Plica: Der versteckte Störenfried im Knie

Knieschmerzen durch Plica
Knieschmerzen gehören hierzulande nach Rückenbeschwerden zu den zweithäufigsten orthopädischen Erkrankungen © istock

Es gibt eine Ursache für Knieschmerzen, die kaum jemand kennt und selbst Ärzte oft nicht entdecken: die Plica. Der Kniespezialist Prof. Dr. Carl Haasper verrät alles, was wir über diese Schleimhautfalte wissen müssen und wie wir sie auch ohne Operation in den Griff bekommen.

Knieschmerzen gehören hierzulande nach Rückenbeschwerden zu den zweithäufigsten orthopädischen Erkrankungen. Herr Prof. Haasper, warum ist das Knie so schmerzanfällig?

Das Knie ist das größte Gelenk unseres Körpers. Einerseits bietet es uns ein sehr großes Bewegungsausmaß: Wir können das Bein durchstrecken, die Ferse bis zum Po ziehen, oder auch mal den Unterschenkel ein- und ausdrehen. Das wird durch einen sehr komplexen Aufbau des Gelenks gewährleistet. Die Knochen des Ober- und Unterschenkels passen nicht ineinander, wie es zum Beispiel bei dem Kugelgelenk Hüfte der Fall ist. Komplizierte Dreh-, Roll- und Gleitbewegungen ermöglichen die verschiedenen Bewegungen. Andererseits muss ein solch ausgeklügeltes Gebilde immense Lasten tragen. Im Alltag sind bestimmte Bereiche des Knies dem fünf- bis siebenfachen unseres Körpergewichts ausgesetzt. Diese beiden Dinge machen das Knie sehr anfällig für Störungen im Bewegungsablauf.

Prof. Dr. Carl Haasper
Prof. Dr. Haasper: „Es gibt Krankheitsbilder, die schwerer zu fassen sind, wie der Schmerz im vorderen Kniebereich. Diese Schmerzen können verschiedene, versteckte Ursachen haben, zum Beispiel die zu große Plica.“© privat

Ist denn jeder Knieschmerz besorgniserregend?

Ganz allgemein muss man klar sagen: Nein. Gerade weil das Knie solcher Beanspruchung ausgesetzt ist, treten in diesem Bereich immer mal wieder kleine Wehwehchen auf. Dann reicht es meist aus, abzuwarten und das Knie zu schonen. Nach ein paar Tagen sollten sich die Beschwerden gegeben haben. Hält der Schmerz aber an oder tritt bei Belastung immer wieder auf, empfiehlt es sich, einen Arzt aufzusuchen.

Gerade bei immer wiederkehrenden Knieschmerzen berichten Patienten häufig von hilflos wirkenden Ärzten, die unterschiedliche Diagnosen stellen – und der Schmerz bleibt.

Einfache, fassbare Diagnosen im Bereich des Knies sind die eine Sache. Ein Riss im Kreuzband ist schnell festzustellen: Der Patient beschreibt eine Instabilität im Gelenk, bildgebende Untersuchungen wie das MRT liefern den eindeutigen Beweis. Dann gibt es aber auch Krankheitsbilder, die schwerer zu fassen sind, wie der Schmerz im vorderen Kniebereich. Diese Schmerzen können verschiedene, versteckte Ursachen haben, zum Beispiel die zu große Plica. Da die Plica eben nicht so leicht zu erkennen ist, stellt der Arzt eine Verdachtsdiagnose, die auch etwas anderes sein und sich von dem Befund des Kollegen unterscheiden kann.

Was genau ist die Plica?

Die Plica ist eine Reservefalte der Gelenkschleimhaut im Knie, die oberhalb, unterhalb oder auf Höhe der Kniescheibe sitzen kann – manchmal sogar an allen drei Stellen. Die Gelenkschleimhaut ist bei der Geburt bereits voll ausgeprägt, das Knie an sich ist aber zunächst noch klein und wenig komplex. Im Laufe der Entwicklung zieht sich die Schleimhaut aus den Falten. Im optimalen Fall werden diese immer dünner und gehen ganz weg, wenn das Knie voll ausgebildet ist.

Und im ungünstigen Fall?

Dann bleibt eine Falte zurück. Das ist bei über der Hälfte der Erwachsenen der Fall – allerdings in unterschiedlicher Ausprägung und deshalb auch nicht immer problematisch: Es können nur ein oder zwei Falten stehen bleiben und diese können wiederum unterschiedlich dick sein. Je nachdem bereitet die Schleimhaut dann Probleme oder man merkt ein Leben lang nichts von ihr.

Plica-bedingte Schmerzen bei Frauen
Zum ersten Mal treten Plica-bedingte Schmerzen besonders bei Frauen zwischen 20 und 25 auf© Gettyimages

Kann man genau beziffern, bei wie vielen Menschen die Plica zu Problemen führt?

