Orthorexie: Wenn gesundes Essen zwanghaft wird

Franziska König

Wenn sich der ganze Tag um gesundes Essen dreht: Menschen, die sich nach einem selbst auferlegten, übertriebenen "Regelwerk" ernähren, leiden möglicherweise unter einem orthorektischen Essverhalten. Sie verbieten sich, vermeintlich "unreine" und "ungesunde" Lebensmittel zu essen, da diese - ihrer Ansicht nach - der Gesundheit schaden könnten. Doch meist bewirkt ihr striktes Essverhalten genau das Gegenteil: Mangelernährung und soziale Isolation können die Folgen sein. 

Frau steht vor einem Supermarktregal
Beim orthorektischen Essverhalten wird auf vermeintlich "unreine" Lebensmittel verzichtet Foto:  iStock/vgajic
Inhalt
  1. Was ist Orthorexie?
  2. Ist Orthorexie eine Essstörung?
  3. Orthorexie oder orthorektisches Essverhalten?
  4. Anorexie oder Orthorexie?
  5. Anzeichen einer Orthorexie
  6. Was sind die Ursachen einer Orthorexie?
  7. Behandlung einer orthorektischen Störung
 

Was ist Orthorexie?

Orthorexie ist eine Essstörung, die das zwanghafte Essen von vermeintlich „gesunder“ und „reiner“ Nahrung beschreibt. Betroffene beschäftigen sich übertrieben mit der Qualität von Lebensmitteln. Sie essen nach eigens auferlegten Regeln, die - in ihren Augen - ungesunde oder „unreine“ Produkte ausschließen.

Orthorektiker haben Angst, mit „ungesunder“ Ernährung ihrem Körper gesundheitlich zu schaden und durch den Verzehr der vermeintlich schlechten Lebensmittel krank zu werden. Sie verzichten auf "unreine" Lebensmittel, wobei sie für sich selbst definieren, was „rein“ und was „unrein“ ist. Oft dürfen die Produkte nicht verarbeitet sein und sollen so wenig Inhaltsstoffe wie möglich enthalten – z.B. nicht mehr als fünf. Einige streichen einzelne Lebensmittel (z.B. Haushaltszucker), andere verzichten gleich auf ganze Lebensmittelgruppen und essen beispielsweise nur noch Rohkost. Meist müssen die Mahlzeiten auf eine strikte Art und Weise zubereitet und zu festen Zeiten gegessen werden.

Generell dreht sich der ganze Tag um die Thematik des Essens, die Betroffenen leben förmlich in einer Blase, in der sie sich dauerhaft mit der Frage konfrontiert sehen, welche Mahlzeit mit welchen gesunden Lebensmitteln als nächstes eingenommen werden kann. Ist genug Vorbereitungszeit eingeplant, um alle Regeln einhalten zu können? An der Liste der verbotenen Lebensmittel wird kontinuierlich gearbeitet, immer mehr 'schlechte' Nahrungsmittel finden ihren Platz darauf. Die Folge? Mangelernährung und eine Unterversorgung mit lebensnotwendigen Nährstoffen. Orthorektiker sind streng - Abweichungen sind tabu und ein "Regelverstoß" geht meist mit Schuldegfühlen und Scham über das "Versagen" einher.

 

Ist Orthorexie eine Essstörung?

Das Thema Ernährung ist heutzutage präsenter denn je: Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit bewusstem Kochen und Essen und lassen sich von „Foodbloggern“ auf Social Media inspirieren. Einhergehend mit dem zusätzlich auf den sozialen Medien propagierten Fitnesswahn entstehen dabei strikte Ernährungsformen und Wahnideen, was genau einen gesunden Lebensstil auszeichnet.

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Dabei ist es wichtig, zu differenzieren: Wer sich gesund und bewusst ernährt, muss nicht zwangsläufig an Orthorexie erkrankt sein. Ernährungsformen wie Vegetarismus oder Veganismus, die vor allem aus Überzeugung praktiziert werden, sind keine Essstörungen, da sich kein zwanghaftes Verhalten erkennen lässt. Ebenso verhält es sich mit Lebensmittelintoleranzen, dem bewussten Verzicht auf bestimmte Lebensmittel oder auch dem Verfolgen eines spezifischen Ess-Rhtythmus (z.B. Intervallfasten). Hier handelt es sich nicht um krankhaftes Essverhalten, sondern eine Lebensweise, die auf das größtmögliche körperliche Wohlbefinden ausgelegt ist. 

 

Orthorexie oder orthorektisches Essverhalten?

Experten warnen davor, jeden gesellschaftlichen „Foodtrend“ als krankhaft abzustempeln. Daher wird auch zwischen orthorektischem Essverhalten und Orhtorexie unterschieden. Orthorexie selbst ist als Krankheit bisher nicht allgemein anerkannt. Der Begriff existiert erst, seit der amerikanische Arzt Steven Bratman ihn im Jahre 1997 im Zusammenhang mit Anorexie (Magersucht) nannte.

