Postpartale Depression: Mehr als Heultage und Babyblues

Mutter mit postpartaler Depression
Postpartale Depression ist eine ernste Krankheit und bedarf der Therapie. Auch Antidepressiva helfen betroffenen Müttern über die depressive Verstimmung nach der Geburt hinweg © Corbis Germany

Zehn bis zwanzig Prozent der Mütter fallen nach der Geburt ihres Babys in ein tiefes emotionales Loch: die Postpartale Depression. Doch es gibt Auswege aus der Krankheit.

 

Angst vor dem eigenen Baby

Für Britta war es ein Wunschbaby. Aber dann kam alles anders: Statt Glücksgefühle waren nach der Entbindung Schlaflosigkeit und die Angst vor dem Baby. In ihr stieg die verzweifelte Panik auf. Ihr Baby Lena mochte nicht trinken, jede Mahlzeit war eine Tortur. Was sich zunächst anfühlte wie die normale Unsicherheit einer Erstgebärenden, entpuppte sich als handfeste Postpartale Depression. „Irgendwann habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich, wenn Lena nicht mehr aufwacht, wenn sie heute Nacht einfach gestorben ist? Bin ich dann traurig?“ erzählt die Frau reglos. „Ganz ehrlich – ich wusste es nicht.“ Spätestens da war klar, dass sie unter Postpartale Depression litt. Für zehn Wochen zog Britta mit ihrer Tochter in den Hertener Schlosspark, in die Mutter-Kind-Station für Postpartale Depression. Hier bekam sie Medikamente und intensive Therapie. Heute geht es beiden gut.

 

Postpartale Depressionen sind keine Seltenheit

Lena, inzwischen zehn Monate, liegt auf dem Schoß ihrer Mama im Kinderzimmer. „Du kleines Mäuschen“, säuselt Britta in dem so typischen Mama-Singsang. Sie lächelt, versinkt mitten im Gespräch in den Anblick ihrer Tochter. Dieses Abtauchen in die Welt der Zwiesprache zum Baby musste Britta erst lernen nach ihrer Krankheit „Postpartale Depression“. Viele Menschen glauben, dass Mütter nach dem Gebären automatisch in einen Glückstaumel verfallen. Aber Ausnahmen sind gar nicht so selten: Zehn bis 20 Prozent aller Mütter entwickeln nach der Geburt oft einen anhaltenden Zustand der Erschöpfung, eine Postpartale Depression. Etwa 0,5 Prozent von ihnen erkranken im Wochenbett gar an einer Psychose mit schweren Angst-, Erregungs- und Verwirrungszuständen. Im schlimmsten Fall führt die „Postpartale Depression“ zum Mord oder Suizid.

 

Die Krankheit der traurigen Mütter

„Die Postpartale Depression ist eine sehr tragische Erkrankung“, verdeutlicht Dr. Luc Turmes, ärztlicher Direktor an der LWL-Klinik in Herten. Im Gegensatz zum auch als „Heultage“ bekannten „Babyblues“, den etwa 80 Prozent aller Mütter kurz nach der Geburt durchleben, ist die Postpartale Depression langatmiger und bleibt. Die Postpartale Depression hat einen ersten Häufigkeitsgipfel drei Monate nach der Geburt oder sogar bis ein Jahr danach. Es folgt nicht nur Trauer, sondern oft auch eine Beziehungsstörung zum Kind. Eine Postpartale Depression birgt die spätere Gefahr einer daraus resultierenden psychischen Störung des Babys. Denn 45 Prozent der Patienten in der Kinderpsychiatrie haben psychisch kranke Eltern.

 

Körpertherapie gegen Postpartale Depression

Darum betreibt Dr. Luc Turmes seit 2003 eine Mutter-Kind-Station, zwei Tagesklinkplätze und eine Spezialambulanz in seiner LWL-Klinik, um gegen „Postpartale Depression“ zu kämpfen. 70 Prozent und mehr als die Hälfte aller Babys, die hierherkommen, leiden unter einer Bindungsstörung. In einer gemeinsamen Körpertherapie gegen Postpartale Depression lernen die Frauen, ihr Kind zu verstehen. „Wir nennen das Baby-Lese-Stunde“, so Turmes. Bis sie hierherkommen, gehen die Frauen erst einmal durch die Hölle.

 

Wenn Mütter ihr Baby nicht lieben können

Britta, die seit 15 Jahren als Kinderkrankenschwester arbeitete konnte nicht fassen, dass sie unter Postpartaler Depression litt: „Immer wieder habe ich mir gesagt: Mein Gott, du bist doch Kinderkrankenschwester! Du weißt doch, wie das geht!“ Von wegen. Durch die Postpartale Depression ging plötzlich gar nichts. Sie kannte durch den Krankenhausdienst kurze Nächte gut. Doch jetzt schlief sie immer weniger. Auch wenn Lena im Kinderzimmer träumte, konnte Britta nicht zur Ruhe kommen. Allein der Gedanke daran, dass die Kleine wieder weinen würde anstatt zu trinken, versetzte sie in Panik. Typisch für die Postpartale Depression.

