verantwortlich für die Zellalterung.

 

Wenn bunte und rote Beeren ins Spiel kommen

Zahlreiche Studien zeigen ihre positive Wirkung auf das Gehirn:

 

1. Freie Blutgefäße

Die Inhaltsstoffe der Beeren verhindern Ablagerungen in den Arterien. So gewährleisten sie eine optimale Durchblutung und damit Nährstoffversorgung der Neuronen.

 

2. Bekämpfung der Gegner

Der Gegenspieler zu den schädlichen freien Radikalen sind die Flavonoide in roten und violetten Früchten. Die Antioxidantien setzen die schädlichen Radikalmoleküle außer Gefecht.

 

3. Mehr Neuronen im Gehirn

Flavonoide unterstützen die sogenannte Neurogenese – die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn. Außerdem verbessern sie die Signalübertragung zwischen den bereits bestehenden Neuronen.

Wie gesund welche Beeren sind, erfahren Sie in unserer Bildergalerie.

Und in unserem Video verraten wir, was Sie über leckere Sommerbeeren wissen sollten:

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