Organspende: Widerspruchslösung abgelehnt

Verena Elson Medizinredakteurin

Organspender oder nicht? Bereits in 20 europäischen Staaten wird diese Frage über die sogenannte Widerspruchslösung geregelt. Sie besagt, dass jeder automatisch Organspender ist, es sei denn, er widerspricht im Vorfeld ausdrücklich. Nach einer emotionalen Debatte im Bundestag wurde die Einführung der Widerspruchslösung in Deutschland heute von der Mehrheit der Abgeordneten abgelehnt.

Womöglich bald ein Relikt der Vergangenheit: der Organspendeausweis
Heute hat der Bundestag über die Widerspruchslösung abgestimmt Foto:  Christian Hütter/Alamy Stock Foto

Heute hat der Bundestag über die sogenannte Widerspruchslösung abgestimmt. Der Hintergrund: Hierzulande gibt es zu wenig Organspender. 9,3 postmortale Organspender jährlich kamen 2017 in Deutschland auf eine Million Einwohner. Zum Vergleich: In Spanien, dem Land mit der weltweit höchsten Rate an Organspenden, gab es im selben Jahr 46,9 Spender pro eine Million Einwohner. Die Wartelisten für Organe sind lang: Den rund 10.000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, standen 2017 rund 800 Organspender gegenüber.

Die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geforderte Widerspruchslösung wurde im Bundestag nach einer emotionalen Debatte abgelehnt. Stattdessen wurde ein Gesetzesentwurf der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock bewilligt, laut dem die aktuell gültige Zustimmungslösung bestehen bleiben, aber die Entscheidungsbereitschaft der Menschen beim Thema Organspende gestärkt werden soll.

 

Was bedeutet die Widerspruchslösung?

Wird in einem Land die Widerspruchslösung eingeführt, werden alle Volljährigen in einem Brief gefragt, ob sie bereit sind, nach ihrem Tod Organe zu spenden. Jeder, der nicht ausdrücklich widerspricht, wird dann automatisch als Organspender gelistet. Die Widerspruchslösung gilt bereits in 20 europäischen Ländern, darunter auch Organspende-Spitzenreiter Spanien.

Die Widerspruchslösung kann auch für Deutsche gelten – wenn sie in einem Land verunglücken, in dem die Regelung bereits eingeführt wurde. Wer etwa während einer Reise in Italien, Spanien oder Österreich tödlich verunglückt, ist automatisch Organspender – es sei denn, er trägt ein Dokument bei sich, dass seinen Widerspruch ausdrückt. Das kann beispielsweise ein Organspenderausweis sein; noch besser ist eine Erklärung in der Landessprache.

 

Erweiterte Zustimmungslösung: Gesetzesentwurf angenommen

Die Mehrheit der Abgeordneten stimmte für die sogenannte erweiterte Zustimmungslösung: Der Vorschlag der Grünen-Vorsitzenden Annalena-Baerbock beinhaltet das Festhalten an der Zustimmungslösung. Das heißt, nur derjenige ist Organspender, der zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Nach dem Tod können die Angehörigen über die Frage der Organspende entscheiden. Zusätzlich sollen verpflichtende, regelmäßige Informationen über die Organspende einführt werden – etwa durch den Hausarzt oder bei der Beantragung eines Personalausweises. Wie auch bei Spahns Vorschlag soll jeder zudem die Möglichkeit haben, seine Entscheidung in ein Online-Register einzutragen und diese jederzeit zu revidieren.

 

Warum ist die Widerspruchslösung umstritten?

Die Meinungen über die Widerspruchslösung gehen unter Experten stark auseinander. Das wichtigste Argument der Befürworter ist die Hoffnung, dass sich dadurch die Bereitschaft zur Organspende erhöht: Denn tatsächlich sind die meisten Deutschen der Organspende gegenüber positiv eingestellt. Vielen dieser Menschen fiele "Schweigen als Zustimmung" aus Sicht der Befürworter leichter als die aktive, ausdrückliche Zustimmung. Sie halten es zudem im Hinblick auf die langen Wartelisten für Spenderorgane für zumutbar, dass sich jeder mit dem Thema Organspende auseinandersetzt und eine Entscheidung fällt – wer dies nicht tut, sollte aus ihrer Sicht automatisch Organspender sein.

Kritiker der Widerspruchslösung führen an, dass der Staat die Entscheidung für oder gegen eine Organspende aus ethischer Sicht nicht für seine Bürger fällen kann. Das Nicht-Widersprechen alleine darf aus ihrer Sicht nicht als Zustimmung gewertet werden. Zudem gilt als umstritten, ob die Widerspruchslösung tatsächlich die Bereitschaft zur Organspende erhöht. Als Beispiel wird von Befürwortern häufig Organspende-Spitzenreiter Spanien angeführt, wo die Zahl der Organspender deutlich höher ist als in Deutschland. Kritiker der Widerspruchslösung weisen jedoch darauf hin, dass dieser Vergleich schwierig ist: In Spanien werden auch nach dem Herztod Organe gespendet – in Deutschland sind Organspenden nur nach dem Hirntod erlaubt. Außerdem wurde die Widerspruchslösung in Spanien bereits im Jahr 1979 eingeführt – die Zahl der Organspender stieg allerdings erst in den 1990er Jahren, nachdem die Transplantationsmedizin reformiert wurde.

Was bedeutet es eigentlich genau, Organspender zu sein? Ausführliche Informationen und Antworten auf Fragen rund um das Thema Organspende finden Sie auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

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