Operation oder Medikamente?

Operation oder Medikamente?
Medikamente oder Operation? Sprechen Sie ausführlich mit ihrem Arzt darüber, welche Option die beste für Sie ist © Fotolia

In kaum einem anderen Land wird so viel operiert wie in Deutschland. Wann ist ein Eingriff unumgänglich? Wann reichen Medikamente zur Behandlung aus? Deutsche Top-Mediziner geben Auskunft.

 

Herzrhythmusstörungen: Wie findet mein Herz den richtigen Takt?

Operation:

Mit dieser im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf weltweit erstmals eingesetzten Methode versuchen die Mediziner genau jene Zellen lahmzulegen, die das Vorhofflimmern auslösen. Es sind spezielle Zellen in den Lungenvenen, die überflüssige, chaotische Impulse an die Herzvorhöfe senden. Dadurch fangen diese unkoordiniert zu zucken an, anstatt das Blut in die nachfolgenden Kammern zu pumpen. Genau diese Störfeuer können die Ärzte ausschalten – und zwar mithilfe eine Drahts. Dieser wird durch ein Blutgefäß an der Leiste in das Blutgefäßsystem eingeführt. Anschließend wird er von einem Robotersystem bis zum Zielgebiet an den Lungenvenen gelenkt. Im Zielgebiet der kranken Zellen wird der Draht elektrisch aufgeheizt. Die Zellen, die das Vorhofflimmern auslösen, werden dadurch zerstört. Risiken: An der auf bis zu 50 Grad erhitzten Katheterspitze können sich Gerinnsel bilden, die einen Schlaganfall auslösen können. Deshalb bekommen alle Patienten gerinnungshemmende Mittel. Manchmal ist auch ein weiterer Eingriff nötig, weil nicht alle Zellen verödet wurden, die das Vorhofflimmern auslösen.

Medikamente:

Sogenannte Antiarrhythmika stehen zur Verfügung. Sie nehmen Einfluss auf die Rezeptoren an den Herznerven und beeinflussen den Mineralhaushalt in den Muskel- und Nervenzellen des Herzens. Das Herz kann so in seinen gesunden Rhythmus zurückfinden.

Experte: Dr. Boris Hoffmann, Oberarzt am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Die OP ist zunächst nur für Patienten geeignet, die an einem anfallartigen Vorhofflimmern leiden oder deren Probleme mit Medikamenten nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Für alle anderen empfiehlt sich zuerst die medikamentöse Therapie.

 

Bluthochdruck: Operieren statt lebenslang Medikamente einnehmen?

Operation:

Die Nieren beeinflussen die Regulation des Blutdrucks. Sind die Nerven der Nierenarterie überreizt, kommt es zu Störungen. Die Nervenenden werden bei dem Eingriff verödet. Dazu wird ein Katheter von der Leiste aus zu den Nieren vorgeschoben. In der Nierenarterie werden an mehreren Stellen von der Elektrode an der Spitze des Katheters Radiowellen gesendet, die das umliegende Gewebe auf 60 Grad erhitzen. So sterben die Nervenenden ab, sind nicht mehr überreizt, der Blutdruck sinkt – oft schon wenige Wochen nach dem Eingriff. Risiken: Das Verfahren ist ganz neu, wurde bisher nur an ausgewählten Patienten in Studien erprobt – hier aber sehr erfolgreich. Nur vereinzelt kam es zu Verletzungen der Gefäße oder zu einem verlangsamten Herzschlag, was aber gut zu behandeln war. Allerdings fehlen Langzeitstudien. Und: Nach der OP brauchen die Patienten die gleiche Anzahl an Medikamenten wie vorher – aber der Blutdruck ist besser.

Medikamente:

Es gibt fünf Hauptgruppen von Medikamenten, die Ärzte gegen Bluthochdruck verschreiben: ACE-Hemmer, AT1-Antagonisten, Betablocker, Diuretika und Kalzium-Antagonisten. ACE-Hemmer blockieren körpereigene Enzyme, die für die Herstellung des Hormons Angiotensin-II verantwortlich sind. Angiotensin-II verengt die Blutgefäße und hält den Blutdruck hoch. Welches Medikament verordnet wird, entscheidet der Arzt je nach Vorerkrankungen und anderen Medikamenten des Patienten. Oft werden zwei oder mehr Wirkstoffe miteinander kombiniert.

Risiken:

Viele Patienten benötigen mehr als ein Hochdruckmedikament, und bei einigen Betroffenen bleibt der Blutdruck trotz Einnahme von Medikamenten erhöht. Und: Obwohl die Mittel im Allgemeinen gut vertragen werden, können sie natürlich auch Nebenwirkungen haben.

