Parkinson beginnt im Bauch

Verena Elson Medizinredakteurin

Offenbar hat der Blinddarm eine bisher unbekannte „Funktion“: Einer aktuellen Studie zufolge ist er an der Entstehung von Parkinson beteiligt. Wer keinen Blinddarm mehr hat, hat demnach ein geringeres Risiko, an Parkinson zu erkranken.

Blinddarmentzündung
Als Blinddarm wird umgangssprachlich der wenige Zentimeter lange Wurmfortsatz bezeichnet Foto:  iStock/decade3d

Zu den Frühwarnzeichen von Parkinson gehören neben Symptomen wie einem Nachlassen des Geruchssinns, Müdigkeit und Gelenkschmerzen auch Magen-Darm-Beschwerden. In früheren Studien konnten Forscher zudem im Verdauungstrakt von Parkinson-Patienten Ablagerungen von sogenanntem Alpha-Synuclein nachweisen – Ansammlungen dieses Proteins im Gehirn gelten als kennzeichnend für Parkinson. Mediziner vermuten darum bereits seit Längerem, dass der Magen-Darm-Trakt an der Entstehung der Nervenerkrankung beteiligt ist.

Wissenschaftler um Bryan Killinger am Van Andel Research Institute in Grand Rapids (Michigan) werteten Daten von 1,6 Millionen Schweden aus, die im Rahmen einer Langzeitstudie erhoben wurden. Die Patienten wurden bis zu 52 Jahre lang begleitet. Das Ziel der Forscher: herauszufinden, inwiefern der sogenannte Wurmfortsatz (umgangssprachlich Blinddarm) beim Parkinson-Verlauf eine Rolle spielt.  

 

Entfernung des Wurmfortsatzes verzögert Krankheitsbeginn

Die Analyse ergab: Wer sich in jungen Jahren einer sogenannten Appendektomie (Entfernung des Wurmfortsatzes) unterzieht, verringert sein Risiko, später an Parkinson zu erkranken, um 20 Prozent – Bewohner ländlicher Regionen sogar um 25 Prozent. Wer trotz OP an Parkinson erkrankt, tut dies im Schnitt 3,6 Jahre später als Menschen, die ihren Wurmfortsatz noch haben – wenn dieser Teil des Blinddarms mindestens 30 Jahre vor der Parkinson-Diagnose entfernt wurde.

Diese Beobachtung legt die Vermutung nahe, dass der Blinddarm an der Entstehung von Parkinson beteiligt ist. Um diesen Zusammenhang näher zu untersuchen, analysierten die US-Forscher Gewebeproben vom Wurmfortsatz von gesunden und an Parkinson erkrankten Menschen im Labor auf Spuren von Alpha-Synuclein. Und sie wurden fündig: Sowohl bei gesunden als auch bei kranken Probanden konnten sie Eiweißablagerungen im Blinddarm nachweisen – und das bereits bei Probanden, die jünger als 20 Jahre waren.

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Wie trägt der Blinddarm zur Parkinson-Entstehung bei?

Doch wie kommt es dann, dass einige Menschen an Parkinson erkranken, die Mehrheit der Bevölkerung aber nicht? Es muss einen weiteren Faktor geben, der die Rolle des Wurmfortsatzes des Blinddarms bei der Parkinson-Entstehung beeinflusst. Killinger und sein Team vermuten, dass Umweltgifte dabei eine Rolle spielen.

Wie auf einer Art Mülldeponie lagern die Reststoffe unserer Nahrungsmittel im Blinddarm länger als in anderen Darmregionen – somit halten sich auch Giftstoffe hier länger auf als anderswo im Verdauungstrakt. Dieses „Festhalten“ an Schadstoffen könnte die Entstehung von Parkinson begünstigen.

Eine weitere Beobachtung passt in dieses Bild: In Gegenden, die von Landwirtschaft geprägt sind, tritt Parkinson häufiger auf als in anderen Regionen – das könnte demnach in den in der Landwirtschaft eingesetzten Pestiziden begründet sein.

Das alles sind nach Ansicht von Medizinern allerdings bisher nur Hypothesen – niemand sollte sich aufgrund dieser ersten Ergebnisse vorsorglich den Wurmfortsatz entfernen lassen. Dennoch glauben die US-Forscher, mit ihren Beobachtungen wertvolle Erkenntnisse über die Entstehung von Parkinson erlangt zu haben, die künftig bei der Prävention der Erkrankung eine große Rolle spielen könnten.

Quelle:
Killinger, B. et al. (2018): The vermiform appendix impacts the risk of developing Parkinson’s disease, in: Science Translational Medicine.

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