Polizeiruf 110: „Ich hätte jetzt gern eine Fugue.“

Polizeiruf 110
Die Rostocker Kommissare Bukow und König haben es im Polizeiruf 110 „Sturm im Kopf“ mit einem sehr ungewöhnlichen, verwirrten Verdächtigen zu tun © Imago

Ein junger Mann irrt durch Rostock, kann sich an nichts mehr erinnern, lässt sein eigenes Ich und dessen traumatische Erlebnisse hinter sich. Fachärzte sprechen bei diesem Identitätsverlust von einer dissoziativen Fugue. Doch entspricht diese Darstellung aus dem Polizeiruf 110 der Wahrheit? Und wenn ja, wie häufig sind solche Amnesien? Der Sonntagskrimi im Realitätscheck.

Eine dissoziative Fugue beschreibt das plötzliche, unvorhersehbare, ziellose Weglaufen einer Person ohne jeglichen Grund. Die Flucht wird dabei nicht etwa durch Neugier oder Abenteuerlust ausgelöst, vielmehr ist sie vom Willen des Betroffenen unabhängig. Die Patienten empfinden Angst und Heimweh, verlassen ihre Heimat und reisen oft tausende von Kilometern. In dieser Zeit des Weglaufens kann sich eine dissoziative Amnesie entwickeln, die über wenige Stunden bis hin zu mehreren Monaten andauern kann. Danach klingen die Fluchtzustände spontan ab.

 

„Fugue“ als Begleiterscheinung anderer Erkrankungen

Bei Frauen tritt die Persönlichkeitsstörung häufiger auf als bei Männern, besonders bei Opfern von sexuellem Missbrauch. Häufig ist die dissoziative Fugue auch eine Begleiterscheinung psychischer Erkrankungen, z.B. etwa der Schizophrenie oder des Borderline-Syndroms.

 

Abspaltung von Wahrnehmung und Gedächtnisinhalten

Menschen können trotz einer dissoziativen Amnesie normal funktionieren. Sie verhalten sich weitgehend unauffällig und treten wie gewohnt mit anderen Menschen in Kontakt. Der einzige Unterschied: Es liegt eine Abspaltung von Wahrnehmung und Gedächtnisinhalten vor. Die Amnesie ist dabei eng begrenzt und bezieht sich ausschließlich auf den Umkreis des traumatischen Erlebnisses.

 

Dissoziative Fugue ist eine Seltenheit

„In Deutschland gab es in den letzten Jahren nur eine Handvoll dokumentierter Fälle“, betont Drehbuchautor Florian Oeller, der sich für seine Geschichte von Experten beraten ließ. Die Lebenszeitprävalenz liegt bei 0,2-0,3 Prozent der Allgemeinbevölkerung.

Hamburg, 2. März 2015

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