Richtig heben beim Pflegen: So geht es

Redaktion PraxisVITA
Das Pflegen von Angehörigen ist für den Rücken sehr belastend – darum ist es wichtig, das Heben und Umbetten möglichst rückenschonend zu gestalten
Das Pflegen von Angehörigen ist für den Rücken sehr belastend – darum ist es wichtig, das Heben und Umbetten möglichst rückenschonend zu gestalten © SilviaJansen/iStock

Beim Heben, Halten oder Umbetten: Mit den richtigen Techniken werden die Knochen, Muskeln und Gelenke im Pflegealltag vor dauerhaften Schäden bewahrt.

Wer einen Angehörigen pflegt, trägt oft wortwörtlich eine schwere Last. Das Heben, Aufrichten oder Tragen führt häufig zu Verspannungen, Rückenschmerzen oder Bandscheibenvorfällen. Jeder sechste Pflegende leidet unter Muskel-Skelett-Erkrankungen – bei Nicht-Pflegenden ist es nur jeder Zehnte. Richtig zu heben ist darum eine wichtige und effektive Vorbeugemaßnahme.

„Auch die seelische Belastung kann Spuren hinterlassen. Dauerhafter Stress äußert sich in den meisten Fällen durch Rückenprobleme“, sagt Altenpflegerin Jowita Rößler. „Die körperliche Anspannung sorgt dafür, dass die Muskeln verspannen. Diese Schmerzen wiederum bewirken neuen Stress.“

Entlastungsangebote für pflegende Angehörige
Für Pflegende  

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Die Bandscheiben leiden unter falschem Heben

Studien zeigen, welchem enormen Druck die Bandscheiben ausgesetzt sind, wenn etwas falsch gehoben wird. Wer mit krummem Rücken 50 Kilogramm hebt, belastet die unteren Lendenwirbel mit dem Gewicht eines Kleinwagens. Ist die Bandscheibe durch den Alterungsprozess schon degeneriert, besteht die Gefahr, dass die Faserhülle, die den Gallertkern der Bandscheiben umschließt, reißt. Dann kann sich der Kern in Richtung Rückenmark wölben, was die Nerven reizt. Verspannungen, ein Hexenschuss oder Ischias-Beschwerden sind häufig die Folge. Oder der Kern tritt heraus und klemmt den Nerv ein. So ein Bandscheibenvorfall ist mit Schmerzen, Bewegungseinschränkungen, Taubheitsgefühlen bis hin zu Lähmungen verbunden.

Richtige Fußstellung beim Heben

Für das richtige Heben ist die Position der Füße enorm wichtig: Eine mindestens hüftbreite und parallele Fußstellung sorgt für Stabilität beim Heben und Aufrichten. Die Knie sind leicht gebeugt. Für einen breiteren, festeren Stand die Beine grätschen. Zum Lagern und An- und Auskleiden des zu Pflegenden einen Schritt nach vorne und hinten versetzt machen.

Abgenutzte Bandscheiben und eine geschwächte Rückenmuskulatur erhöhen bei falschem Heben und einseitiger Belastung das Risiko für eine Wirbelblockade. Dann gleitet ein Wirbel aus seiner Position, reizt einen Nerv und übt schmerzhaften Druck auf ihn aus. Da die Muskeln versuchen, die Fehlstellung auszugleichen, kommt es zu starken Verspannungen und auch Bewegungseinschränkungen. Viele Betroffene nehmen eine Schonhaltung ein, um die Schmerzen auszugleichen. Das führt zu weiteren Verspannungen – ein Teufelskreis. Durchbrechen können ihn Pflegende, indem sie lernen, wie sie ihren Angehörigen richtig heben, stützen und umbetten. 

 

Richtiges Heben in Kursen lernen

Der Pflegealltag besteht aus vielen komplexen Bewegungsabläufen – wie man sich in welcher Situation am besten rückenschonend verhält, können Pflegende in speziellen Kursen lernen. In sogenannten Kinaesthetics-Kursen lernen sie Bewegungsabläufe, die sowohl ihren eigenen Körper schonen als auch die Selbstständigkeit und Mobilität der pflegebedürftigen Person fördern. Der Grundgedanke hinter dem Konzept ist folgender: Der zu pflegende Angehörige soll nicht „wie eine Sache“ gehoben und manövriert werden – denn das ist nicht nur entmutigend für den Betroffenen, sondern auch besonders anstrengend für den Pflegenden. Stattdessen soll der Pflegebedürftige in seinen noch möglichen Bewegungen unterstützt und geführt werden. Der doppelte Gewinn: Mehr Lebensqualität für den Pflegebedürftigen und weniger Rückenprobleme für den Angehörigen. Kinaesthetics-Kurse findet man unter www.wir-pflegen-zuhause.de. Die Kosten werden, unabhängig von der Kassenzugehörigkeit, von der Barmer GEK übernommen.

