Raus aus der Komfortzone!

Redaktion PraxisVITA

Keine Lust auf Geschlechtsverkehr - wie "normal" ist das? Professor Uwe Hartmann, Sexualforscher und wissenschaftlicher Leiter des Sexualmedizinischen Kompetenzzentrums Hannover, gibt im Interview mit PraxisVITA die Antworten und verrät, wie Pärchen ihr Liebesleben auffrischen.

Wann sprechen Mediziner vom Libidoverlust? Und wer definiert, wie viel Lust normal ist und ab wann wenig Sex „behandlungsbedürftig“ sein soll?

Tatsächlich ist es sehr schwierig zu definieren, wie viel Lust „zu wenig Lust“ ist, da es keine allgemeingültigen Normen gibt und einen sehr großen Schwankungsbereich hinsichtlich des Interesses an Sexualität, sowohl zwischen den Menschen als auch jedem von uns in verschiedenen Lebensphasen und unter verschiedenen Rahmenbedingungen. Deshalb sind die medizinischen Kriterien für die Luststörung auch mehrfach verändert und angepasst worden.

Professor Uwe Hartmann im Interview mit PraxisVITA
Interview mit Professor Uwe Hartmann, Sexualforscher und wissenschaftlicher Leiter des Sexualmedizinischen Kompetenzzentrums Hannover© Professor Uwe Hartmann

Zu den wichtigsten heute gültigen Kriterien zählen ein generell vermindertes Interesse an sexuellen Aktivitäten, eine fehlende Initiative sowie eine Unempfänglichkeit gegenüber entsprechenden Versuchen des Partners. Oft (aber nicht immer) ist auch die sexuelle Erregung während einer sexuellen Aktivität vermindert. Subjektiv hat die Frau das Gefühl, dass sie Sex nicht braucht und nichts vermisst. Sie erlebt die sexuellen Vorstöße des Partners als unangenehm und belastend und lässt sich allenfalls ihm bzw. der Partnerschaft zuliebe gelegentlich auf sexuelle Kontakte ein.

Von einer krankheitswertigen sexuellen Funktionsstörung sprechen wir dann, wenn diese Kriterien erfüllt sind und gleichzeitig dadurch ein Leidensdruck entsteht, was nach aktuellen Studien bei ungefähr zehn Prozent der Frauen der Fall ist.

Häufig heißt es, Frauen hätten weniger Lust auf Sex als Männer. Ist der Libidoverlust ein typisch weibliches Problem? Und wenn ja, warum?

Luststörungen sind kein typisch weibliches Problem, kommen bei Frauen aber häufiger vor als bei Männern, die allerdings in dieser Hinsicht in den letzten Jahren „aufgeholt“ haben. Fragt man Frauen ganz allgemein, womit sie in der Sexualität Probleme haben, antworten die meisten (circa ein Drittel, bei den Männern circa 15 Prozent) „mit der Lust“. Aber nur für einen Teil dieser Frauen (circa zehn Prozent) stellt das ein ernsthaftes Problem dar, für das sie professionelle Hilfe suchen würden. Dieser Geschlechtsunterschied führt dazu, dass in vielen Paarbeziehungen eine Diskrepanz in der Lust auf Sex das Hauptproblem ist. Klassischerweise will ER mehr als SIE, aber in nicht wenigen Partnerschaften ist das eben inzwischen auch umgekehrt.

Stimmt es, dass weibliche Sexualität komplexer ist als die von Männern? Und wenn ja, was heißt das genau?

Dass die Sexualität der Frauen komplizierter und „undurchschaubarer“ ist, ist eine weit verbreitete Annahme, der wahrscheinlich vor allem Männer zustimmen würden. Sexualwissenschaftlich betrachtet sprechen wir eher davon, dass die weibliche Sexualität „plastischer“ ist und abhängiger von (passenden und guten) Rahmenbedingungen. Demgegenüber spielt der „innere Lustgenerator“ für viele – aber keineswegs alle – Frauen eine geringere Rolle als bei den meisten Männern. Daraus folgt, dass die weibliche Sexualität anfälliger und störbarer sein kann, es durch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen, bei denen die Qualität der Partnerschaft und Kommunikation eine wesentliche Rolle spielt, aber auch möglich ist, die Lust wieder zu beleben. Im Vergleich dazu ist die sexuelle Lust der Männer etwas robuster, aber alles andere als unverwundbar.

Ein Mann arbeitet am Computer
Probleme auf der Arbeit, Ärger mit der Familie oder Streit mit den Nachbarn - Stress ist anstrengend und ein Lustkiller© iStock/Kerkez

Welche Rolle spielt Reizüberflutung im Bezug auf das sexuelle Verlangen und den Libidoverlust?

