PTBS: "Delfine haben mir meine Ängste genommen"

Delfintherapie bei posttraumatischer Belastungsstörung
Eine Delfin-Therapie halfen Nadine Schürer, ihre posttraumatische Belastungsstörung zu überwinden – ein Überfall hatte sie für Jahre traumatisiert © Fotolia

Nach einem brutalen Überfall litt Nadine Schürer unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Heute ist sie eine starke Frau – und hilft anderen Opfern.

Sie war jung, selbstbewusst und stand mit beiden Beinen im Leben. Nie hätte sich Nadine Schürer träumen lassen, dass sich das einmal ändern könnte. Bis zu jener bitterkalten Samstagnacht vor elf Jahren. Vor ihrer Haustür wurde sie Opfer eines brutalen Überfalls. Und von diesem Tag an war in ihrem Leben auf einmal nichts mehr, wie es vorher war...

Plötzlich beherrschten unkontrollierbare Ängste und Panikattacken den Alltag der zweifachen Mutter – sie litt unter der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. „Es ging so weit, dass ich im Auto vor meinem Haus saß und nicht aussteigen konnte“, erinnert sie sich an die bedrückende Zeit.

 

Auslöser der posttraumatischen Belastungsstörung

Was Nadine Schürer erlebte, kann jeden von uns treffen. Denn Auslöser von Ängsten und Panikzuständen können schon fast alltägliche Dinge sein wie ein kleiner Autounfall mit Blechschaden oder eine bedrohliche Situation im Bus.

Bei Nadine Schürer war es ein Überfall... Rückblende: Die damals 37 Jahre alte alleinerziehende Mutter ist auf dem Heimweg von einer Feier, ihre Haustür ist schon in Sichtweite. Plötzlich wird die junge Frau aus der Dunkelheit heraus von zwei jungen Männern angefallen. Sie zerren sie auf einen nahen Garagenhof und versuchen, ihrem geschockten Opfer die Kleider vom Leib zu reißen. „Ich wollte schreien, doch dann spürte ich eine kalte Messerklinge an meinem Hals“, erinnert sich Nadine Schürer an die schicksalhaften Sekunden.

Da kommt ihr ein Zufall zu Hilfe: Ausgelöst durch einen Bewegungsmelder schaltet sich das Licht im Hof ein. Einen kurzen Moment sind die Täter irritiert und Nadine Schürer reißt sich los. Sie rennt um ihr Leben, stolpert barfuß auf die Straße, wo sie ein Taxi stoppt.

 

Jahrelang litt sie unter dem Trauma

Nadine Schürer ist gerettet, der Fahrer bringt sie zur Polizei. Doch die junge Frau ahnt nicht, dass sie erst ganz am Anfang eines langen Leidensweges steht. Denn fortan lässt sie das Trauma des brutalen Überfalls nicht mehr los. Die schreckliche Erfahrung, plötzlich bedroht zu werden, die Todesangst, das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, brennen sich tief in ihre Seele ein. Jetzt ist die Angst Nadine Schürers ständiger Begleiter.

Um die plötzlichen lähmenden Panikattacken in den Griff zu bekommen, zieht sie sich zurück, immer seltener verlässt sie das Haus. Besonders schlimm ist die Dunkelheit. Nur wenn jemand sie abholt und auch auf dem Heimweg begleitet, traut sie sich überhaupt noch aus der schützenden Wohnung. Denn die Angst lässt sich nicht kontrollieren. „Einmal kam mir eine Gruppe Jugendlicher entgegen“, sagt sie. „Ich habe am ganzen Leib gezittert, konnte nicht mehr denken.“

Die beiden Täter werden zwar gefasst, doch die Strafe fällt milde aus: zwei Jahre auf Bewährung. Das schürt die Furcht ihres Opfers: „Sie kannten meinen Namen und meine Adresse. Ich lebte in der Angst, sie würden zurückkommen, um mir etwas anzutun.“ Allmählich wird ihr klar, dass sie ihre Situation nicht allein in den Griff bekommt...

 

Delfine heilten ihre posttraumatische Belastungsstörung

In ihren dunkelsten Stunden sucht sie nun Hilfe bei der Opferschutzorganisation Weißer Ring, die ihr zu einer Angsttherapie rät. Doch darauf müsste sie monatelang warten, und das kann Nadine Schürer nicht. Auf eigene Faust sucht sie Unterstützung – und stößt auf eine Delfin-Therapie in Jamaika. Nadine Schürer überlegt nicht lange und reist in die Karibik – im Gepäck ihre Unsicherheit und die Angst. Doch schnell bringt der Kontakt zu den freundlichen Meeressäugern die Wende. Die Tiere helfen ihr, die posttraumatische Belastungsstörung zu bekämpfen. „Endlich lernte ich, mich wieder zu entspannen. Durch die Delfine habe ich neues Selbstbewusstsein entwickelt und meine Ängste besiegt.“

Es ist ein kleines Wunder: Der Überfall hat Nadine Schürer zu einer starken Frau gemacht. Nach ihren Erfahrungen mit der Delfin-Therapie studiert sie Psychologie, engagiert sich beim Weißen Ring. Vor drei Jahren hat sie zusätzlich den Verein „Dolphin Donation“ gegründet, der traumatisierten Menschen hilft, mittels Delfin-Therapie zurück ins Leben zu finden.

Eine Herzensangelegenheit für die heute 48-Jährige. Denn sie selbst hat schmerzvoll erfahren: „Alle schauen immer auf die Täter. Doch die vielen traumatisierten Opfer bleiben mit ihren Ängsten fast immer allein.“

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