Psychokardiologie – an der Schnittstelle zwischen Herz und Psyche

Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Ursachen
  3. 3. Symptome
  4. 4. Diagnose
  5. 5. Behandlung
  6. 6. Vorbeugung
  7. 7. Das sagt der Experte

Dr. Boris Leithäuser ist einer der wenigen Spezialisten, die sich der Fachdisziplin „Psychokardiologie“ verschrieben haben. Zusammen mit der Hamburger Verhaltenstherapeutin Sabine Wery von Limont betreut er Herzpatienten. Bei Praxisvita schildert das Experten-Duo, wie Gefühle auf das Herz wirken und es dadurch nachhaltig schädigen können.

Was versteht man unter Psychokardiologie?

Dr. Boris Leithäuser: Die Psychokardiologie ist im Grunde genommen nichts anderes als spezialisierte Psychosomatik. Die Disziplin befasst sich mit den Auswirkungen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf die Psyche bzw. mit den Auswirkungen der Psyche auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Kardiologe Dr. Leithäuser
Dr. Boris Leithäuser: „Man kann den Körper und die Seele nicht voneinander trennen.“© privat

Entwickelt sich eher eine psychische Störung aus einer Herz-Kreislauf-Erkrankung heraus oder ist es umgekehrt und Depressionen schädigen das Herz?

Dr. Boris Leithäuser: Beides ist möglich. Keine somatische Erkrankung tritt ohne Beteiligung der Psyche auf. Bei einer organischen Erkrankung schwingt immer ein gewisses Risiko mit, eine depressive Episode zu entwickeln. Andersherum besteht die Gefahr, wenn Sie bereits unter einer psychischen Störung leiden, daraufhin eine Organerkrankung zu bekommen, weil die Regulation der Organsysteme eben „von oben kommt“.

Inwieweit können psychische Phänomene wie Stressreaktionen, Ängste oder Depressionen mit kardiologischen Erkrankungen in Verbindung stehen?

Psychologin Sabine Wery von Limont
Sabine Wery von Limont: „Gefühle können auf das Herz wirken und es nachhaltig schädigen. Patienten sollten sich immer darum kümmern, wenn es ihnen nicht gut geht, mündig sein und hinterfragen.“© privat

Dr. Boris Leithäuser: Der Einfluss ungünstiger Faktoren auf die Psyche kann Organsymptome verursachen. Das können z.B. Veränderungen, Belastungen und Erkrankungen der Psyche sein. Genauso gibt es auch Patienten, die eine Herz-Kreislauf-Erkrankung – z.B. einen Herzinfarkt oder Schlaganfall – entwickelt haben und die im Anschluss daran traumatische Erlebnisse verarbeiten müssen. Manche bringen bspw. eine plötzliche Todesangst hervor, weil sie eine Reanimation überlebt haben. Genetische Faktoren spielen bei der Genesung eine wichtige Rolle. Aber auch die Art und Weise der Verarbeitung.

Sabine Wery von Limont: Die psychische Konstitution wirkt auf den Körper  – als zentrales Organ das Herz – und umgekehrt. Das heißt, sind wir einmal in diesem Rad aus äußeren Umständen und den Herausforderungen unseres Lebens gefangen, ist es im Grunde unmöglich, da alleine rauszukommen. Wenn eine psychische Erkrankung dann nicht rechtzeitig behandelt wird, verschlimmert sich der Gesundheitszustand drastisch.

Für wen bietet sich eine psychokardiologische Behandlung an?

Sabine Wery von Limont: Die Psychokardiologie hilft Menschen, die aufgrund ihrer Herzerkrankung seelisch leiden oder denen, die aufgrund ihrer psychischen Befindlichkeit Symptome am Herz erleben wie z.B. Herzstolpern.

Welches Gefühl ist der größte Feind des Herzens?

Dr. Boris Leithäuser: Es gibt keinen größten Feind, aber unser eigenes Verhalten spielt eine zentrale Rolle. Dabei muss differenziert werden. Verhalten gliedert sich zum einen in Bewegung – der Mensch ist für den Bewegungsmangel nicht gemacht – und zum anderen in Ernährung. Wir haben alle die Tendenz zur überzogenen Energieaufnahme. Das heißt, es wird immer mehr aufgenommen als benötigt wird. Ernährung und Bewegung  – das kann man gar nicht oft genug betonen – sind daher die zwei größten Probleme.

Sabine Wery von Limont: Wir müssen immer gegen ein Ur-Areal des Gehirns ankämpfen, wenn wir uns für eine Anstrengung aufraffen – den sogenannten inneren Schweinehund. Haben wir das einmal geschafft, werden „Glückshormone“ im Körper ausgelöst – z.B. Serotonin – was uns erleichtert und gleichzeitig ermutigt, uns erneut zu überwinden. Man darf nur nicht aufhören, denn dann fängt man wieder von null an.

Kann das Herz positive und negative Gefühle voneinander unterscheiden?