Beim Thema Reizüberflutung sollte man unterscheiden zwischen einer sexuellen Reizüberflutung und einer allgemeinen Reizüberflutung bzw. Dauererreichbarkeit durch die modernen Kommunikationsmittel. Die sexuelle Reizüberflutung spielt für Frauen eine eher untergeordnete Rolle und beeinflusst am ehesten das Körperselbstbild („Ich habe keine Chance gegen diese perfekten Model-Körper“) oder kann dazu führen, dass sie sich als Liebhaberin unzureichend fühlen, weil sie nicht so ungehemmt und experimentierfreudig sind, wie zum Beispiel Frauen in Pornofilmen.

Die allgemeine Reizüberflutung, das Dauer-Online-Leben und die Rollenüberlastung, die viele Frauen erleben (Beruf, Familie, Kinder, Partnerschaft, Betreuung der Eltern usw.) spielt dagegen bei sehr vielen Lustproblemen eine prominente Rolle. Die Frau kann sich einfach nicht mehr aufraffen, hat keine Energie mehr, aber gleichzeitig oft ein schlechtes Gewissen, was den Anlauf zum Sex dann langfristig noch schwieriger macht. Die Aussage, dass die größten Lustkiller Müdigkeit und Erschöpfung sind, ist deshalb keineswegs falsch.

Die Pharmaindustrie hat das Thema längst für sich erkannt und forscht an Mitteln, die die weibliche Lust wieder entfachen sollen. Kritiker behaupten, dass Sexualität „medikamentalisiert“ werde: Pharmaindustrien verdienen Millionensummen, indem sie Medikamente gegen Libidoverlust auf den Markt bringen. Dabei wären bei der Behandlung Psychotherapien laut Medizinern sinnvoller. Bereichern sich Medikamentenhersteller am Libidoverlust, den es so als Krankheit strenggenommen gar nicht gibt?

Die provokante These, dass die Luststörungen nur eine Erfindung der Pharmaindustrie sind, ist unsinnig. Jeder Therapeut, der auch nur einmal mit einem Paar gearbeitet hat, das von dieser Problematik betroffen ist, weiß das besser. Spätestens seit dem Erfolg der erektionsfördernden Medikamente für die Männer ist klar, dass sexuelle Funktionsstörungen ein lukrativer Markt sind, was gerade auch für die weiblichen Luststörungen gilt. Bislang sind allerdings alle Versuche, ein Medikament für Luststörungen auf den Markt zu bringen, jämmerlich gescheitert – viele schon in den klinischen Studien, andere nach der Markteinführung (z.B. ein Testosteronpflaster für Frauen). Immer war die Wirkung begrenzt und die Nebenwirkungen meist erheblich, was daran liegt, dass sich sexuelle Lust „im Kopf“ abspielt und dabei viele komplexe Steuerungssysteme beteiligt sind, die kaum punktgenau und ohne untragbare Nebenwirkungen von einem Medikament beeinflusst werden können. Der Königsweg in der Behandlung dieser Störungen ist und bleibt daher die Psycho- bzw. Sexualtherapie.

In Europa wurde ein luststeigerndes Medikament für die Frau mit dem Wirkstoff „Flibanserin“ nicht zugelassen. Kritiker weisen darauf hin, dass der Wirkstoff nicht physische, sondern psychische Wirkmechanismen habe. Was ist von solchen Präparaten aus medizinischer Sicht zu halten?

Auch für das Medikament Flibanserin gilt: Eine sehr begrenzte Wirksamkeit, die zudem mit anderen Nachteilen verbunden ist.  So muss der Wirkstoff täglich und kontinuierlich genommen werden, die Behandlung ist kostspielig und auf Alkoholkonsum muss komplett verzichtet werden. Flibanserin ist daher alles andere als ein Verkaufserfolg und wird in Europa wahrscheinlich nie zugelassen werden.

Ein Pärchen scherzt auf der couch
Mut wird belohnt: Wer sich traut, mit seinem Partner über sexuelle Wünsche zu sprechen, ist laut Psychologen glücklicher in seiner Beziehung© iStock/courtneyk

Sex hat häufig etwas mit Kommunikation zu tun. Wenn wir unserem Partner mitteilen würden, welche Sexpraktiken uns gefallen, hätten wir wahrscheinlich mehr Spaß im Bett. Warum tun wir uns oft so schwer, unsere Wünsche auszusprechen?

In den meisten Paarbeziehungen gibt es ein großes unausgeschöpftes sexuelles Potenzial, das genutzt werden könnte, wenn die Paare besser oder überhaupt miteinander über dieses Thema kommunizieren würden. Die meisten Paare richten sich schon während der Anfangsphase der Beziehung in einer Komfort- bzw. Sicherheitszone ein, in der die Sexualität gut funktioniert, man Dinge tut, von denen man weiß, dass sie beiden gefallen usw. So ist die Gefahr groß, dass die Sexualität langsam aber sicher etwas langweilig und gleichförmig wird. Aus diesem Kreislauf auszusteigen, erfordert einen gewissen Mut: man „outet“ sich mit sexuellen Wünschen und Vorstellungen, von denen man nicht sicher sein kann, wie der andere darauf reagiert. Tatsächlich zeigen aber Studien, dass die Wahrscheinlichkeit, vom Partner abgelehnt zu werden, eher gering ist und selbst wenn das bei einzelnen Wünschen mal der Fall ist, ist das keine Katastrophe. Ein solcher Mut zum Risiko zahlt sich also fast immer aus und in den Therapien versuchen wir deshalb, den Paaren dabei gezielt zu helfen.