Kurse zu dem sogenannten Bobath-Konzept richten sich an Menschen, die Angehörige mit Lähmungen und Bewegungsstörungen, beispielsweise in Folge eines Schlaganfalls, pflegen. Das Ziel der dort erlernten Techniken: Gesunde Hirnregionen sollen die Aufgaben der geschädigten Areale übernehmen. So wird der Patient selbstständiger und der Pflegende bei den alltäglichen Aufgaben erleichtert. Schulungen rund um die Pflege, richtiges Heben und Tragen werden von den Pflegekassen und vielen ambulanten Pflegediensten kostenlos angeboten.

Aufstehhilfe Haltegriff
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Aufstehhilfe Bett – für mehr Selbstständigkeit im Alter

 

Richtig heben heißt möglichst gar nicht heben

Die folgenden Anleitungen sollen veranschaulichen, wie man den Angehörigen in seinen Bewegungen unterstützt, ohne ihn dabei heben oder tragen zu müssen.

SituationSo geht's richtigWas zu beachten ist
Beim Gehen stützenEinen Arm von hinten fest um die Taille des Pflegebedürftigen legen. Gleichzeitig seine Hand gut an der eigenen Hüfte festhalten.Den Pflegebedürftigen nicht nur am Arm unterhaken, das sorgt für Instabilität.
Zum Stehen aufhelfenDer zu Pflegende rutscht über die Pobacken an die Stuhlkante. Der Angehörige hält dessen Ellenbogen, stützt die Unterarme mit seinen ab. So einen Arm zurückschieben, die Schulter geht nach hinten. Die Vorwärtsbewegung der anderen Schulter zum Aufstehen nutzen.Der Angehörige sollte im Ausfallschritt stehen, ein Fuß ist vorne, die Knie sind leicht gebeugt. Nie an den Händen oder Handgelenken des Pflegebedürftigen ziehen. Das kostet viel Kraft und kann bei ihm zu Schmerzen führen.
Von der Rücken- in die Seitenlage drehenDie Beine anwinkeln und vor dem Po aufstellen. Die Knie und Füße jeweils mit einer Hand auf die Seite drehen. Dann eine Hand auf den oberen Beckenkamm legen, die andere ans Schulterblatt. Mit der Hand erst das Becken auf die Seite drehen, dann die Schulter.Die Beine nicht durch Anheben aufstellen. Schonender ist es, sie von außen nach innen anzuwinkeln und hochzuschieben. Das untere Becken des Pflegebedürftigen leicht rausziehen, dann lastet weniger Druck auf dem Knochen.
Auf die Bettkante setzenDen Pflegebedürftigen auf die Seite drehen. Das obere Bein sollte gebeugt sein. Erst das untere Bein rausziehen und den Unterschenkel über die Bettkante hängen, dann das obere. Eine Hand auf das Schulterblatt und eine auf den Beckenkamm legen. Das Becken nach unten drücken, die Schulter mit der Hand stützen.Für rückenschonendes Arbeiten das Bett höherstellen. Ist das nicht möglich, die Beine beugen, damit die passende Arbeitshöhe entsteht. Darauf achten, dass der zu Pflegende beim Sitzen fest mit den Füßen auf dem Boden steht.
Von der Bettkante auf einen Stuhl setzenZum Stehen aufhelfen, wie oben beschrieben. Die Unterarme stützen und sich dann in kleinen Schritten, dem sogenannten „Bärengang“, mit dem Pflegebedürftigen in Richtung Stuhl drehen. Ihn stützen, bis er sitzt.Keine Drehbewegung mit dem Oberkörper machen. Diese Rotation kann die Wirbelsäule schädigen. Daran denken, dem zu Pflegenden vorher rutschfestes Schuhwerk anzuziehen.
 

Rückenschonend pflegen

Diese Tipps helfen, den Rücken bei täglichen Pflegeaufgaben zu entlasten:

  • Hilfsmittel nutzen: Die Kassen übernehmen die Kosten für ein höhenverstellbares Pflegebett, wenn der Gesundheitszustand des Pflegebedürftigen es erfordert. Eine Drehscheibe (ab 35 Euro) oder ein Rutschbrett (ab 50 Euro, im Sanitätshandel) erleichtern den Transfer oder die Bettlagerung.
  • Atmen und anspannen: Vor der Belastung kräftig einatmen und währenddessen ausatmen. Die Bauchmuskeln beim Tragen oder Heben immer anspannen, das unterstützt die Wirbelsäule.
  • Den Rücken gerade halten: Zum Heben oder Beugen den Oberkörper nur aus dem Hüftgelenk neigen. So wird eine Fehlbelastung der Bandscheiben vermieden.
  • Arbeiten wie ein Gewichtheber: Gewicht immer möglichst nahe am Körper und aus den Beinen heraus stemmen – durch gleichmäßiges Strecken der Knie- und Hüftgelenke.
 

Muskeln und Seele unterstützen

Zum Ausgleich von Stress eignen sich Entspannungstechniken wie Yoga und Meditation. Bewegungsarten wie Nordic Walking, Schwimmen und Tanzen wirken wie ein Ganzkörpertraining. Sie stärken die Muskeln, Knochen und Gelenke und heben die Laune. In Rückenschul-Kursen wird die gesamte Rumpf-Muskulatur gestärkt. Volkshochschulen bieten Kurse an (ab 20 Euro), die von den Krankenkassen ganz oder teilweise übernommen werden.

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