Passiv-aggressives Verhalten: Wie reagiert man richtig?

Julia Klinkusch Medizin- und Wissenschaftsjournalistin

Passiv-aggressives Verhalten äußert sich vor allem dadurch, dass die Betroffenen Konflikten aus dem Weg gehen, ihren Ärger nicht ausdrücken, ihn anderen aber deutlich zu spüren geben. Woran liegt das und wie sollte man mit solchen Menschen am besten umgehen?

Eine Frau hält ihre Hände vor ihr Gesicht, etwas weiter weg von ihr sitzt ihr Freund mit verschränkten Armen
Mit einem passiv-aggressiven Menschen umzugehen, ist nicht leicht Foto:  istock_PixelsEffect
Inhalt
  1. So äußert sich passiv-aggressives Verhalten
  2. Passiv-aggressives Verhalten und seine Ursachen
  3. Umgang mit passiv-aggressiven Menschen
  4. Passiv-aggressiver Partner: Das können Betroffene tun

Passiv-aggressiv – das klingt erst einmal widersprüchlich. Wer passiv ist, ist doch eigentlich nicht aggressiv? Doch, das geht. Passiv-aggressives Verhalten äußert sich dadurch, dass die Betroffenen ihren Unmut nicht direkt äußern. Der Umgang mit passiv aggressiven Menschen ist schwierig, aber nicht unmöglich.

 

So äußert sich passiv-aggressives Verhalten

Menschen, die passiv-aggressiv sind, leiden mitunter an einer Persönlichkeitsstörung. Typisches Kennzeichen dieser Erkrankung ist passiver Widerstand gegen Anforderungen im sozialen und beruflichen Bereich. Betroffene fühlen sich häufig missverstanden, ungerecht behandelt und suchen die Schuld immer bei anderen. Die passive Aggressivität kann man mit einem Trotzverhalten vergleichen, wie es bei Jugendlichen kurzzeitig in der Pubertät auftreten kann. Erstmals diagnostiziert wurde eine passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung vom Militärpsychiater William Menninger im Zweiten Weltkrieg, als Soldaten den Fronteinsatz verweigerten.

Zwar spricht man von einer passiv-aggressiven Persönlichkeitsstörung, jedoch ist sich die psychologische Forschung bis heute uneins, ob das passiv-aggressive Verhalten tatsächlich zu den Persönlichkeitsstörungen zählt. Aus dem aktuellen Klassifizierungskatalog (DSM-5) der Vereinigung von Psychiatern in den USA wurde die Persönlichkeitsstörung gestrichen. Im ICD-System der WHO wird das passiv-aggressive Verhalten ebenfalls nicht unter den Persönlichkeitsstörungen, sondern unter sonstigen spezifischen Störungen geführt.

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Passiv-aggressives Verhalten und seine Ursachen

Wer passiv-aggressiv ist, der muss nicht lange nach den Ursachen suchen – sie liegen oft in der Familienbiografie, speziell in der Kindheit, die bei Betroffenen dieses Verhalten prägt. Zwar erleben passiv-aggressive Menschen oft eine glückliche Kindheit. Sie haben jedoch sehr fordernde, leistungsorientierte Eltern. Vor allem Erstgeborene, die früh Verantwortung für jüngere Geschwister übertragen bekommen, neigen zu passiver Aggressivität.

Ein weiteres Phänomen ist der passiv-aggressive Narzissmus. Erfahren Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung eine Enttäuschung, reagieren sie für gewöhnlich mit überbordender Wut. Diese muss sich aber nicht unbedingt in einem Wutausbruch entladen, sondern kann sich auch in passiv-aggressiver Form zeigen: durch beißenden Sarkasmus, bewusste Vernachlässigung des Partners oder durch absolute Kommunikationsverweigerung.

Ob der Narzissmus die Ursache für das passiv-aggressive Verhalten ist, ist nicht geklärt. Narzissten nutzen die typischen Verhaltensweisen jedoch als Machtdemonstration oder als Racheakt.

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Umgang mit passiv-aggressiven Menschen

Der Umgang mit passiv-aggressiven Menschen ist nicht einfach. Sie meiden die direkte Konfrontation, gehen Konflikten aus dem Weg, sind nicht kompromissbereit, machen andere für ihre Fehler verantwortlich, sind oft sarkastisch, verletzend und zynisch.

Typische Sätze von passiv-aggressiven Menschen sind unter anderem:

  • Wenn Du meinst
  • Ist das so?
  • Hatten wir das vereinbart?
  • Wie Du willst
  • Das war nicht so gemeint

Mit solchen Äußerungen schieben sie Verantwortung automatisch von sich und geben ihrem Gegenüber das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Das ist beabsichtigt. Wichtig ist es dann, sich nicht provozieren zu lassen, sondern ruhig zu bleiben. Im Gespräch sollte man sachlich deutliche Antworten einfordern, dem Betroffenen aber dahingehend entgegenkommen, dass er sich am Ende eines Gesprächs nicht als Verlierer fühlt.

 

Passiv-aggressiver Partner: Das können Betroffene tun

Noch schwerer ist der Umgang mit einem passiv-aggressiven Partner in einer Beziehung: Er zeigt seinen Frust nie offen und rastet nie aus – trotzdem hat man meist ein unangenehmes Gefühl in seiner Gegenwart. Denn auch wenn es heißt, dass alles okay sei, verrät die Mimik etwas anderes. Zum Beispiel sehen passiv-aggressive Menschen Beziehungen nicht als Miteinander, sondern als Machtkampf und den wollen sie auf keinen Fall verlieren.

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Im Umgang mit einem passiv-aggressiven Partner ist es deshalb wichtig, das Muster zu erkennen und destruktive Kommunikations- und Verhaltensweisen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie auf sachliche Weise zu thematisieren. Die Taktik passiv-aggressiver Menschen zielt darauf, das Gegenüber dazu zu bringen, das Verhalten zu zeigen, welches sie sich selber nicht zugestehen: Offen kommunzierte Wut.

Lässt sich das Gegenüber jedoch nicht provozieren, kann das dazu führen, dass der passiv-aggressive Partner von seinem destruktiven Verhalten abrückt, besonders dann, wenn man ihm eines signalisiert: dass man seine Gefühle ernst nimmt und er das Recht dazu hat, seinen Ärger offen zum Ausdruck zu bringen.

Quellen:

Kessler, Henrik (2015): Kurzlehrbuch Medizinische Psychologie und Soziologie, Stuttgart: Thieme Verlag

Wetzler, Scott (2013): Warum Männer mauern: Wie Sie Ihren passiv-aggressiven Mann besser verstehen und mit ihm glücklich werden, München: Goldmann Verlag

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