Experte Professor Ulrich Wenzel, Nephrologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Die OP kommt zum jetzigen Zeitpunkt nur für wenige Patienten in Frage. Nämlich für diejenigen, die einen so hohen Blutdruck haben, dass dieser auch mit verschiedenen Medikamenten nicht eingestellt werden kann. Für Hypertoniker, die mit Medikamenten gute Blutdruckwerte haben, ist der Stellenwert des Verfahrens noch ungeklärt, und es sollte nicht routinemäßig angewendet werden. Die Wirkung der Operation könnte enttäuschend sein – denn der Heilungseffekt fällt umso besser aus, je deutlicher der Blutdruck vor dem Eingriff über der kritischen Grenze liegt. Weitere Studien werden aber zeigen, ob das Verfahren in Zukunft auch für diese Patienten angewandt werden kann.

 

Mandel-Entzündung: Wann muss operiert werden?

Operation:

Bei der Operation werden die Mandeln (Tonsillen) aus dem umgebenden Gewebe des Gaumens herausgetrennt. Um eine möglichst vollständige Entfernung zu erreichen, werden die Tonsillen nicht scharf herausgeschnitten, sondern vorsichtig in ihrer Kapsel ausgeschält. Risiken: Nachblutungen nach der Operation kommen auch bei sehr vorsichtiger Vorgehensweise vor. Auch in Deutschland gibt es bedauerlicherweise immer noch Jahr für Jahr Todesfälle.

Medikamente:

Eine akute Mandelentzündung wird vorrangig mit Antibiotika behandelt. Die Wahl des Medikaments richtet sich nach dem jeweiligen Erreger. Daher wird wenn möglich immer nach einem Abstrichbefund behandelt. Zusätzlich können schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente gegeben werden (z. B. mit dem Wirkstoff Ibuprofen). Risiken: Wenn die Antibiotika bei der akuten Entzündung nicht wirken, kann es z. B. durch Ausbildung eines Abszesses zu erheblichen Komplikationen kommen. Vor allem um dies zu verhindern, sollte der Arzt vorher testen, welche Bakterien für den Infekt verantwortlich sind. Bei der chronischen Entzündung liegt die größte Gefahr darin, dass Entzündungsbotenstoffe in die Blutbahn eintreten und andere Organe (z. B. das Herz) angreifen.

Experte: Dr. Michael Deeg vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte

Eine Operation ist vor allem in drei Fällen nicht vermeidbar: Die Mandeln sind so stark vergrößert, dass sie Atem- und Schluckbeschwerden verursachen – das gilt besonders bei Kindern. Die Entzündung tritt immer wieder auf – das heißt, drei bis vier Mal pro Jahr. Die Mandeln werden zu einem chronischen Entzündungsherd. Bei einfachen, akuten Entzündungen reicht die antibiotische Behandlung vollkommen aus.

 

Bandscheibenvorfall: Naturmedizin statt Operation – geht das?

Operation:

Vor der Operation wird mittels Kernspintomografie die exakte Position des Vorfalls bestimmt. Unter Narkose wird an dieser Stelle eingeschnitten und die betroffene Bandscheibe aufgesucht. Die hervorstehenden Gewebeanteile, die die Schmerzen auslösen, werden herausgeschnitten. Risiken: Bei zehn bis 20 Prozent der Bandscheibenvorfall-Patienten führt das Narbengewebe nach der Operation zu lebenslangen Schmerzen und Beschwerden, nicht selten folgt einige Zeit später ein zweiter Eingriff. Auch dauerhafte Taubheitsgefühle (z. B. in den Beinen) und Empfindungsstörungen sind keine Seltenheit.

Medikamente:

Entzündungshemmende Schmerzmittel (z. B. mit dem Wirkstoff Ibuprofen) können vor allem in den ersten zwei Wochen eines Vorfalls – die in der Regel am schmerzintensivsten sind – deutliche Linderung verschaffen. Bei leichteren Beschwerden helfen auch homöopathische Mittel (z. B. Teufelskralle oder Bromelin). Zusätzlich zu den Medikamenten empfiehlt sich leichte Bewegung (vom Hausarzt oder Orthopäden verordnete Physiotherapie oder Sportarten wie Nordic Walking). Risiken: Ein Risiko besteht nur, wenn eine unumgängliche OP durch Medikamente aufgeschoben wird.

