Olympia-Wunder: Wie kann man trotz gerissenem Kreuzband noch weiterturnen?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Andreas Toba
Turner Andreas Toba zog sich am vergangenen Samstag einen Kreuzbandriss zu – und turnte weiter © Alamy

Der deutsche Turner Andreas Toba zog sich beim Wettkampf einen Kreuzbandriss zu – und turnte trotzdem weiter. Wie ist das möglich?

Es waren schockierende Bilder, die am vergangenen Samstag den Turner Andreas Toba zeigten, wie er sich beim Turnen einen Kreuzbandriss zuzog. Im Vorkampf hatte sich der 25-jährige nach seiner Eröffnungsbahn derartig am Knie verletzt, dass er zunächst mit sichtbaren Schmerzen am Boden liegen blieb. Nach der Kreuzbandriss-Diagnose schien klar zu sein, dass für Toba die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro an diesem Punkt beendet sind.

Der Turner biss jedoch die Zähne zusammen und verhalf seiner Mannschaft durch zusätzliche Punkte am Pferd zum Einzug ins Finale. Diese sicherlich nicht schmerzfreie Entscheidung macht Toba schon jetzt zu einem der Helden der Olympischen Spiele.

 

Sportliche Höchstleitung trotz Verletzung

Sein Trainer Andreas Hirsch zweifelte zunächst an Tobas Entscheidung. „Aber Andi wollte unbedingt, er hat die Zähne zusammengebissen“, erzählt er. „Er hat sich behandeln lassen und wir haben gesehen, dass es geht.“ Doch wie sind sportliche Höchstleistungen trotz einer so komplexen Verletzung am Knie möglich?

Bei einem Kreuzbandriss tritt meistens nur unmittelbar nach der Verletzung ein starker Schmerz auf. Dieser klingt nach einer Weile jedoch wieder ab und zeigt sich erst wieder bei erneuter Belastung. Bei sofortiger Behandlung und Einnahme von schmerzstillenden Medikamenten ist es für Sportler also schon möglich – allerdings nicht empfehlenswert – kurzfristig weiterzumachen. Dabei ist jedoch wichtig, ein sehr gutes Körpergefühl zu haben. Ungeübte Sportler sollten deshalb bei einer Knieverletzung auf keinen Fall mehr weiterturnen.

 

Diagnose durch Röntgenbilder oder CT

Das Knie ist ein komplex aufgebautes Gelenk, das aus verschiedenen Bändern besteht: Ein Innen- und ein Außenband sowie ein vorderes und ein hinteres Kreuzband. Diese stabilisieren das Knie und sorgen für Beweglichkeit. Da bei fast allen Sportarten die Knie belastet werden, sind die Bänder besonders gefährdet. In den meisten Fällen reißt das vordere Kreuzband, etwa wenn das Knie überstreckt oder überdreht wird. Eine endgültige Diagnose, ob es sich um einen Kreuzbandriss handelt und welches Band genau gerissen ist, kann mit bloßem Auge nicht festgestellt werden. Röntgenbilder oder eine Kernspintomographie (CT) schaffen allerdings Klarheit.

 

Operation fast immer nötig

Akut wird ein Kreuzbandriss mit einem Druckverband stabilisiert und anschließend gekühlt um die Schwellung abklingen zu lassen. Das Knie sollte nun nicht mehr bewegt werden. Langfristig bedeutet ein Kreuzbandriss ein Sportverbot für mehrere Monate. Da meist auch Menisken und Knorpel beschädigt sind, kommen Sportler, die auch weiterhin in Bewegung bleiben wollen, kaum um eine Operation herum. Dabei wird das beschädigte Kreuzband durch ein neues Band, das meist aus einer körpereigenen Sehne gewonnen wird, ersetzt. Dieses verwächst innerhalb von sechs Wochen mit dem Knie. Auch nach der Operation ist eine mehrmonatige Reha-Phase nötig.

 

Toba: „Hero de Janeiro“

Bei Andreas Toba handelt es sich nach Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) um „eine komplexe Knieverletzung mit unter anderem einem Riss des vorderen Kreuzbandes und einer Verletzung des Innenmeniskus“.

Auch wenn Toba bis zuletzt gehofft hatte, sein Team auch noch im Finale unterstützen zu können, teilten der Deutsche Turner-Bund (DTB) und DOSB am Sonntag mit, dass Toba bei den diesjährigen Olympischen Spielen in Rio de Janeiro keine weiteren Wettkämpfe mehr absolvieren würde. Für seine Fans geht der Turner trotzdem als „Hero de Janeiro“ in die Wettkampfgeschichte ein.

Hamburg, 08. August 2016

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