Raus aus dem Stimmungstief

Redaktion PraxisVITA

Traurige Phasen gehören zum Leben. Akzeptieren wir sie, finden wir schneller wieder heraus. Experten warnen vor zu schneller Einnahme von Pillen!

Der Mediziner Dr. Peter Ansari hat in seinem Buch „Unglück auf Rezept“ Wirksamkeit und Nebenwirkungen von Antidepressiva analysiert. Sein Fazit: Ärzte verschreiben zu schnell Medikamente und informieren zu wenig über Nebenwirkungen. Inzwischen setzt auch unter Fachleuten ein Umdenken ein und man spricht offen über alternative Behandlungen von leichten Depressionen. Der Lebensstil ist dabei sehr wichtig.

 

Dr. Ansari, warum wurden Antidepressiva bei uns eigentlich so erfolgreich?

Der Hype kam von Amerika zu uns. Anfang der 1990er schwappte er herüber. Heute werden Antidepressiva wie Bonbons sogar von Hausärzten verschrieben bei im Grunde nichtigen Anlässen. Wenn sich jemand bedrückt fühlt wegen einer Trennung oder morgens nicht aus dem Bett kommt, erhält er die Pillen. In einer Zeit, in der sich alle selbst optimieren, fällt es offenbar schwer, anzunehmen, dass auch das Traurige zum Leben gehört. Meine langjährige Recherche ergab, dass es Medikamente, die eine Depression beenden, gar nicht gibt. Einige unterdrücken Symptome, aber gezielt gegen eine Depression vorgehen kann man mit ihnen nicht.

 

… hinzu kommen die Nebenwirkungen.

In der Tat! Häufige Nebenwirkungen sind Schluckbeschwerden, Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen und sexuelle Unlust. Das größte Problem aber ist, dass die Menschen glauben, durch die Medikamente höre die Verstimmung von selbst auf. Jedes Tief enthält aber auch eine wichtige Botschaft, und durch Pillen wird die Auseinandersetzung unterbunden. Viele Menschen, denen heute Antidepressiva verschrieben werden, leiden eigentlich nur unter Sorgen. Die sexuellen Funktionsstörungen, die zum Beispiel durch die Medikamente ausgelöst werden können, führen die Leute dann oft erst richtig in den Abgrund, weil ihre Beziehung auch noch leidet. Das Unglück geht weiter beim Versuch, die Pillen abzusetzen.

Stimmungstief
Nur ein Stimmungstief oder schon Anzeichen einer Depression? Das kann man daran erkennen, wie lange physische und psychische Symptome auftreten© Abbott GmbH & Co. KG
 

Was passiert?

Einige Menschen werden regelrecht schlaflos und drehen beinahe durch. Auch kann es zu stromschlagartigen Entladungen im Gehirn kommen. Anderen ist schwindelig und sie müssen zwei bis drei Wochen krankgeschrieben werden. Junge Leute ziehen häufig zu ihren Eltern. Ihnen geht es wie auf Entzug. In dieser Lage fangen sie dann erneut mit den Medikamenten an. Die Nebenwirkungen werden als Beleg genommen, dass der Betroffene psychisch krank ist. Ich nenne das die Depressionsspirale.

 

Kann man ein Stimmungstief alternativ behandeln?

Ja, es ist sinnvoll, ganzheitlich auf den Lebensstil zu achten. Sport und Ernährung helfen. Sich aber nur damit abzulenken, finde ich falsch. Wenn man sich selbst kennenlernt, ist das nützlich. Meditation unterstützt dabei. Auch ist es wichtig, dass man weiß, was einen zum Abstürzen bringt und Notfall-Listen hat, was einem guttut. Wer sich selbst kennt, kann präventiv gegensteuern. Wir dürfen übrigens vertrauen, dass niemand für immer depressiv ist. Gut hilft das Motto: „Erkenne dich selbst und lebe mit dir in Einklang.“ Ein echtes Glücksrezept.

 

Hilfe zur Selbsthilfe: 1. Unser Darm fühlt mit

Die Entdeckung, dass die tägliche Einnahme von Probiotika (z. Bum Beispiel als Trinkjoghurt) einige psychische Störungen umzukehren vermag, sorgte für Aufsehen. Selbst bei Patienten mit schweren Depressionen gelang es, die Stimmung zu heben. Bei Fachleuten ist bereits der Begriff psychobiotisch in Verwendung. Vermutlich wirken Probiotika auf unseren Ruhenerv.

