Pflegereform 2017: Das hat sich für Pflegebedürftige geändert

Silvia Pucyk

Seit der Pflegereform 2017 stehen fünf Milliarden Euro mehr für die Pflege in Deutschland bereit. Doch was hat sich dadurch für Menschen geändert, die beispielsweise chronisch krank sind oder unter Alzheimer leiden? Lesen Sie hier, warum es die vielseits gescholtene „Pflege im Minutentakt“ nicht mehr gibt.

Ein älteres Paar hält sich die Hände
Mehr Menschlichkeit und gezieltere Leistungen stehen im Mittelpunkt der Pflegereform 2017© eclipse_images/iStock

Zwei 83-jährige Männer irgendwo in Deutschland, nennen wir sie Helmut und Walter. Helmut hat Gelenkschmerzen, er liegt den meisten Tag im Bett. Die Einkäufe muss seine Frau erledigen, er kümmert sich aufgrund seiner Schmerzen kaum noch um irgendetwas.

Walter ist dement. Wie seine Frau mit Vornamen heißt, hat er vergessen. Er kann sich zwar im Gegensatz zu Helmut alleine ankleiden und essen, allerdings ist er oft mit der Abfolge überfordert, sodass ihm seine Frau zur Seite stehen muss. Sie erklärt ihm, dass er erst die Zahnpasta auf die Zahnbürste auftragen muss, damit er sich seine Zähne putzen kann. Am Frühstückstisch reicht sie ihm erst die Scheibe Brot, dann die Butter und schließlich die Wurst. Dann ermuntert sie ihn mehrmals, vom Brot abzubeißen. Walter hätte es sonst schon wieder vergessen.

 

Pflegereform 2017: Schluss mit der „Pflege im Minutentakt“

Pflegebedürftig sind beide älteren Männer. Bis zur Pflegereform 2017 hat allerdings nur Helmut finanziell von seiner Krankenversicherung profitiert. Der Medizinische Dienst (MDK) kam zu Helmut nachhause und hielt schriftlich exakt in Minuten fest, wie lange es dauerte, um ihn zu pflegen. Beispiel: Drei Minuten Zähne putzen, fünf Minuten Kleidung anziehen, zehn Minuten Bart rasieren usw. „Pflege im Minutentakt“ nannten dies damals Kritiker des Pflegesystems. Ältere und hilflose Menschen würden wie am „Fließband“ abgefertigt, getreu dem Motto "Hauptsache satt und sauber“.

Eine ältere Frau nimmt Tabletten
Wie ging das noch gleich? Menschen, die an Demenz erkrankt sind, vergessen häufig gewöhnliche Abläufe. Körperlich sind sie häufig allerdings noch fit. Diese Umstände sollen durch die Änderungen im Pflegesystem stärker berücksichtigt werden© BraunS/iStock

Walter wurde bei diesem System benachteiligt. Denn das alte Pflegesystem richtete den Blick fast ausschließlich auf Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Das sollte sich mit der Pflegereform 2017 ändern. Seitdem liegt der Fokus stark auf Menschen, die seelische oder geistige Leiden haben und daher Hilfe benötigen. Sie sollen dazu ermuntert werden, selbstständig zu sein und ihre Fähigkeiten so gut es eben noch gut, einzusetzen. Da, wo die pflegebedürftige Person an ihre Grenzen stößt, steht ihr entweder ein Angehöriger zur Seite oder ein ambulanter Pflegedienst. Diese sollen die alte und kranke Person dazu auffordern, so weit es eben geht, sich selbst zu versorgen – mit dem Zeitaufwand, der hierfür nötig ist. Pflege im Minutentakt schaffte die Politik damit formal ab.

 

Sechs Einstufungskriterien seit der Pflegereform 2017

Mit der Pflegereform 2017 hat ein Umdenken stattgefunden. Die wichtigste Veränderung ist wohl die, dass es keine Pflegestufen mehr gibt, sondern sogenannte „Pflegegrade“. Diese sollen eine genauere Einschätzung hinsichtlich der bestehenden Fähigkeiten der pflegebedürftigen Personen ermöglichen. Zur Orientierung dienen folgende sechs Alltagssituationen:

  • Mobilität (Treppensteigen, Bewegung in der eigenen Wohnung)
  • Selbstversorgung (Ernährung, Körperpflege)
  • Kognitive und kommunikative Fähigkeiten (zeitliche Orientierung, Vergesslichkeit)
  • Verhaltensweisen und psychische Problemlagen (nächtliche Unruhe, aggressives Verhalten, Depression)
  • Umgang mit krankheits-/therapiebedingte Anforderungen (Medikamenteneinnahme, Organisation von Arztbesuchen)
  • Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte (Verabredungen treffen, Tagesablauf selbst organisieren)

Anhand dieser Merkmale wird zunächst prozentual festgelegt, was die pflegebedürftige Person noch alleine bewältigen kann. Anschließend erfolgt die individuelle Einstufung der Person in den entsprechenden Pflegegrad. Dieser entscheidet, wie hoch das Pflegegeld ausfällt oder welche Pflegesachleistungen bereitgestellt werden.

 

Pflegereform garantiert „Bestandsschutz“

Bei dieser Umstellung muss niemand befürchten, schlechter gestellt zu werden, denn es gilt der sogenannte „Bestandsschutz“. Dieser garantiert, dass eine pflegebedürftige Person mindestens dieselbe finanzielle Unterstützung erhält, wie vor der Pflegereform 2017.

Ein Mann schneidet ein Stück Brot
Selbstständigkeit zu fördern, kann nur dann gelingen, wenn es genügend Pflegepersonal gibt© PeopleImages/iStock

Die Selbstständigkeit der pflegebedürftigen Person fördern – auch wenn das nach einem gelungenen Ansatz klingt, Kritik an der Pflegereform 2017 gibt es dennoch. Demnach sei es zwar begrüßenswert, die bestehenden Fähigkeiten älterer und kranker Menschen zu fördern, allerdings bedeute dies genauso, dass es mehr ambulantes Pflegepersonal geben müsse. Dieses fehle allerdings, weil die Alten- und Krankenpflege ein schlechtes Image habe.

Ebenso wird befürchtet, dass körperlich eingeschränkte Menschen es zukünftig schwerer haben werden, hohe Pflegegrade bewilligt zu bekommen, da nun der Fokus stärker auf Menschen mit geistigen Erkrankungen liegt (Demenz etc.).

 

Pflegeversicherung nimmt Anträge entgegen

Eine Frau unterstützt einen älteren Herrn beim Ausfüllen von Anträgen
Wer professionelle Unterstützung zur Bewältigung des Alltags benötigt, sollte einen Antrag bei der Pflegeversicherung einreichen© monkeybusinessimages/iStock

Durch die Pflegereform 2017 ändert sich nicht nur etwas für ältere und kranke Menschen, sondern auch für deren Angehörige, die die Pflege übernommen haben. Für sie soll sich die Situation unter bestimmten Voraussetzungen verbessern, indem der Staat beispielsweise für sie in die Sozialversicherung einzahlt. Konkret bedeutet dies, dass pflegende Angehörige höhere Rentenzahlungen erhalten und hinsichtlich ihrer Arbeitslosenversicherung profitieren, sofern sie für die Pflege aus ihrem Beruf aussteigen.

Wer selbst alt und krank ist und mit der Gestaltung seines Alltags überfordert ist, der kann bei seiner Pflegeversicherung einen Antrag auf die Einteilung in Pflegegrade einreichen. Durch die Pflegereform 2017 soll es für pflegebedürftige Menschen einfacher sein, entsprechende Leistungen zu erhalten.

 
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