Ist es nicht vollkommen normal, dass in einer festen Beziehung nach drei, vier Jahren das sexuelle Verlangen nachlässt?

Ja, statistisch gesehen lässt die Lust (gemessen an der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs) in den ersten vier Jahren einer Beziehung deutlich nach und stabilisiert sich dann auf einem bestimmten Niveau. Die Qualität der gemeinsamen Sexualität muss dadurch aber gar nicht beeinträchtigt sein, denn viele Paare sind auch mit einer geringeren Häufigkeit sexueller Kontakte durchaus zufrieden. Wenn man über diese Zusammenhänge Bescheid weiß, kann das sehr entlastend sein, da alles, was den Leistungsdruck mindert, gut für die Sexualität ist. Diese normalen Entwicklungsprozesse müssen allerdings abgegrenzt werden von den wirklichen Luststörungen, bei denen das sexuelle Interesse vollständig oder weitgehend verloren gegangen ist.

Ein Paar beim Surfen am Strand
Neue Dinge auszuprobieren, beflügelt die Liebe© iStock/Aleksandar Nakic

Was raten Sie Paaren, wie können sie ihre gemeinsame Sexualität aufleben lassen und langfristig lebendig halten? Und das ganz ohne Medikamente oder Therapie?

Mit dieser Frage beschäftigen sich ja unzählige Ratgeber und Kolumnen in allen möglichen Zeitschriften. Gäbe es dafür ein Patentrezept, wäre sein Erfinder reich und die Sexualtherapeuten arbeitslos.

Im richtigen Leben muss letztlich jedes Paar seinen individuellen Weg finden, doch ein paar Hinweise können wir schon geben. So braucht Sexualität vor allem in langfristigen Beziehungen Freiräume, um sich entfalten zu können. Man muss die Alltagswelt einmal hinter sich lassen und in die erotische Welt gehen können, was in der heutigen Zeit sicher nicht leichter geworden ist. Auch muss man ein bisschen Energie übrig haben, um sich diesen „Ruck“ geben zu können, aber man wird dafür auch entsprechend belohnt.

Andere wichtige Punkte sind schon angeklungen: man muss im Gespräch bleiben und auch mal mutig sein, um die Sicherheitszone auszuweiten und die Potenziale auszuloten. Geteilte neuartige Erfahrungen sind (übrigens nicht nur in der Sexualität) wie ein Jungbrunnen für die Beziehung. Hilfreich ist es auch, in regelmäßigen Abständen eine Art „Bestandsaufnahme“ zu machen, um dabei Schwierigkeiten zu erkennen und Verbesserungsmöglichkeiten abzuleiten. Auch das erfordert einen gewissen Mut, weil man den Partner in diesem heiklen Bereich nicht kränken oder verletzen möchte, was sich langfristig aber in jedem Fall auszahlt.

Und wenn das nichts nützt? Ab wann sollte eine betroffene Person zum Therapeuten und wie wichtig ist es, dass der Partner mit behandelt wird?

Wenn alle Tipps nichts nützen und das Paar es mit eigenen Mitteln nicht schafft, das Problem selbst zu lösen, ist es wichtig, möglichst bald professionelle Hilfe zu suchen, da die negativen Auswirkungen einer chronischen Luststörung erheblich sind und früher oder später das Fundament der Partnerschaft unterhöhlen.

Hat also zum Beispiel eine Frau über ein halbes Jahr oder länger keine Lust, ohne dass es dafür erkennbare äußere Ursachen gibt und kommt es dadurch zu einem Leidensdruck, sollte Hilfe gesucht werden. Da von sexuellen Problemen immer beide Partner betroffen sind, ist eine Paartherapie meist effektiver als eine Einzelbehandlung. Viele Schwierigkeiten kann man nur gemeinsam überwinden.

Manchmal möchte die Frau aber auch vorher allein an bestimmten Punkten arbeiten, vor allem dann, wenn sie im Lauf ihres Lebens negative sexuelle Erfahrungen gemacht hat. Leider besteht eines der größten Probleme immer noch darin, einen kompetenten Sexualtherapeuten zu finden, da es nach wie vor viel zu Wenige gibt. Fachgesellschaften wie die DGMSTW (www.dgsmtw.de) oder die DGfS (www.dgfs.info) halten Listen mit Therapeuten vor, auf denen man nachschauen kann, ob es in Wohnortnähe Behandlungsmöglichkeiten gibt.

PraxisVITA im Interview mit Professor Uwe Hartmann, Sexualforscher und wissenschaftlicher Leiter des Sexualmedizinischen Kompetenzzentrums Hannover

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