Pflanzlicher Wirkmechanismus bei Antidepressiva entdeckt

Carolin Banser Medizinredakteurin
Neuronen
Forscher haben herausgefunden, dass Antidepressiva den Kalziumtransport in den Nervenzellen blockieren und so die Stressanpassung des Gehirns fördern © istock/koto_feja

Moderne Antidepressiva wirken, indem sie den Serotoninspiegel im Gehirn beeinflussen. Jetzt haben Forscher einen weiteren Wirkmechanismus der Arzneimittel entdeckt. Warum das nun helfen könnte, den Effekt pflanzlicher Arzneimittel besser zu verstehen, lesen Sie hier.

Seit im Jahr 1957 das erste Medikament mit antidepressiver Wirkung beschrieben wurde, sind mehr als 30 neue Wirkstoffe auf den Markt gekommen. Medikamente gegen Depressionen sind die am häufigsten verordneten Psychopharmaka überhaupt. Die Präparate verfolgen fast immer das gleiche Ziel: die Konzentration bestimmter Botenstoffe im Gehirn zu erhöhen. Mal zielen sie auf das Serotonin, mal auf das Noradrenalin oder Dopamin. Oder sie steigern die Konzentration gleich mehrerer Kandidaten – je nachdem, wo genau sie an den Kontaktstellen der Nervenzellen ansetzen.

Jetzt haben Forscher des Uniklinikums Freiburg einen zweiten, bislang unbekannten Wirkmechanismus der gängigen Arzneimittel gegen Depressionen beobachtet. Demnach verhindern die Medikamente nicht nur einen Serotonin-Abbau, sondern blockieren zusätzlich den Kalziumtransport in den Nervenzellen. Dadurch ist es den Zellen möglich, leichter neue Verknüpfungen zu anderen Nervenzellen herzustellen, Reize besser zu verarbeiten und sich Stress anzupassen. Diesen Vorgang bezeichnen Mediziner als sogenannte synaptische Plastizität.

 

Gestörte synaptische Plastizität bei Depressiven

Diese Fähigkeit ist bei depressiven Personen nur eingeschränkt vorhanden, wie ein von Forschern der Universität Freiburg gezeigtes Experiment beweist. In diesem setzten sie Ratten unvorhersehbaren Stresssituationen aus, indem sie etwa die Käfige verkleinerten oder die Futtermenge einschränkten. Die Tiere zeigten veränderte Schlafmuster auf, waren weniger aktiv und vernachlässigten ihre Pflege. „Unter dem milden, aber chronischen Stress des Versuches lässt sich bei den Tieren eine deutliche Herunterregulierung der Informationsübertragung erzeugen“, erklärt Prof. Dr. Claus Normann von der Universität Freiburg.

Die Wissenschaftler haben jetzt einen Weg gefunden, den Anpassungsprozess an neue Reize und Stress anzukurbeln. Studienleiter Prof. Dr. Normann erklärt in einer Pressemitteilung: „Wir haben entdeckt, dass die SSRI-Medikamente diesen Anpassungsprozess normalisieren, indem sie die Kalziumkanäle der Nervenzellen blockieren. Das verhindert eine stressbedingte Depression und hilft Tieren, die bereits depressionsähnliche Symptome zeigen“. Er betont: „Unsere Studie zeigt deutlich, dass diese Blockade ein wesentlicher Wirkmechanismus von Antidepressiva ist.“ Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachjournal Biological Psychiatry.

 

Die Studie

In der Studie wurden Mäuse untersucht, die keinen Serotonin-Transporter an den Synapsen haben, die also nicht über einen Serotonin-Aufnahmemechanismus verfügten. Die Forscher gingen von der Annahme aus, dass die Tiere nicht auf die SSRI-Gabe reagieren dürften. Tatsächlich wirkten die sogenannten Selektiven Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer aber auch bei diesen Mäusen antidepressiv.

Normann hebt hervor, dass diese Erkenntnis „Menschen helfen könnte, bei denen bisherige Medikamente nicht oder kaum gewirkt haben“.

Lavendelöl
Pflanzliche Präparate mit Lavendelöl wirken oft ebenso gut wie nicht-natürliche Antidepressiva© istock
 

Pflanzliche Wirkstoffe gegen Depressionen

Bislang erweisen sich Naturpräparate, die das Lavendelöl Silexan (Lasea, rezeptfrei aus der Apotheke) enthalten, als besonders effektiv und nebenwirkungsarm. Die Inhaltsstoffe haben ähnliche Wirkungen auf die Neurotransmitter des Gehirns wie chemisch-synthetische andere Antidepressiva. Die Studie lässt vermuten, warum pflanzliche Antidepressiva bei Depressionen ebenso gut helfen können: Die Kalziumkanäle der Nervenzelle werden verengt und reduzieren den Einstrom von Kalzium-Ionen. Dadurch sinkt das Erregungspotenzial, die Angst wird gemindert und die Nerven werden beruhigt.

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