Propofol-Lieferengpässe gefährden Behandlung von Corona-Patienten

Daphne Sekertzi

Bei dem Narkosemittel Propofol bestehen seit Wochen Lieferengpässe. Doch gerade COVID-19-Erkrankte, die künstlich beatmet werden müssen, sind auf das nebenwirkungsarme Narkosemittel angewiesen.

Inhalt
  1. Was ist Propofol?
  2. Propofol Lieferengpässe – was bedeutet das?
  3. Lieferengpässe für Propofol nicht erst seit Corona-Krise
  4. Gegenmaßnahmen zur Sicherstellung der Propofol-Versorgung

Die Propofol-Lieferengpässe können sich auf die Behandlung von Corona-Patienten auswirken. Mehr als 2600 COVID-19-Patienten müssen derzeit intensivmedizinisch betreut werden, über 70 Prozent von ihnen sind auf eine künstliche Beatmung angewiesen.

Um die Betroffenen zu sedieren, wird auf Propofol zurückgegriffen – und das nicht ohne Grund: Es steht auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), da es zu den nebenwirkungsärmsten Narkosemitteln gehört und somit zur potentiell schädlichen Wirkung von Beatmungsgeräten kein zusätzliches Gesundheitsrisiko für schwer am Coronavirus Erkrankte darstellt.

 

Was ist Propofol?

Propofol, in Deutschland auch als Disoprivan bekannt, ist ein Narkosemittel, das weltweit in Krankenhäusern am häufigsten verwendet wird. Denn verglichen mit anderen Narkosemitteln, gilt Propofol als besonders gut verträglich und bei richtiger Dosierung als nebenwirkungsarm. Es wird rasch über die Leber und die Niere ausgeschieden und führt nur selten zu Übelkeit oder Erbrechen.

Das Narkosemittel kommt bei Operationen und invasiven Beatmungen zum Einsatz, um den Patienten zu sedieren. Da bei einer invasiven Beatmung weder Sprechen noch Essen möglich sind, werden Betroffene in der Regel mithilfe von Propofol in einen künstlichen Schlaf versetzt – so auch COVID-19-Erkrankte mit schwerer Lungenentzündung. Unabhängig davon, wie lange ein Patient sediert werden muss, wird Propofol höchstens sieben Tage verabreicht. Dafür ist eine große Menge des Narkosemittels erforderlich, da es mehrmals täglich zugeführt werden muss.

Würfel Immun Ja Nein
Service Macht eine Erkältung immun gegen Corona?

 

Propofol Lieferengpässe – was bedeutet das?

Oft ist es unklar, was mit einem Lieferengpass gemeint ist. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) informiert auf seiner Seite darüber, ab wann man von einem Engpass spricht: „Ein Lieferengpass ist eine über voraussichtlich 2 Wochen hinausgehende Unterbrechung einer Auslieferung im üblichen Umfang oder eine deutlich vermehrte Nachfrage, der nicht angemessen nachgekommen werden kann.“

Zwar bedeute ein Engpass kein „Lieferabriss“, wie das BfArM klarstellt – jedoch können Krankenhäuser derzeit nur mit zeitlicher Verzögerung beliefert werden. In einer Übersicht zu Lieferengpässen für Humanarzneimittel des BfArM wird zudem das Ende der Versorgungsprobleme mit Propofol-Fertigspritzen und -Infusionsflaschen erst auf Juli 2020 geschätzt.

 

Lieferengpässe für Propofol nicht erst seit Corona-Krise

Der Lieferengpass für Propofol wurde nicht erst durch die Corona-Pandemie ausgelöst. Bereits im Oktober 2019 bewertete die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Versorgung mit dem Narkosemittel als kritisch. Grund dafür ist die Zentralisierung der Produkton: Die Herstellung von bestimmten Inhaltsstoffen des Narkosemittels ist auf wenige Standorte begrenzt. So haben Produktionsprobleme an einem Standort Auswirkungen auf die weltweite Versorgungssituation.

Durch die Corona-Krise hat sich der Lieferengpass verschärft. Mit der Anzahl an Personen, die aufgrund ihrer COVID-19-Erkrankung künstlich beatmetet werden müssen, steigt auch der weltweite Verbrauch von Propofol an, was die Nachfrage in die Höhe treibt – Arzneimittelhersteller kommen mit ihrer Produktion nicht hinterher. Bereits Anfang April hat der Pharmakonzern Baxter einen Lieferengpass für Propofol gemeldet.

Arzt und Krankenschwester im Klinikflur
Service Corona-Krise: Kurzarbeit in Krankenhäusern – ja oder nein?

 

Gegenmaßnahmen zur Sicherstellung der Propofol-Versorgung

Während  für die befürchteten Engpässe bei Intensivbetten und Beatmungsgeräten vom Robert-Koch-Institut (RKI) eine Entwarnung ausgesprochen wurde, können die Propofol-Lieferengpässe zu einem ernsten Problem werden. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sich die EU-Kommission eingeschaltet hat.

In einem Brief an Arzneimittelhersteller warnte die EU-Gesundheitskommissarin vor einem Engpass und hielt sie dazu an, die Produktion lebenswichtiger Substanzen zu steigern. Nur einen Tag später beschloss die EU-Kommission, aufgrund der Corona-Pandemie die Kartellregeln zu lockern. So ist nun die Abstimmung unter Phamakonzernen erlaubt, damit der Arzneimittelbedarf sichergestellt wird.

Von Intensivmedizinern und Wissenschaftlern kam außerdem die Forderung, dass Ärzte bei Operationen auf alternative Narkosemittel setzen sollten, damit COVID-19-Patienten trotz Propofol-Lieferengpässe bestmöglich behandelt werden können.

Kleiner Hund streunert auf der Straße bei Nacht
Krankheiten & Behandlung Corona-Verbreitung: Forscher vermutet streunende Hunde

Quellen:

Lieferengpässe für Humanarzneimittel, in: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

Aktuell offene Lieferengpässe für Humanarzneimittel in Deutschland (ohne Impfstoffe), in: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte

Das könnte Sie auch interessieren
Themen
Copyright 2020 praxisvita.de. All rights reserved.