 

2. Sportliche Geheimwaffe

Wissenschaftler konnten wiederholt beweisen, dass Sport bei leichten Depressionen eine gleiche Effektstärke erzielt wie Psychotherapie oder gar die Einnahme von Medikamenten. Wenn wir unser Workout noch nach draußen verlegen, gesellt sich die positive Wirkung des Tageslichts als natürliches Antidepressivum hinzu.

 

3. Tschüss, Grübelspirale!

Stimmungstief
Durch Meditation lernen wir, negative Geanken gehen zu lassen© iStock

Beim Meditieren lernen wir, Gedanken ohne Bewertung ziehen zu lassen. Regelmäßige Praxis macht möglich, dass wir auch negative Gedanken, die mit einer Depression einhergehen, loslassen können und weniger in Grübelspiralen geraten. Die positive Wirkung von Meditation bei depressiven Patienten konnten Wissenschaftler der Universität von Pennsylvania zeigen. Eine US-amerikanische Forscherin vermutet, dass die Wirkung durch Einfluss auf unseren Vagusnerv erklärbar ist.

 

4. Achtung, Vitaminbombe!

Vitaminbomben für die Stimmung: Die Einnahme von Produkten des Vitamin-B-Komplexes (vor allem Vitamin B12) kann Depressionssymptome wie Müdigkeit, Erschöpfung und Stimmungsschwankungen einer Studie finnischer Wissenschaftler zufolge positiv beeinflussen. Auch das Spurenelement Selen unterstützt neurologische Funktionen und fördert stimmungsaufhellende Botenstoffe. Eine Selengabe kann uns aus dem Tief unterstützend herausführen.

 

5. Mit Dankbarkeit ins Stimmungshoch

Wissenschaftler aus Kalifornien haben gezeigt, dass regelmäßige Dankbarkeitsinterventionen (etwa das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs) helfen, depressive Symptome zu lindern. Das Glücksniveau lässt sich so um 25 Prozent anheben; damit können diese Übungen Antidepressiva bei leichten bis mittleren Depressionen ersetzen. Psychologen ermuntern ihre Patienten häufig, täglich drei Dinge aufzuschreiben, für die sie dankbar sind. Auch ein Dankbarkeitsbrief hilft.

 

6. Seelen-Programm: Farbe, Wärme, Berührung

Neue Erkenntnisse aus der Farbpsychologie deuten darauf hin, dass Farben aus dem Rot- und Gelbspektrum einen stimmungsaufhellenden Effekt haben. Dafür lässt sich einfach eine Farbbirne in eine Lampe schrauben. Auch mit Ganzkörperwärmetherapie konnte die Stimmung in einer US-amerikanischen Studie bei Depressiven aufgehellt werden. Die Forscher vermuten, dass ein Bad in der Badewanne oder ein Saunabesuch diese Wirkung erzielen müssten. Auch Massagen nützen Patienten mit depressiven Verstimmungen.

 

Wie unterscheidet sich eine Depression von „nur“ schlechter Stimmung?

Ein Stimmungstief ist natürlich und nicht sofort ein Grund zur Sorge. Wer sich fragt, ob er Rat von Experten suchen sollte oder ob er einfach nur eine traurige Phase hat, findet nachfolgend Anhaltspunkte, die auch Fachleute heranziehen:

Eine Depression ist sowohl von seelischen als auch von körperlichen Symptomen begleitet. Erst zusammen und über einen Zeitraum von über zwei Wochen geben diese Hinweis auf eine depressive Episode oder eine behandlungsbedürftig é Depression. Betroffenen fehlt der Antrieb für alltägliche Tätigkeiten. Sie verlieren das Interesse an Dingen, die ihnen früher Freude bereitet haben. Das Selbstwertgefühl ist verringert, Konzentrationsschwierigkeiten treten auf, es zeigt sich Unentschlossenheit bei einfachen Fragen, und es kann als weiteres Symptom zu sexueller Unlust kommen.

Vermehrt tauchen Gedanken eigener Wertlosigkeit auf. Charakteristische körperliche Symptome sind Schlafstörungen, Schwindel, mangelnder Appetit, weiche Knie und Herzrasen. Erst wenn Symptome auf körperlicher und seelischer Ebene über einen längeren Zeitraum auftauchen, ist es sinnvoll, dass sich der Betroffene an seinen Hausarzt oder an einen Psychotherapeuten wendet. Diese entscheiden, welche Behandlung im Einzelfall die sinnvollste ist.

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.