Psychogener Schwindel: Wenn psychische Belastungen Schwindelanfälle auslösen

Psychogener Schwindel entsteht zwar in der Psyche, die Symptome aber sind körperlich und damit real. Woher die Krankheit kommt und wie sie behandelt werden kann, erklärt Dr. Andreas Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Psychogener Schwindel
Keine Einbildung: Psychogener Schwindel Foto: iStock/fizkes

Laut Statista leiden rund 11 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer in Deutschland mindestens einmal im Monat unter Schwindel. Dieser sehr unangenehme Zustand muss keine körperlichen Ursachen haben: Psychische Belastungen und Extremsituationen können Schwindelattacken auslösen. So kann zum Beispiel Stress Schwindelgefühle oder Schwindelanfälle hervorrufen. In diesem Fall spricht man von psychogenem Schwindel.

Wodurch die Erkrankung ausgelöst wird und wo Betroffene Hilfe finden, erklärt Dr. Andreas Hagemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, im Interview mit Praxisvita.

Psychogener Schwindel: Wenn die Psyche den Körper aus dem Gleichgewicht bringt

"Hinter psychogenem Schwindel verbergen sich primär keine organischen Ursachen. Auslöser der Beschwerden sind psychische Belastungen bzw. emotionale Konflikte. Kurz gesagt: Etwas im Lebensgefüge ist aus dem Gleichgewicht geraten und äußert sich in Schwindel", erklärt Dr. Andreas Hagemann das Phänomen des psychogenen Schwindels.

Die psychischen Belastungen und emotionalen Konflikte, die psychogenen Schwindel auslösen, sind vielfältig und greifen oft ineinander über. Mögliche Auslöser sind:

  • Trauer um einen geliebten Menschen

  • Trennung und Liebeskummer

  • Verlust des Arbeitsplatzes

  • Chronische Belastungen, z.B. durch Krankheit, Familienstreitigkeiten, schwierige Beziehungen, Einsamkeit, Mobbing etc.

Psychogener Schwindel kommt häufiger vor als man denkt, auch bei jüngeren Patient:innen. "Bei Studien zeigte sich, dass bei bis zu 80 Prozent der Schwindeldiagnosen in der Hausarztpraxis keine spezifische Ursache genannt wurde. In anderen Studien wurde bei unter 60-Jährigen in bis zu 60 Prozent aller Fälle eine psychogene Ursache beschrieben", so Dr. Hagemann.

Schwindel - Foto: iStock/Tunatura
Was ist Schwindel?

"Die Definition des Schwindels ist eine Unsicherheit im Raum, welche bei Unstimmigkeiten verschiedener Informationen des Körpers (Sehen, Gleichgewicht, etc.) auftritt. Die unterschiedlichen Informationen sind aus dem Gleichgewicht geraten", vereinfacht Dr. Hagemann.

Neben psychogenem Schwindel gibt es weitere Schwindel-Arten:

  • Drehschwindel: Eine plötzlich auftretende Drehempfindung, die meist auf Probleme mit dem Gleichgewichtssinn zurückzuführen ist

  • Schwankschwindel: Eine Gleichgewichtsunsicherheit im Ruhezustand oder in der Bewegung, bei der gefühlt der Boden in Bewegung gerät

  • Lagerungsschwindel: Ein Schwindelgefühl, das nach schnellen Bewegungen des Kopfes auftritt

  • HWS-Schwindel: Schwindel, der durch Verspannungen im Nacken- oder Schulterbereich kommt

  • Zentraler Schwindel: Bei dieser Schwindelform liegt eine Schädigung des Gehirns vor

Psychogener Schwindel: Welche Symptome treten auf?

Obwohl psychogener Schwindel keine körperlichen Ursachen hat, bilden sich die Betroffenen ihre Schwindelgefühle nicht ein. "Der Schwindel als körperliches Symptom ist vorhanden, die Ursache ist nicht organischer Natur", fasst Dr. Hagemann zusammen.

Die am häufigsten auftretende Schwindel-Form bei psychogenem Schwindel ist der Schwankschwindel. Das Gefühl, der Boden geriete ins Wanken, versetzt die Betroffenen oft in Panik. Infolge dessen treten zusätzlich zum Schwindel weitere Symptome auf. "Hierbei stehen insbesondere Symptome im Vordergrund, wie sie typischerweise auch bei Angst auftreten", so Dr. Hagemann. Dazu gehören:

  • Atemnot

  • Herzrasen

  • Benommenheit

  • Zittern

  • Schweißausbrüche

"Diese normalen körperlichen Reaktionen auf eine starke, durch Angst getriggerte Adrenalinausschüttung in Kombination mit einer Schwindelsymptomatik sind extrem unangenehm und beunruhigend", betont Dr. Hagemann.

Frauen oder Männer: Wer ist häufiger von psychogenem Schwindel betroffen?

