Pflegegrad 1 - Leistung und Voraussetzungen

Redaktion PraxisVITA

Seit der Umstellung des Pflegestufen-Systems auf Pflegegrade im Zuge der Pflegereform Anfang Januar 2017 werden nun auch Menschen mit einer „geringen Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ berücksichtigt. Dieser Pflegegrad 1 gewährt Betroffenen Anspruch auf Leistungen aus der Pflegeversicherung, die sie in der bisherigen Einordnung aufgrund der geringen Abhängigkeit von fremder Hilfe nicht erhalten hätten. Besonders ältere Menschen, die wenige Krankheitssymptome zeigen oder unter leichter Demenz leiden, profitieren von dem Pflegestärkungsgesetz II (PSG II).

 

Wie wird der Pflegegrad 1 festgestellt?

Um den Pflegegrad 1 festzustellen, unterzieht sich der Antragsteller bei gesetzlich Versicherten eine Begutachtung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Bei privat Versicherten ist die Gesellschaft MEDICPROOF zuständig. Innerhalb des „Neuen Begutachtungsassessments“ werden sechs Aktivitätsbereiche hinsichtlich der Hilfsbedürftigkeit des Kandidaten geprüft.

Einnahme von Medikamenten
Das Gutachten für den Pflegegrad 1 berücksichtigt auch, ob der Antragsteller Hilfe bei der Einnahme seiner Medikamente benötigt© iStock/SolStock

Die Kategorie Mobilität legt den Fokus auf die Beweglichkeit und die Frage, ob die Person zum Beispiel ohne Schwankungen im eigenen Haus laufen oder Treppen steigen kann. Die kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten umfassen bewusste und eigenständige Entscheidungen sowie ein intaktes räumliches und zeitliches Orientierungsgefühl. Auch die Psyche wird einbezogen. Leidet der Antragsteller unter Unruhe, Schlafstörungen oder zeigt er motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten? Die Kategorie Selbstversorgung blickt auf die Selbstständigkeit in Bezug auf die Körperpflege, das An- und Auskleiden und das Zubereiten der Mahlzeiten. Während es in der Gestaltung des Alltagslebens um die Fähigkeit, sich selbst zu beschäftigen, und die Pflege der sozialen Kontakte geht, beinhaltet das sechste Modul den selbstständigen Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Belastungen und das Ausmaß, in dem der Antragsteller Hilfe bei der Einnahme von Medikamenten benötigt.

Für jede Antwort innerhalb dieser Kategorien werden Punkte vergeben und im Anschluss addiert. Um den Pflegegrad 1 zu erreichen, müssen mindestens 12,5 bis 27 Punkte erreicht werden. Diese Einstufung bedeutet, dass der Antragsteller körperlich und geistig nur geringfügig hilfsbedürftig ist.

Zum Vergleich:

 

Kann ich Widerspruch einlegen?

Wird der Antrag auf eine Eingruppierung in den Pflegegrad 1 abgelehnt oder strebt der Antragsteller eine höhere Stufe an, kann innerhalb von vier Wochen Widerspruch eingelegt werden.

Sollte die Hilfs- und Pflegebedürftigkeit in der Folgezeit ansteigen und damit die Selbstständigkeit sinken, ist ein erneuter Antrag bei der Pflegekasse zur Prüfung des nächsthöheren Grades zu empfehlen. Bei „erheblicher Beeinträchtigung der Selbstständigkeit“ in Pflegegrad 2 ist der Umfang der Leistungen der Pflegeversicherung weitaus umfassender.

Pflegebedürftige Frau auf der Parkbank
Ehrenamtliche Helfer, die einen in der Selbständigkeit nur geringfügig beeinträchtigten Senioren auf Spaziergängen begleiten, können von dem Entlastungsbeitrag finanziert werden© iStock/FredFroese
 

Welche finanzielle Unterstützung bekomme ich mit dem Pflegegrad 1?

Hilfsbedürftige mit dem Pflegegrad 1 haben Anspruch auf den 2017 neu eingeführten „Entlastungsbeitrag“ von monatlich 125 Euro. Dieser soll die Teilnahme an Betreuungsgruppen für geistige und körperliche Aktivitäten ermöglichen. Auch kann damit eine Unterstützung im Alltag, zum Beispiel als Begleitung auf Spaziergängen oder bei Einkäufen und im Haushalt, finanziert werden.

