Raus oder nicht raus – wann ist eine OP sinnvoll?

Rasmus Cloes
Ärzte schauen auf Patienten
Wann müssen Sie sich unters Messer legen? © Fotolia

Bei einer Blinddarmentzündung ist meist keine Operation notwendig – das zeigt eine aktuelle finnische Studie. Trotzdem raten Ärzte in vielen Fällen dazu, ihn operativ zu entfernen. Praxisvita erklärt, wann es wirklich notwendig ist, Blinddarm, Mandeln und Co. herauszunehmen.

 

Blinddarm

Seit über 100 Jahren ist die operative Entfernung des Blinddarms die Standard-Therapie bei einer Blinddarmentzündung. Jetzt zeigt eine Untersuchung finnischer Wissenschaftler, dass sie in den meisten Fällen gar nicht notwendig ist. An der im „Journal oft the American Association“ veröffentlichten Studie nahmen 530 Patienten zwischen 18 und 60 Jahren mit Blinddarmentzündung teil. Nach dem Zufallsprinzip wurden sie entweder mit Antibiotika behandelt oder ihr Blinddarm wurde operativ entfernt. Das Ergebnis: Drei von vier Probanden der Antibiotika-Gruppe erholten sich nach der Behandlung, ohne dass eine OP notwendig wurde. Gingen die Beschwerden durch die Medikamente nicht zurück und die Patienten mussten doch operiert werden, hatten sie durch die Wartezeit keine Nachteile wie etwa Komplikationen. Bei einem Blinddarmdurchbruch oder anderen komplizierten Verläufen einer Blinddarmentzündung raten Studienleiter allerdings weiterhin zur OP.

 

Mandeln

Sie gehört zu den chirurgischen Eingriffen, deren Notwendigkeit immer wieder hinterfragt wird: die Mandeloperation. Bis vor einigen Jahren entfernten Ärzte entzündete Gaumenmandeln, die sogenannten „Tonsillen“, häufig zu früh. Bei Kindern sind diese nämlich an der Ausbildung des Immunsystems beteiligt. Ohne Mandeln können sich die Abwehrkräfte nicht voll entfalten. Deshalb sinkt die Operationsrate immer weiter. 2010 wurden rund 130.000 Eingriffe durchgeführt, 2013 nur noch 90.000 – zwei Drittel davon an Kindern und Jugendlichen. Das Problem: Auch Erwachsene mit chronischen Halsschmerzen werden nun seltener operiert. Sie brauchen die Mandeln aber nicht mehr unbedingt für ihre Immunabwehr und würden oft von einem Eingriff profitieren.

Mandelentzuendung bei Kindern
Ärzte warten heutzutage länger, bevor sie entzündete Mandeln operieren. Das gilt besonders bei Kindern. Denn Mandeln schützen vor Keimen und sind damit ein wichtiger Teil des Immunsystems© Fotolia

Wenn Patienten viermal pro Jahr oder häufiger unter einer Mandelentzündung leiden, spricht man von einer „chronischen Tonsillitis“. Diese kann gefährlich werden: Durch die häufige Gabe von Antibiotika wird das Immunsystem geschwächt. Zudem können die für die Entzündung verantwortlichen Streptokokken auf Dauer starke Herz- oder Nierenschäden und Gelenkschmerzen verursachen. Auch für die Stimmbänder ist jeder neue Infekt eine große Belastung. Darum sollten Patienten mit einer chronischen Mandelentzündung eine Operation in Betracht ziehen. Mediziner der Universität von Oulu in Finnland haben kürzlich eine Studie mit erwachsenen Teilnehmern durchgeführt, die regelmäßig unter Tonsillitis litten. Einem Teil der Patienten wurden die Mandeln entfernt. Diese Gruppe klagte später seltener über Halsschmerzen. Bekamen die operierten Patienten doch einen Infekt, klang dieser viel schneller wieder ab.

 

Nasenpolypen

Sie sind eine häufige Ursache für einen längerfristigen Verlust des Geruchssinns und Schnarchen: Polypen in der Nase. Ähnliche Symptome verursachen auch eine schiefe Scheidewand oder zu große Nasenmuscheln. Bei allen drei Problemen hilft generell meist nur eine Operation. Einzig die Polypen lassen sich, da eine Entzündung die Ursache ist, in frühen Stadien mit Kortison-Präparaten behandeln.

Lassen sich aller dieser Gründe ausschließen, dann handelt es sich oft um eine chronische Nebenhöhlenentzündung. Sie lässt sich gut mit Antibiotika behandelt und eine OP ist in diesem Fall nicht nötig.

 

Krampfadern

Krampfadern bringen Schmerzen, Juckreiz und Spannungsgefühle in den Beinen mit sich. Diese Symptome lassen sich durch nicht-operative Maßnahmen wie Beingymnastik, Wechselduschen und Kompressionsstrümpfe lindern. Sind die Krampfadern jedoch fortgeschritten, sollten sie entfernt werden. Denn auf Dauer schädigen sie das Venensystem und können zu Venenschwäche und offenen Beinen führen. Wann die Operation notwendig ist, entscheidet der Arzt.

Krampfadern durch Barfußlaufen vorbeugen
Barfußlaufen auf weichem Untergrund unterstützt den Blutfluss in den Venen und kann dadurch Krampfadern vorbeugen© Shutterstock

Doch es gibt ein weiteres Argument für eine OP: Krampfadern sind, gerade im Sommer, für Außenstehende gut sichtbar – auch dieser ästhetische Aspekt ist für viele Betroffene der Grund, sich für eine Operation zu entscheiden. Denn durch nicht-operative Maßnahmen lassen sich zwar die Symptome lindern, die Krampfadern verschwinden aber nicht ganz.

