Psychoanalyse: Wie sie abläuft und wann sie sinnvoll ist

Michelle Kröger

Ende des 19. Jahrhunderts durch den österreichischen Neurologen und Tiefenpsychologen Sigmund Freud begründet, gilt die Psychoanalyse (kurz: PA) als weltweit älteste Form der Psychotherapie. Wir erklären, wie eine Psychoanalyse genau abläuft, wann sie sinnvoll sein kann und wer die Kosten einer PA übernimmt.

Frau schaut traurig nach unten
Durch das Aufdecken vergangener Konflikte, kann es dem Patienten während der PA schlechter gehen als vorher Foto:  Carlo107/iStock
Inhalt
  1. Was genau bedeutet Psychoanalyse?
  2. Wann und warum geht man zur Psychoanalyse?
  3. Was passiert bei einer Psychoanalyse?
  4. Hat eine PA Nebenwirkungen oder Risiken?
  5. Wer übernimmt die Kosten einer PA?
 

Was genau bedeutet Psychoanalyse?

Die klassische Psychoanalyse stellt den Ursprung der Psychotherapie dar. Seit 1890 widmete sich der Wiener Neurologe und Tiefenpsychologe Sigmund Freud der Entwicklung eines theoretischen Modells zur Erklärung der menschlichen Psyche. Grundlage der Psychoanalyse ist die Annahme, dass sich die Psyche eines Menschens in insgesamt drei Instanzen gliedert: das Es, das Ich und das Über-Ich. Dabei steht das “Es” für die unbewussten Triebe, die Lust. Das “Ich” steht für die Verbindung zur Realität. Das “Über-Ich” bildet das Gewissen des Menschen, in dem Wertvorstellungen der Eltern und des sozialen Umfeldes verankert sind. Freud beschrieb die Symptome einer seelischen Erkrankung als Ersatz für ein ungelöstes Problem der frühen Kindheit. Das Ziel der PA: das Bewusstmachen unverarbeiteter Konflikte. Die klassische Psychoanalyse wird heutzutage nur noch selten praktiziert. Studien haben ergeben, dass andere Therapieformen günstiger, schneller und effektiver sein können. Die PA nach Freud ist zeitlich unbegrenzt und dauert meist mehrere Jahre.

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Wann und warum geht man zur Psychoanalyse?

Die Psychotherapie soll bei seelischen Problemen helfen – etwa bei Störungen des Fühlens, Denkens, Handelns und Erlebens. Diese Probleme können sich durch seelische oder körperliche Beschwerden äußern. Zum Beispiel durch Süchte, Ängste, Zwänge, Neurosen oder Essstörungen. Eine PA kann auch bei speziellen Ausprägungen einer Depression sinnvoll sein, genauso wie bei manchen psychosomatischen Erkrankungen oder Verhaltensstörungen.

Der Patient sollte dazu in der Lage sein, frei über seine Gefühle und Probleme reden zu können, ja, sich selbst zu reflektieren. Das setzt auch ein hohes Maß an Eigenmotivation und Belastbarkeit voraus. Denn durch das Aufdecken vergangener Konflikte kann es dem Patienten zwischendurch schlechter als vorher gehen. Er sollte deshalb möglichst stabil und bereit dazu sein, schmerzliche Erlebnissen und Empfindungen aus seiner Kindheit aufzuarbeiten.

 

Was passiert bei einer Psychoanalyse?

Im Fokus der PA steht der Dialog zwischen Therapeut und Patient. Während der Therapie liegt der Patient auf einer Couch und der Therapeut sitzt hinter der Couch – er hält sich bewusst im Hintergrund. Der Patient kann ihn nicht sehen. Während der PA nimmt der Therapeut eine eher zurückhaltende Rolle. Es werden – anders als bei vielen anderen Therapieformen – keine konkreten Handlungsanweisungen erteilt. Der Patient soll einfach ganz ungehemmt reden und alles sagen können, was ihm gerade durch den Kopf geht. Ohne Ablenkungen durch etwaige Mimik des Behandelnden. Diese Gespräche sollen die Ursache der Probleme bzw. die inneren Konflikte des Patienten aufdecken. Das freie Erzählen des Patienten ohne Blickkontakt wird auch “freies Assoziieren” genannt. Aus den frei geäußerten Gedanken schließt der Therapeut mit der Zeit unbewusste Inhalte und/oder Probleme, die dem Patienten bisher noch unbekannt waren.

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Während der Sitzungen wird der Therapeut meist ganz automatisch und unbewusst zu einer Projektionsfläche für frühere Bezugspersonen des Patienten oder für seine Wünsche und inneren Konflikte. Ein weiterer Begriff der PA ist deshalb die sogenannte Übertragung. Ein Beispiel: Nimmt der Patient seinen Therapeuten als abweisend und kalt wahr, so kann das auf eine gestörte Beziehung zu einem Elternteil hinweisen. Vielleicht hat der Betroffene als Kind immer um die Liebe und Anerkennung seines Vaters gekämpft. Die Gefühle und Gedanken des Therapeuten bezeichnet man als sogenannte Gegenübertragung. Er darf niemals seine objektive Sichtweise verlieren. Durch regelmäßige, wöchentliche Therapiesitzungen können die Selbstheilungskräfte des Betroffenen gefördert und eine emotionale Befreiung der Persönlichkeit bewirkt werden.

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Hat eine PA Nebenwirkungen oder Risiken?

Durch eine Psychoanalyse können sich neben vielen Vorteilen manchmal auch Nachteile ergeben. Beispielsweise bekommt der Patient keine detaillierten Handlungsempfehlungen, die ihm bei der Problembewältigung helfen sollen. Der Therapeut konzentriert sich bei der PA mehr darauf, die Ursache des Problems zu analysieren – meist in der Vergangenheit (Familiengeschichte) des Patienten. Dass eben das meistens sehr lange dauern kann, sollte jedem klar sein. Der lange Prozess der Therapie kann frustrieren und die Motivation mindern. Manche finden es zudem schwierig, dass sich der Psychotherapeut verbal sehr zurückhält und es keine klar definierten Ziele gibt.

 

Wer übernimmt die Kosten einer PA?

Sobald ein medizinischer Grund vorliegt, werden die Kosten für die Psychoanalyse von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Der gewählte Psychotherapeut kann frei gewählt werden, muss jedoch eine Kassenzulassung vorweisen können. Es können bis zu 300 PA-Sitzungen finanziert werden – je nach Art und Schwere der psychischen Erkrankung.

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