Psychotherapie statt Insulin?

Verhaltenstherapie und Beratung können Zuckerwerte senken
Bei Diabetes ist nicht nur der Körper krank. Studien zeigen: Auch die Seele leidet. Dieses Wissen eröffnet neue Perspektiven für die Behandlung: So kann etwa eine Psychotherapie Folgeerkrankungen wie Polyneuropathie vorbeugen © Fotolia

Aktuelle Studien belegen, dass psychologische Unterstützung wie Verhaltenstherapie und Beratung, die Zuckerwerte senken kann. Damit könnte auch das Risiko für Diabetes-Folgeerkrankungen, wie die Nervenerkrankung Polyneuropathie, gesenkt werden. Erfahren Sie hier, wie.

Wie fühle ich mich? Diese Frage ist für Menschen mit Diabetes außerordentlich wichtig. Nicht nur, weil ein erhöhter Zuckerwert auf Dauer Nieren, Augen, Venen und Nerven schaden kann. Gefährlich ist die Krankheit auch für die Seele. Denn sie steht mit dieser in einer engeren Wechselwirkung als lange angenommen.

 

Umdenken in der Medizin

So hätten viele Ärzte vor einigen Jahren wohl noch über diese Idee gelacht: Diabetes mit Psychotherapie behandeln? Wozu? Schließlich handelt es sich hier um eine körperliche Krankheit. Doch aktuelle Studien belegen es schwarz auf weiß: Psychologische Unterstützung wie Verhaltenstherapie und Beratung senkt die Zuckerwerte. Das heißt umgekehrt: Die seelische Verfassung eines Diabetikers hat immensen Einfluss auf seine Krankheit – im positiven wie leider auch im negativen Sinne. Denn nicht selten kommt es zu einer Art Teufelskreis, erklärt der Psychosomatik-Experte Professor Johannes Kruse: "Einerseits erhöht die Depression das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Andererseits gehen die Belastungen der körperlichen Erkrankung einher mit der Entwicklung von depressiven Symptomen."

Experten schätzen, dass heute jeder achte Diabetiker unter depressiven Störungen leidet – und sich damit in einer Abwärts-Spirale bewegt, wie es auch Ingrid Rebholz erlebt hat. Ihr Typ-2-Diabetes wurde vor über 20 Jahren festgestellt. "Und dann hat der Arzt mir erst einmal heruntergebetet, was das alles für Folgekrankheiten auslösen kann – von Herzinfarkt bis zur Erblindung. Wer da nicht depressiv wird, muss schon hart im Nehmen sein", erzählt die 63-Jährige.

 

Ständig Angst um die Zuckerwerte

Sie jedenfalls fühlte sich stark verunsichert, lebte in ständiger Angst um ihre Zuckerwerte. Erschwerend hinzu kamen noch familiäre Probleme und schließlich auch erste Folgen des Diabetes. Ingrid Rebholz hatte Empfindungsstörungen an den Füßen – ein Symptom der Nervenerkrankung "Polyneuropathie". "Ich war völlig verzweifelt, fühlte mich unfähig", sagt die Ulmerin, "schließlich weiß man doch, dass bei Diabetes viel vom eigenen Verhalten abhängt. Doch ich bekam die Sache mit dem Essen und Insulinspritzen einfach nicht richtig in den Griff. Und immer öfter fehlte mir auch der Antrieb, überhaupt noch zum Arzt zu gehen." Schließlich kam es zum Äußersten. Sie erlitt eine gefährliche Unterzuckerung und musste ins Krankenhaus. "Zum Glück", sagt sie heute. Denn nachdem sie sich körperlich erholt hatte, führte der Diabetes-Experte der Klinik ein langes Gespräch mit ihr. Nach einer eingehenden Befragung erklärte der Arzt, dass bei ihr vieles auf eine Depression hinweise – das Gefühl der Überforderung, die Antriebslosigkeit, die ständigen Schuldzuweisungen gegen sich selbst – und überzeugte sie, eine Psychotherapie zu machen.

 

Wie Gespräche den Körper heilen

Anfangs war Ingrid Rebholz skeptisch. "Psychotherapie? Mein Problem war doch nicht im Kopf, sondern im Blut." Doch schon nach wenigen Gesprächen merkte sie, wie gut es tat, "sich einmal alles von der Seele reden zu können". In der Therapie lernte sie, Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen, die eine Depression fördern – und diese gezielt zu ändern. Die erstaunliche Wirkung: Nach einem halben Jahr hatten sich ihre Blutwerte so positiv verändert, dass sie vom Insulinspritzen auf Tabletten umsteigen konnte.

 

Gefährliche Stresshormone

Ein Einzelerfolg? Keinesfalls. Experten gehen heute davon aus, dass Depressionen den Blutzucker deutlich beeinflussen – nicht nur indirekt, indem sie den gesunden Umgang mit dem Diabetes erschweren, sondern auch direkt. Denn bei psychischen Problemen wie Ängsten oder Depressionen ist das Stresshormon Cortisol fast immer stark erhöht. Aktuelle Studien belegen nun: Der Botenstoff treibt den Zucker in die Höhe.

Nicht immer ist dann eine Psychotherapie nötig. Oft reichen längere Gespräche mit dem Arzt oder eine Diabetes-Schulung, um Ängste abzubauen. Das Wichtigste aber ist, seelische Beschwerden überhaupt anzusprechen und nicht zu bagatellisieren – wozu viele Menschen Außenstehenden gegenüber neigen. Doch gerade Diabetiker sollten hier über ihren Schatten springen. Denn nur wenn der Arzt Bescheid weiß, kann er die richtige Unterstützung bieten – eine, die die Seele und damit auch den Blutzucker stabilisiert.

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.