Das hängt ganz von der Altersgruppe ab. Je älter der Patient, desto seltener lautet die Diagnose Plica – denn wenn bis dahin noch keine Beschwerden dieser Art aufgetreten sind, dann ist die Falte nicht da oder nur sehr schwach ausgeprägt. Zum ersten Mal treten Plica-bedingte Schmerzen besonders bei Frauen zwischen 20 und 25 auf: Bei jeder dritten ist eine übermäßig ausgeprägte Falte zu finden. Allerdings ist es gerade bei den Symptomen der Plica auch klar gegeben, dass der Patient nicht immer sofort einen Arzt aufsucht: Denn die Schmerzen treten zunächst nur bei großer Belastung auf und verschwinden wieder, wenn auf die Bewegung verzichtet wird. Der Schmerz wird dann auf die Überanstrengung geschoben.

Welche Symptome sind typisch für eine problematische Plica?

Bei der klassischen hypertrophen – also übermäßig ausgeprägten – Plica spürt man am Anfang ein wiederkehrendes Einklemmgefühl unterhalb oder oberhalb der Kniescheibe bei einer bestimmten Bewegung. Schmerzen entstehen dann, wenn das Knie einer größeren Belastung ausgesetzt und diese Bewegung innerhalb kurzer Zeit permanent wiederholt wird – wie bei einer intensiven Radtour oder einer ausgedehnten Joggingrunde. Die empfindliche Schleimhaut wird dann durch das wiederholte Einklemmen so stark gereizt, dass sie anschwillt und Schmerzen verursacht – der schon erwähnte Schmerz im vorderen Kniebereich. In dieser akuten Phase verschwinden die Schmerzen, wenn man dem Knie etwas Schonung gönnt. Dann schwillt die Plica wieder ab und das Knie beruhigt sich innerhalb von ein paar Tagen.

Kann der Schmerz chronisch werden?

Wird das Kniegelenk mit einer problematischen Plica immer wieder stark belastet – treten also die akuten Schmerzphasen wiederholt auf – dann kann es passieren, dass sich die Schleimhaut chronisch verdickt. Sie wird teigig, schwillt nicht mehr ab und benötigt sehr viel mehr Platz im Gelenk. Da der nicht gegeben ist, wird auch das umgebende Gewebe in einen Reizzustand versetzt, da ständig etwas reibt. Dann werden die Schmerzen diffus, die Schmerzen strahlen in die Innenseite und die Kehle des Knies aus.

Die Plica scheint selbst unter Ärzten ein selten in Betracht gezogener Schmerzverursacher zu sein. Warum ist das so, obwohl sie doch relativ häufig auftritt?

Wie gesagt, die Plica ist sehr schwer zu diagnostizieren. In nur wenigen Fällen lässt sich eine zu große Plica ertasten. Auch auf einem MRT lässt sie sich nicht immer erkennen, denn die Schnittdicke der Bilder beträgt drei bis fünf Millimeter, während eine Plica nur zwei bis drei Millimeter dick ist. Da kann es natürlich sein, dass die Schnitte nun gerade so liegen, dass die Plica nicht abgebildet wird. Man muss klar sagen, dass die Diagnose Plica meist über das Ausschlussverfahren getroffen wird. Sie ist das, was am Ende als Schmerzverursacher übrig bleibt. Häufig wird eine Plica auch erst bei einer Kniespiegelung festgestellt, die letzte Möglichkeit der Diagnosefindung. Bei der Spiegelung wird unter lokaler Betäubung eine kleine Kamera ins Knie eingeführt und der Arzt schaut, was im Gelenk nicht stimmt. Bei dieser Operation kann aber auch gleich gehandelt werden: Durch den Schnitt im Knie wird die Falte gleich mit weggeschnitten, die Patienten sind danach in den meisten Fällen vollkommen beschwerdefrei.

Frau dehnt Kniemuskulatur
Bei Knieschmerzen ist eine Dehnung der entsprechenden Muskulatur zu empfehlen: So verbessert sich die Elastizität des Gewebes und es wird weniger schmerzanfällig© istock

Wie lassen sich Plica-Probleme ohne Operation lösen?

Spürt man den Schmerz im vorderen Kniebereich, sollte man zunächst die auslösende Bewegung nicht mehr durchführen. Es hilft, dass Knie zu kühlen. Gegebenenfalls bieten sich auch entzündungshemmende Medikamente an. Es geht darum, den Reizzustand aus dem Knie heraus zu bekommen.

Und wenn das erreicht ist?

Ist der akute Schmerz abgeklungen, kann mit einem gezielten Training der Oberschenkelmuskulatur begonnen werden. Sie ist besonders wichtig für ein funktionales Knie: Sie stabilisiert das Gelenk und nimmt viel Belastung aus diesem Bereich heraus. So sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Plica einklemmt bzw. anschwillt oder sich entzündet. Entsprechende Übungen tragen auch zur Zentrierung der Kniescheibe bei – denn auch eine verschobene Kniescheibe löst häufig das Einklemmen aus. Auch eine Dehnung der entsprechenden Muskulatur ist zu empfehlen: So verbessert sich die Elastizität des Gewebes und es wird weniger schmerzanfällig.

Im Interview: Prof. Dr. Carl Haasper

Prof. Dr. Carl Haasper ist Facharzt für Chirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Sport- und Notfallmedizin. Als Oberarzt ist er seit 2012 an der HELIOS ENDO-Klinik Hamburg tätig.

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