PSA-Test und Prostatakrebs: Wie gefährlich ist diese Studie?

Rasmus Cloes

Über wenige Themen wird in der Medizinwelt so heftig gestritten wie den Sinn oder Unsinn von Screenings. Experten kritisieren jetzt eine der wichtigsten Untersuchungen zum PSA-Test, der Prostatakrebs aufspüren soll. Behielten sie Recht, könnten wir es mit einem der größten und fatalsten Irrtümer der modernen Medizin zu tun haben.

Es ist ein Thema, bei dem sich viele Experten uneins sind: Sollten Männer einen PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs (siehe Infobox) machen oder es besser sein lassen.

PSA-Test

Für die Früherkennung von Prostatakrebs brauchen Sie zwei Tropfen Blut aus der Fingerkuppe oder dem Ohrläppchen. Der Test (ca. 30 Euro) ist aber umstritten, weil ein erhöhter Wert auch andere, harmlose Ursachen haben kann. Experten nennen das einen falsch positiven Befund. Das heißt, der Wert fällt sehr hoch aus, ohne dass Krebs besteht. So können beispielsweise eine Entzündung der Prostata, Sex oder Sport am Vortag der Untersuchung den Wert in die Höhe treiben.

Das eine Lager sagt „Ja, auf jeden Fall testen!“ und verweist auf Studien wie die „European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer" (ERSPC). Sie konnte zeigen, dass die Früherkennung Leben rettet. Laut den Ergebnissen verhindert das Screening jeden fünften Todesfall durch Prostatakrebs – zumindest in der Altersgruppe der 55- bis 66-Jährigen. Schwere Krankheitsverläufe können ebenfalls verhindert werden.

Allerdings zu dem Preis, dass auch viele gesunde Männer mehrfach untersucht und zum Teil sogar operiert werden müssen. Das verneinen auch die Befürworter nicht. Die unnötig Behandelten leiden zum Teil unter den Folgen der Therapie – und die Nebenwirkungen können heftig sein! Es drohen Impotenz, Inkontinenz, schwere Schmerzen oder Infektionen.

 

Sind PSA-Tests sinnlos?

Genau diese unnötigen Behandlungen führen die Gegner der Screenings als Argument gegen die Maßnahme an. Sie sind der Ansicht, dass dieses Leid ohne Sinn geschieht. Und führen an: Es sei nicht erwiesen, dass die Früherkennung überhaupt Leben rettet.

In der Tat gibt es mehrere große Untersuchungen, die zu dem Schluss kommen, dass die Screenings zwar mehr Krebsfälle aufdeckten, aber nicht die Sterblichkeit senkten. Erkrankte also nicht profitierten und Gesunde trotzdem litten. Es wäre eine sinnlose Maßnahme.

Oft beziehen sich die Gegner auf zwei große Untersuchungen: Eine Übersichtsarbeit der renommierten Cochrane Collaboration und die 2009 veröffentlichte Studie „Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer Screening Trial“ (PLCO). Letztere ist jetzt in die Kritik geraten.

 

Ist die wichtigste Studie der PSA-Gegner falsch?

Zwei US-Wissenschaftler haben die PLCO jetzt genauer untersucht und vermuten, dass sie einen schweren methodischen Fehler aufweist. Nicht nur die Männer in der Screening-Gruppe sollen einen PSA-Test gemacht haben, sondern auch jene der Vergleichsgruppe – obwohl man ihnen explizit davon abgeraten hatte. Sollte das stimmen, wäre es nicht verwunderlich, dass die Studie keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen feststellen konnte. Beide hätten von den Tests profitiert.

Das Problem ist: Die Studie hat besonders in den USA ein großes Umdenken eingeläutet. Ein Expertengremium überarbeitete daraufhin ihre Leitlinien und riet seitdem vom PSA-Test ab. Auch die Übersichtsarbeit der Cochrane Collaboration stützt sich auf die Ergebnisse der PLCO-Studie. Sollten sich jetzt die Vorwürfe erhärten, dann könnten die wichtigsten Argumente der Screening-Gegner in sich zusammenfallen. Millionen Männer hätten zu Unrecht auf eine wirksame Behandlung verzichtet. Tausende wären unnötig gestorben.

Ein PSA-Test
Beim PSA-Test wird die Menge eines speziellen Eiweißes im Blut gemessen. Ist sein Wert erhöht, kann das auf eine Krebserkrankung hinweisen© Alamy

Jana Hinneburg vom Harding Center for Risk Literacy in Berlin hält die Kritik an der PLCO-Studie hingegen für einseitig. Der ERSPC-Trial müsste dann ähnlich genau geprüft werden. Generell sieht sie die Kernaussage der Cochrane Review nicht gefährdet: „Die Aussage, dass 7 von 1.000 Männern mit oder ohne Früherkennung über ca. 10 Jahre an Prostatakrebs sterben, beruht auf 5 Studien mit insgesamt über 300.000 Teilnehmern. Eine Neubewertung der PLCO-Studie könnte also Veränderungen mit sich bringen, sie dürften jedoch begrenzt sein“, so Hinneburg.

Die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) empfiehlt seit Jahren den PSA-Test. Sie weisen darauf hin, dass es auch nicht nur darum geht, Todesfälle gegeneinander abzuwiegen. Wird bei einem Mann Prostatakrebs zu spät entdeckt, dann mag er vielleicht nicht früher sterben, sein Leben kann das trotzdem erheblich beeinträchtigen. Oft leiden Erkrankte über Jahre an starken Knochenschmerzen. Sie glauben, das könnte durch ein Screening verhindert werden. 

 

PSA-Test und dann?

Am ehesten eignet sich ein PSA-Test für Männer im Alter von 45 bis 65 Jahren, bei denen es entweder Prostatakrebsfälle in der Familie gegeben hat oder bei denen Beschwerden bestehen, die nicht allein durch eine Vergrößerung der Vorsteherdrüse zu erklären sind. Wird bei den Betroffenen mindestens zweimal in Folge ein sehr hoher Wert gemessen, empfehlen Experten, mittels einer sogenannten Biopsie Gewebeproben entnehmen zu lassen. Auch Auffälligkeiten beim Abtasten werden auf diese Weise abgeklärt. Die Gewebeentnahme mit hauchfeinen Nadeln wird in Verdachtsfällen von den Krankenkassen bezahlt.

Prostatakrebs: beobachten oder bestrahlen?

Finden sich im entnommenen Gewebe tatsächlich Krebszellen, stehen mehrere Verfahren zur Auswahl: Krebsvorstufen werden meist nur durch regelmäßige Nachuntersuchungen in ihrer Entwicklung beobachtet. Manche Wucherungen wachsen sehr langsam und bereiten keine Probleme. Bestenfalls bilden sie sich sogar wieder zurück. Größere Veränderungen dagegen können bestrahlt oder mit einer Hormontherapie behandelt werden.

Wenn der Patient sichergehen will oder sich der Krebs bereits im fortgeschrittenen Stadium befindet, kann das bösartige Gewebe unter Vollnarkose entfernt werden. Bei solchen Eingriffen werden gelegentlich Nerven verletzt. Das kann zu Impotenz führen.

Hamburg, 8. Juni. 2016

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