Sabine Wery von Limont: Der Körper unterscheidet in dem Sinne nicht zwischen positivem und negativem Stress. Die Unterscheidung legen wir mit unserem eigenen Bewertungssystem fest. Am Anfang einer ganzheitlichen Behandlung steht daher häufig die Ohr-Akupunktur, um die Balance zwischen Ying und Yang wieder herzustellen und den Patienten die Chance zu geben, zu ihrem inneren Gleichgewicht zurückzufinden, um Situationen „angemessen“ bewerten zu können – und negativen Stress als negativ zu bewerten und positiven als positiv.

Dr. Boris Leithäuser: Vielmehr spricht man von positiven und negativen Affekten. Affekte sind all das, was Angst, Depressionen etc. ausmacht. Dabei muss ich mir die Frage stellen: Wie fühle ich mich dabei? Wenn ich zu der Erkenntnis komme: ‚Ich fühle mich hilflos’, ist damit ein negativer Affekt gemeint. Freude hingegen ist ein positiver Affekt. Negative Affekte geben eine Vorhersage für den weiteren Verlauf. Sie kündigen Ereignisse wie einen Herzinfarkt an. Negative Affekte spielen vor allem dann eine Rolle, wenn positive fehlen. Das heißt, wenn die negativen Gedanken nicht durch entsprechende positive ausbalanciert werden, landen Betroffene erneut im Krankenhaus.

Was versteht man unter einem Broken-Heart-Syndrom?

Dr. Boris Leithäuser: Der Begriff kommt aus Amerika. Die Japaner haben das Syndrom entdeckt und zuerst beschrieben und sprechen in diesem Zusammenhang von der Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Das ist dasselbe Krankheitsbild. Taku Tsubo ist ein Tongefäß der japanischen Fischer, in dem sie Kraken fangen. Und weil das Herz in der Situation, in der das Syndrom auftritt, genauso aussieht wie ein Taku-Tsubo-Gefäß wurde das Krankheitsbild so genannt. Wir nennen es meistens eher Taku-Tsubo-Kardiomyopathie oder stressinduzierte Kardiomyopathie (Herz-Muskel-Erkrankung).

Kann man das Broken-Heart-Syndrom mit einem Herzinfarkt vergleichen?

Broken-Heart-Syndrom
Extreme psychische Belastungen, wie der Tod eines geliebten Menschen, die Trennung in einer Beziehung, aber auch positive Emotionen wie ein Lottogewinn, lösen das Broken-Heart-Syndrom aus© Shutterstock

Dr. Boris Leithäuser: Die Frage lässt sich mit ja beantworten und in der Akutsituation kann selbst der Arzt das Syndrom nicht von einem Standardherzinfarkt unterscheiden. Die Diagnose kann erst in der kardiologischen Abteilung eines Krankenhauses gestellt werden, da ein hoher diagnostischer Standard erforderlich ist, um den Herzinfarkt vom Broken-Heart-Syndrom zu unterscheiden. Aber das Broken-Heart-Syndrom ist ein Herzinfarkt. Der Unterschied liegt darin, wie das Krankheitsbild zustande kommt. Auslöser können psychische Belastungen wie Trennungskonflikte sein. Durch die Stressreaktion und die massive Ausschüttung entsprechender Stresshormone kommt es am Herzen zu einer Gefäßreaktion, sodass die Durchblutung unterbrochen wird. Anders als bei einem üblichen Herzinfarkt, wo ein ganz bestimmtes identifizierbares Areal betroffen ist, ist beim Broken-Heart-Syndrom aber der gesamte Herzmuskel betroffen.

Tritt das Syndrom auch bei Männern auf?

Dr. Boris Leithäuser: Die normale Verteilung liegt bei 70  Prozent Frauen und 30 Prozent Männern. Frauen nehmen sich alles so sehr „zu Herzen“, dass sie tatsächlich herzkrank werden.

Sabine Wery von Limont: Mit der Bezeichnung „Broken Heart“ können tatsächlich auch mehr Frauen etwas anfangen als Männer. Insgesamt geht es dabei häufig um Beziehungsfragestellungen, wie das Verlassen- oder Abgelehntwerden – daher der Begriff, „gebrochenes Herz“.

 

Unsere Experten im Interview

Dr. Boris Leithäuser ist ein international ausgewiesener Experte für die Magnetokardiografie und Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie und Angiologie. Der Herzspezialist ist schon lange im Bereich der Psychokardiologie tätig und gibt Einblick in die enge Verbindung zwischen Herz und Gehirn. Website: www.neuro-kardiologie-im-zentrum.de / http://www.psychokardiologie-hh.de

Sabine Wery von Limont leitet eine eigene Praxis in Hamburg. Die Diplom-Psychologin und Verhaltenstherapeutin ist mit ihrem Team auf die Behandlung von Herz-Patienten spezialisiert und erklärt, welche besondere Bedeutung das Herz für uns hat. Website: www.wery-well.de / http://www.psychokardiologie-hh.de

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