"Der psychogene Schwindel gehört in der Klassifikation zu den somatoformen Störungen und kommt auch bei Angst- und depressiven Erkrankungen vermehrt vor. Da diese Diagnosen bei Frauen häufiger gestellt werden, kann davon ausgegangen werden, dass der psychogene Schwindel häufiger bei Frauen auftritt."

Tatsache ist allerdings auch, dass Frauen häufiger und regelmäßiger zum Arzt gehen als Männer. Ein Mehr an Diagnosen bedeutet also nicht zwangsläufig, dass Frauen häufiger an psychogenem Schwindel leiden. Dr. Hagemann stimmt dem zu: "Die Studienlage hierzu ist wenig aussagekräftig."

Der Fachmann betont außerdem: "Relevanter als das Geschlecht ist beim Schwindel das Alter. In einer epidemiologischen Befragung über 65-Jähriger gaben bis zu 40 % an, im vergangenen Jahr Schwindel gehabt zu haben. Dabei sind organische Ursachen im Alter durch degenerative Prozesse häufiger, während bei jüngeren Menschen die psychogene Ursache häufiger angenommen wird."

Psychogenen Schwindel besiegen: Welcher Arzt hilft?

Wer unter wiederkehrenden Schwindelanfällen leidet, sollte einen Arzt aufsuchen. Selbst, wenn von Anfang an die Vermutung besteht, dass psychogene Ursachen hinter dem Schwindel stecken könnten. "Um organische Ursachen auszuschließen, plädiere ich sehr dafür, zuerst beim Hausarzt vorstellig zu werden und ihm die sogenannte Triage zu überlassen", sagt Dr. Hagemann. "Er wird die notwendigen Untersuchungen durchführen oder bei den entsprechenden Fachärzten für Neurologie oder HNO in die Wege leiten und die Diagnose in einer Zusammenschau der Ergebnisse stellen."

Test auf psychogenen Schwindel: So wird die Diagnose gestellt

Erst wenn mögliche körperliche Ursachen für den Schwindel ausgeschlossen sind, kann die Erkrankung psychologisch angegangen werden. "Sind keine körperlichen Ursachen feststellbar, so ist der Facharzt für psychosomatische Medizin, der Neurologe oder Psychiater gefragt. Auch psychologische Psychotherapeuten können eine psychotherapeutische Behandlung durchführen", verdeutlicht Dr. Hagemann.

Diagnose psychogener Schwindel: Medikamente oder Therapie?

Psychogener Schwindel als Folge psychischer Belastungen ist behandelbar. Gegen den Akutfall kann der Arzt Medikamente, sogenannte Antivertiginosa verschreiben, die das Schwindelgefühl lindern. Auch Hausmittel gegen Schwindelgefühle haben sich bewährt.

Eine an den Einzelfall angepasste Therapie hilft dann dabei, die Ursachen für den psychogenen Schwindel aufzuarbeiten. "Eine Mischung aus medizinischer und psychologisch-psychotherapeutischer Behandlung hat sich hierbei oft als hilfreich erwiesen", sagt Dr. Hagemann im Interview.

Zu den möglichen Therapieformen, die bei psychogenem Schwindel helfen, gehören die Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologische Psychotherapie und die systemische Therapie. Je nach Beschwerdebild und eventuellen zusätzlichen Erkrankungen (z.B. Depression, Angststörung etc.) kann psychogener Schwindel mit Medikamenten behandelt werden. Antidepressiva, Stimmungsstabilisierer oder dämpfende, schlaffördernde Medikamente können von "Neurologen, Psychiatern oder Psychosomatikern begleitend eingesetzt werden", erklärt Dr. Hagemann.

Psychogener Schwindel: Übungen, die helfen

Übungen gegen psychogenen Schwindel umfassen im Grunde alles, was innere Unruhe und Anspannung mindert. So können Entspannungstechniken bei Benommenheit durch Stress helfen, dass der Organismus wieder zur Ruhe kommt und das Schwindelgefühl sich bessert. Dr. Andreas Hagemann empfiehlt unterschiedliche Maßnahmen, zum Beispiel:

"Außerdem sollte auf eine gesunde Lebensweise mit viel Bewegung an der frischen Luft geachtet werden", ergänzt der Experte. "Neben Ausdauersport sind vor allem Spaziergänge und Wanderungen empfehlenswert, die auf lange Sicht für eine ganzheitliche Entspannung sorgen."

Wichtig für Patientinnen und Patienten mit psychogenem Schwindel ist, Übungen vorab mit ihrem behandelnden Arzt abzusprechen. Wer sich intensiv sportlich betätigt, sollte Sport in der Gruppe vorziehen, um bei einem eventuellen Schwindelanfall nicht alleine zu sein.

Dr. Andreas Hagemann - Foto: Privat
Unser Experte

Dr. Andreas Hagemann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er leitet als Ärztlicher Direktor die Privatklinik Merbeck im nordrhein-westfälischen Wegberg.

Quellen
  • Stoll, W., Most, E., & Tegenthoff, M. (2004). Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. Georg Thieme Verlag.