 

Was steht mir bei Pflegegrad 1 außerdem zu?

Zusätzlich zu dem „Entlastungsbeitrag“ gewährt der Pflegegrad 1 weitere Leistungen für die Pflege zu Hause. So gibt es einen einmaligen Zuschuss bis zu 4.000 Euro zum Beispiel für den Einbau eines Treppenlifts oder den Umbau der Badewanne zur Dusche, um eine altersgerechte Wohnraumanpassung und Barrierefreiheit sicherzustellen. Eine kostenlose Beratung kann zu diesem Zweck herangezogen werden. Steigt die Hilfsbedürftigkeit und damit der Pflegegrad im weiteren Verlauf an, besteht die Möglichkeit, einen weiteren Zuschuss zu beantragen.

Treppenlift
Ein finanzieller Zuschuss zur altersgerechten Wohnraumanpassung ermöglicht den Einbau eines Treppenlifts© iStock/triffitt

In einer ambulant betreuten Wohngruppe oder Senioren-Wohngemeinschaft erhalten höchstens vier Versicherte mit mindestens Pflegegrad 1 Leistungen zur Wohnraumanpassung. Darüber hinaus können bis zu vier Bewohner jeweils einen einmaligen Einrichtungszuschuss von 2.500 Euro sowie 214 Euro monatlich als Zuschuss zur Finanzierung einer Organisationskraft erhalten.

Seit der Einführung der Pflegegrade müssen medizinische Hilfs- und Pflegehilfsmittel nicht mehr gesondert bei der Pflegekasse beantragt werden. Laut der neuen Begutachtungsrichtlinien des Spitzenverbandes Bund der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden die von Gutachtern empfohlenen und im Katalog der Krankenversicherung aufgelisteten Hilfsmittel mit der Aufnahme in den Pflegegrad mit einer Pauschalförderung von bis zu 40 Euro monatlich automatisch gewährt.

Hierunter fallen einmalig 10,49 Euro für den Anschluss und 18,36 Euro monatlich für den Betrieb eines Hausnotrufsystems. Das Pflegeversicherungsgesetz sieht außerdem die Übernahme von Pflegekursen für Angehörige und ehrenamtliche Pflegepersonen vor. Auch Beratungsbesuche durch geschulte Pflegekräfte werden abgedeckt.

 

Welche finanzielle Unterstützung ist bei Pflegegrad 1 ausgeschlossen?

Da der Pflegegrad 1 die niedrigste Einordnung darstellt, besteht weder bei der Pflege durch Angehörige Anspruch auf Pflegegeld noch auf Pflegesachleistungen bei der Pflege durch einen mobilen Pflegedienst. Da der Antragsteller überwiegend selbstständig ist, ist diese Unterstützung nicht vorgesehen.

Ambulanter Pflegedienst
Die Übernahme der Kosten eines ambulanten Pflegedienstes ist bei Pflegegrad 1 ausgeschlossen© iStock/FredFroese

Ebenso ist die Kurzzeitpflege, zum Beispiel in Form professioneller Pflege nach einem Klinikaufenthalt, ausgeschlossen. Dies greift erst ab Pflegegrad 2. Aufgrund der überwiegenden Selbstständigkeit gibt es keinen Zuschuss zur Verhinderungspflege bei Urlaub oder Krankheit der pflegenden Angehörigen. Auch erfolgt keine finanzielle Unterstützung bei der Tages- und Nachtpflege, für die jedoch der monatliche Entlastungsbeitrag von 125 Euro eingesetzt werden kann.

Dieser kann ebenfalls als finanzielle Hilfe bei stationärer Pflege angerechnet werden, um die Kosten für die anfallenden Eigenbeiträge für Unterkunft und Verpflegung zu tragen. Reichen die eigenen finanziellen Mittel nicht aus und können auch keine Angehörigen zur Zahlung herangezogen werden, unterstützt das Sozialamt mit durchschnittlich 1.000 Euro pro Monat Senioren, die in einem Pflegeheim leben. Diese sogenannte „Hilfe zur Pflege“ wird nur gewährt, wenn die Leistungen der Pflegeversicherung nicht ausreichen, um die Kosten abzudecken.

 
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