 

Anorexie oder Orthorexie?

Der wesentliche Unterschied zwischen diesen beiden Essstörungen liegt im Auge des Betrachters, in diesem Fall der Betroffenen. Sprich: Magersüchtige legen ihren Fokus auf die Menge der verzehrten Nahrung. Ziel ist es, möglichst wenig zu essen, um schnell abzunehmen. Bei der Orthorexie geht es um die Qualität der Nahrung, also die Auswahl und der strenge Verzicht gewisser Lebensmittel – nicht primär um den Gewichtsverlust oder die Menge des Essens. Die Essstörungen hängen insoweit zusammen, dass orthorektisches Essverhalten häufig sowohl zu Beginn als auch nach einer behandelten Anorexie oder Bulimie auftreten kann.

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Anzeichen einer Orthorexie

Essen soll nicht nur sättigen: Es bedeutet Genuss, Freude, Gemeinschaft und Kultur. Doch genau diese Lust am Essen haben an Orthorexie Leidende verloren. Sie halten sich durch selbst auferlegte Regeln an eine – in ihren Augen – gesunde Ernährung und verlieren dabei die kulturellen Faktoren einer Mahhlzeit aus den Augen. Die Zubereitung einer Mahlzeit kann mitunter sehr lange dauern; schließlich müssen alle Regeln befolgt werden – Abweichungen sind tabu. Sollte doch etwas falsch gemacht worden sein, wird das Gericht im Endeffekt nicht gegessen.

Steven Bratman hat eine Liste von Anzeichen erstellt, die möglicherweise auf eine Orthorexie hindeuten:

  • Der Gedankenfokus liegt derart auf gesunden Nahrungsmitteln und der Ernährung, dass andere Bereiche des Lebens in den Hintergrund rücken und teilweise sogar vernachlässigt werden 
  • Schuldgefühle bis hin zu dem Gedanken der eigenen 'Unreinheit' sind direkte Folge, sollte doch einmal etwas vermeintlich Ungesundes verzehrt worden sein 
  • Bereits die Nähe zu 'verbotenen' Lebensmitteln wird als unangenehm bis störend empfunden 
  • Gefühl der Überlegenheit gegenüber Menschen, die nicht dem eigenen Ernährungsplan folgen  
  • Das persönliches Empfinden von Glück, Zufriedenheit, Reinheit und Selbstachtung hängt von der Richtigkeit der Ernährungsweise ab
  • Schwierigkeiten, sich auf Ausnahmen bei der Ernährung einzulassen (z.B. Familienfeiern) 
  • Im Laufe der Zeit hat sich die Liste der verbotenen Lebensmittel deutlich vergrößert
  • Das Essverhalten hat zu einem Gewichtsverlust geführt, den Andere für bedenklich halten
  • Es kommt zu Anzeichen einer Mangelernährung (Haarausfall, Blässe, bei Frauen: Ausbleiben der Menstruation)

Treffen vier oder mehr Punkte zu, ist nach Steven Bratman eine Orthorexie möglich.

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Was sind die Ursachen einer Orthorexie?

Betroffene wollen eigentlich das möglichst Beste und Gesündeste für ihren Körper. Sie haben Angst, dass sich bestimmte Lebensmittel gesundheitlich negativ auf ihn auswirken und vielleicht sogar Krankheiten auslösen. Gerade in der heutigen Zeit scheint es an vielen Lebensmittel(-gruppen) einen vermeintlichen Haken zu geben, weshalb man sie besser reduzieren oder gar weglassen solle. Es heißt: Je natürlicher, unbehandelter und nachhaltiger, desto besser. Viele Menschen folgen diesem bewussten Trend – die damit verbundene Einschränkung kann so weit intensiviert werden, dass ein zwanghaftes Essverhalten entsteht. Auch ist Orthorexie häufig ein Nebensymptom von Depressionen und Angststörungen: Die festen Prinzipien und Regeln geben Halt, Struktur und Sinn. Strenge Diäten können ebenfalls der Einstieg in eine orthorektisches Essverhalten sein; einmal gefangen in einem Regelwerk, gelingt es nicht jedem, sich diesem wieder zu entziehen.

 

Behandlung einer orthorektischen Störung

Körperliche Auswirkungen einer Essstörung sollten ärztlich betreut und behandelt werden. Der einzige Weg aus der Essstörung heraus ist die psychologische Behandlung und Betreuung der Patienten. In besonders schlimmen Fällen können Betroffene auch einen Aufenthalt in einer speziell auf Essstörungen spezialisierten Klinik in Erwägung ziehen. 

Quellen:

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