„Natürlich wusste ich, dass Babys weinen. Aber Lena kam beim Trinken einfach nicht zur Ruhe. Und ich konnte ihr nicht helfen“. Ihr Mann war ebenfalls hilflos, aber er konnte anders damit umgehen. Britta ahnte, dass dieser Zustand nicht normal war. „Du kannst zwar erschöpft sein. Aber du musst doch glücklich sein, wenn du das Kind anguckst! Das war aber nicht so. Da war nur Angst. Angst, ihr nicht gerecht zu werden. Angst davor, dass sie wieder schreit. Angst, dass sie nicht trinkt. Diese Angst war ein richtiges körperliches Symptom, ich fühlte mich, als würde mir die Luft abgeschnürt. Ich habe mich von der Natur betrogen gefühlt. Betrogen um das Glück, das ein Mutter und ihr Baby empfinden.

 

Babys spüren die Postpartale Depression der Mama

Lange wollte Britta die Krankheit Postpartale Depression nicht wahr haben. Viel zu lange hielt sie sich am Korsett des Funktionierens fest. Sie quälte sich morgens aus dem Bett und wickelte die Tochter. Die Postpartale Depression jedoch hinderte sie, dabei Liebe zu spüren. Und das merkte Lena. Irgendwann lächelte Lena ihre Mama nicht mehr an. „Das war schlimm. Wenn der Papa nach Hause kam, hat sie ihn freudig begrüßt, riss ihren zahnlosen Mund auf und strampelte mit Armen und Beinen. Aber mich hat sie nicht mehr angelacht.“

Jetzt war der letzte Antrieb weg. Die Postpartale Depression wurde stärker. Wer kennt sie nicht die Mütter, die mit schwarzen Rändern unter den Augen nach durchwachten Nächten am Bett des kranken Kindes verzückt säuseln: „Aber wenn es mich anlächelt, ist alles wieder in Ordnung.“ Keine Freude, keine Liebe. Britta wünschte sich alle Verpflichtungen, Ängste und die Trauer hinter sich zu lassen. Sie sehnte sich nach Ruhe. „Es gab nie die Gefahr, dass ich Lena etwas antue, auf keinen Fall“, sagt Britta. „Aber ich habe mir gewünscht, tot zu sein.“

 

Gegen die Krankheit anlächeln

Lena wollte ihrer Mutter nicht weh tun. Es liegt schlicht daran, wie das Gehirn funktioniert, am Geheimnis der Spiegelneuronen. „Die Nervenzellen, mit denen alle Kinder bereits geboren werden, sind die Erklärung für zwischenmenschliche Bindung schlechthin“, so Luc Turmes. Ein Baby, das sein Gegenüber anlächelt, bekommt im Normalfall ein Lächeln zurück. Dadurch baut es eine Beziehung auf. Wenn die Mutter jedoch eine Postpartale Depression hat, lebt sie in einem dunklen Gemütszustand und kann das Lächeln nicht erwidern.

 

Antidepressiva und Gesprächstherapie gegen Postpartale Depression

Britta brach eines Abends zusammen und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Da wusste sie plötzlich, dass sie professionelle Hilfe brauchte, um die Postpartale Depression zu bekämpfen. Sie ließ sich direkt zum Spezialisten bringen, in die Psychiatrie nach Herten.

Nach den ersten zwei Wochen ohne ihre Tochter, in denen sie medikamentös eingestellt wurde und akute Krisenbewältigung gegen die Postpartale Depression im Mittelpunkt stand, ging es langsam bergauf.

Hier traf Britta auf Frauen mit ähnlichen Problemen. In Einzel- und Gruppentherapie reflektierte sie ihren hohen Anspruch an die Mutterschaft. Sie lernte, dass Lena zwar den Takt ihres Lebens vorgibt, sie aber nur eine gute Mama sein kann, wenn sie auch mal an sich denkt. Jetzt, nach der Krankheit, schläft Lena eine Nacht in der Woche bei ihren Großeltern. „Vorher konnte ich Lena ja nicht abgeben. Vielleicht hing das damit zusammen, dass sie für mich selbst so eine schlimme Belastung war.“ Heute weiß sie, dass dies eher Freude als Bürde ist.

 

Endlich ein Leben ohne Postportale Depression

Heute, ohne Postpartale Depression, wird Britta noch einige Zeit mit Antidepressiva und Schlafmitteln leben, und sie weiß, dass es wieder graue Tage geben kann. „Aber ich kann damit umgehen“, sagt Britta. Heute sieht sie die Dinge positiv und ihr Herz macht einen Sprung, wenn Lena sie anlächelt. Zur Zeit der Krankheit kaum denkbar. „Es war wie eine Erlösung“, so Britta.

Gegenüber auf der anderen Seite des Flurs wärmt Britta in der Gemeinschaftsküche der Station für Postpartale Depression ein Gemüsegläschen auf. Britta setzt Lena auf einen Hochstuhl und bindet ihr ein Lätzchen um. „Jetzt kommt das lecker Möhrchen“, säuselt die Mama. Endlich versteht Britta Lena mit vollem Verstand und ganzem Herzen.

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