 

Gallensteine

Jede dritte OP ist überflüssig alternativ können die Gallensteine auch zertrümmert werden, z. B. mit Stoßwellen. Generell gilt: Wenn die Gallenblase Beschwerden macht, handelt es sich entweder um Steine, mangelnde Gallensaft-Absonderung oder auch um eine Entzündung des Organs. Wichtig ist: Ein Arzt sollte klären, ob eine Entzündung oder Steine vorliegen.

Gegen Abflussstörungen und mangelnde Bildung von Gallensaft in der Leber helfen Bitterstoffe, z. B. bittere Salate und Kräutertees. Treten Probleme nach üppigen Mahlzeiten auf, sind Artischocken-Kapseln (Apotheke, Reformhaus) schnell wirksam. Am besten nehmen Sie eine bis zwei direkt zum Essen.

Bei chronischen Beschwerden der Gallenblase mit Druck- und Schmerzgefühl hat sich die Kombination von Frischpflanzensäften aus Schwarzrettich und Artischocken (Apotheke, Reformhaus) sehr gut bewährt. Beide Säfte können Sie kurmäßig für vier Wochen nach Packungsbeilage nehmen.

Gallensteine müssen nur behandelt werden, wenn sie Beschwerden verursachen. In etwa 80 Prozent der Fälle verbleiben sie unverändert in der Galle und richten dort keinen Schaden an. Gefährlich wird es jedoch, wenn regelmäßig Steine in den Gallengang wandern, da es dann nicht nur extrem schmerzt, sondern auch zu Entzündungen von Gallenblase und Bauchspeicheldrüse kommen kann. Daher sollte in solchen Fällen das Entfernen der Gallenblase in Erwägung gezogen werden.

 

Weisheitszähne

Über eine Million Menschen lassen sich allein in Deutschland jedes Jahr die Weisheitszähne ziehen. Der Grund: Im Mund ist nicht mehr genügend Platz. Wissenschaftler fanden heraus, warum wir zu viele oder zu große Zähne für unsere kurzen und breiten Kieferknochen haben: Der Kiefer hat sich durch weiche Nahrung evolutionär verändert. Wir brauchen den Mund nicht mehr, um Fleischstücke aus erlegten Tieren herauszureißen. Aber unsere Beißwerkzeuge sind noch immer die von Steinzeitjägern. Sollte man sie darum vorsorglich entfernen?

Die Antwort lautet: Nein! Klar, wenn sie schmerzen oder entzündet sind: nichts wie raus damit! Aber wenn sie keine Probleme machen, ist es laut neuen Studien grundsätzlich falsch, sie herauszuoperieren. Außerdem kann das - oft nicht einfache - Ziehen dieser tief verwurzelten Zähne heftige Blutungen, manchmal auch Entzündungen auslösen. Und: Bei jedem 100. Patienten bleiben dauerhafte Empfindungsstörungen von Zunge oder Unterlippe zurück.

 

Gebärmutter

Jährlich wird in Deutschland bei 150 000 Frauen die Gebärmutter entfernt. Doch nur bei gut sechs Prozent davon liegt laut dem Robert-Koch-Institut eine bösartige Erkrankung vor, die eine OP zwingend erforderlich macht. In den meisten anderen Fällen handelt es sich um einen "Wahl-Eingriff". Und den erachten kritische Experten vielfach als überflüssig bzw. medizinisch nicht notwendig. Schließlich gibt es alternative Methoden, die beispielsweise auch bei Myomen erfolgreich sind. Diese gutartigen Muskelknoten sind ein weiterer häufiger Grund für den Eingriff - doch sie können heute gut mit Bestrahlungen oder einer organerhaltenden Operation therapiert werden. Doch warum wird die Gebärmutter dann trotzdem so oft entfernt?

Eine Impfung gegen HPV ist sinnvoll
Eine Impfung gegen HPV ist sinnvoll, weil das Virus Gebärmutterhalskrebs auslösen kann. Wer geimpft ist erkrankt deutlich seltener© Fotolia

Kritiker vermuten dahinter vor allem wirtschaftliche Interessen. Eine Operation bringt den Kliniken immerhin 3300 Euro. Andere sprechen von einer Mode-OP. Schließlich ist es für Ärzte die sicherste Lösung. Die Patientinnen aber bezahlen dafür oft einen hohen Preis: z. B. ein verdoppeltes Risiko für Stress-Inkontinenz. Schließlich hat die Gebärmutter einen Schlüsselplatz im weiblichen Unterkörper. Daher hinterlässt die Entfernung dort eine Schwachstelle, warnt der Frauenarzt Prof. Dr. Klaus Goeschen.

So können danach Probleme mit dem Verdauungstrakt auftreten, aber auch Harnwegsinfektionen, eine Absenkung der Scheide oder ein vorzeitiger Eintritt der Wechseljahre. Nicht unerheblich sind auch die seelischen Folgen, mit denen manche Patientinnen auf den Verlust der Gebärmutter reagieren - von Wut und Trauer bis hin zu Depressionen. Daher gilt: Vor einer Operation sollten alle alternativen Methoden ausgeschöpft werden.

Hamburg, 17. Juni 2015

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