Dr. Martin Marianowicz, Orthopäde aus München

90 Prozent aller Vorfälle bekommt man ohne Operation in den Griff. In der Regel bereitet ein Vorfall zwei Wochen lang starke Schmerzen, die dann nach und nach geringer werden. Nach etwa drei Monaten sind die meisten Patienten beschwerdefrei. Doch auch wenn die Schmerzen anhalten, muss noch nicht operiert werden. Es gibt viele minimalinvasive Verfahren, bei denen Schmerzmittel und Medikamente direkt an die Bandscheibe und die entzündeten Nerven gespritzt werden. Bevor man eine Operation in Erwägung zieht, sollte man immer erst diese Möglichkeiten ausschöpfen.

 

Blinddarmentzündung: Können sich Medikamente gegen die OP durchsetzen?

Operation:

Über einen kleinen Einschnitt in der Bauchnabelgegend wird ein optisches Gerät (Laparoskop), an dessen Ende eine kleine Videokamera und eine Lichtquelle sitzen, in die Bauchhöhle eingeschoben. Über weitere Öffnungen werden benötigte Instrumente eingeführt. Um den Einblick zu verbessern, wird der Bauchraum mit CO2-Gas gefüllt. Das Bild der Mini-Kamera wird live auf einem Monitor dargestellt. Der Wurmfortsatz wird aufgesucht, freigelegt, abgetrennt und herausgezogen. Risiken: Neue Entzündungsherde, Wundinfektionen, Darmverschlüsse und daraus resultierende Folgeoperationen können auftreten.

Medikamente:

Das Imperial College in London hat 17 Studien an 1572 Patienten ausgewertet, in welchen die Operation gegen die alleinige Antibiotika-Therapie abgewogen wurde. Die Patienten litten an komplizierten Blinddarmentzündungen. Die Mediziner kommen zu dem Schluss, dass bei der Medikamentenbehandlung insgesamt weniger Komplikationen auftraten. Der Grund ist, dass eine Operation eingreift, wenn die Entzündung auf ihrem Höhepunkt ist, und auf diese Weise eine Kaskade von Entzündungsreaktionen auslösen könnte. Ein anderer, dass durch die Operation Eitererreger in der Bauchhöhle verbreitet würden.

Professor Ludger Staib, Chefarzt am Klinikum Esslingen

Die medikamentöse Therapie konnte sich bisher durchsetzen. Sie wird allerdings unterstützend eingesetzt. Das Risiko, dass es ohne Operation zu einem lebensgefährlichen Blinddarmdurchbruch kommt, möchte ich nicht auf mich nehmen. Wichtiger ist es, die Rate der falsch diagnostizierten Fälle zu senken, sodass Patienten, bei denen keine Entzündung vorliegt, nicht unnötig operiert werden. Die geeignete Untersuchungsmethode wäre hier zum Beispiel eine gute klinische Untersuchung durch einen erfahrenen Mediziner.

 

Gallensteine: Können Medikamente die Steine auflösen?

Operation:

Gallenblasensteine, die keine Beschwerden verursachen, bedürfen keiner Therapie. Verursachen sie Beschwerden, sollte die Gallenblase operativ entfernt werden. Sofort entfernt werden muss ein Stein, der aus der Gallenblase in den Gallengang wandert. Hier kann er einen Aufstau der Galleflüssigkeit verursachen. Folge: Gelbsucht oder eine schwere Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Bei dem Eingriff führt der Arzt ein Endoskop über die Speiseröhre und den Magen in den Zwölffingerdarm ein, wo der Gallengang mündet. Mit einem speziellen Instrument, dem Papillotom, geht er in den Gallengang hinein, erweitert durch einen kleinen Schnitt den Schließmuskel des Gallenganges. Mithilfe eines Körbchens kann er den Stein einfangen und aus dem Gallengang ziehen, sodass die Galleflüssigkeit wieder abfließen kann. Risiken: In seltenen Fällen kann es zu einer Blutung des unteren Gallenganges oder zu einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse kommen.

Medikamente:

Sind die Gallenblasensteine kleiner als ein Zentimeter, nicht verkalkt und bestehen nur mäßige Beschwerden, kann versucht werden, die Steine mithilfe von Medikamenten (Ursodeoxycholsäure) aufzulösen. Hierzu ist eine Tabletteneinnahme über sechs bis 24 Monate erforderlich. Risiken: Häufig werden die Gallenblasensteine nicht völlig aufgelöst, oder sie bilden sich neu.

Dr. Hansjörg Ullerich, Leitender Oberarzt, Universitätsklinikum Münster

Bei Gallenblasensteinen, die relevante Beschwerden verursachen, sollte die Gallenblase entfernt werden. Um eine OP zu vermeiden, kann zunächst – unter bestimmten Umständen – versucht werden, die Steine durch Medikamente aufzulösen. Wichtig zu wissen: Ist ein Stein bereits in den Gallengang abgewandert, muss er endoskopisch entfernt werden. Sonst kann der Stein zum Beispiel eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse verursachen.

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