„Ohrenkitzeln“ gegen Alterserkrankungen

Verena Elson Medizinredakteurin

Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafstörungen: Laut einer aktuellen Studie ist es ganz einfach, diesen typischen Alterserkrankungen entgegenzuwirken – mit 15 Minuten „Ohrenkitzeln“ täglich.

Transkutane Vagusnervstimulation
Ein "Kitzeln im Ohr" kann gegen Bluthochdruck helfen Foto:  University of Leeds

Leichte Stromreize in der Ohrmuschel könnten laut Wissenschaftlern der Universität im britischen Leeds einige der größten Probleme des Alterns bekämpfen und die Lebensqualität älterer Menschen deutlich steigern. 

An ihrer Studie zur Ohrstimulation gegen Altersbeschwerden nahmen 29 Probanden im Alter von 55 Jahren oder älter teil. Die Behandlung konnten sie nach einer Einführung selbst zu Hause durchführen: Dafür klemmten sie sich für 15 Minuten täglich ein kleines Gerät ans Ohr, dass sanfte Stromreize an die Ohrmuschel abgibt – diese werden als leichtes Kitzeln wahrgenommen.

Das Ergebnis: Bereits nach zwei Wochen Ohrstimulation zeigten sich bei den Probanden Verbesserungen in Blutdruck, Herzfunktion, Stimmung und Schlaf.

 

Ungleichgewicht im Nervensystem fördert Altersbeschwerden

Die Erklärung für die Wirksamkeit dieser Therapie liegt im sogenannten vegetativen Nervensystem. Dieses ist für die Regulierung von automatisch ablaufenden Körperfunktionen zuständig – also etwa der Atmung, des Blutdrucks und der Verdauung.

Das vegetative Nervensystem ist in zwei Zweige eingeteilt, den Sympathikus (sympathisches Nervensystem) und den Parasympathikus (parasympathisches Nervensystem). Während Ersterer anregend und anspannend wirkt und den Körper in Fluchtbereitschaft versetzt, sorgt Letzterer für Entspannung und Regeneration.

Laut Erklärung der britischen Forscher verschiebt sich das Verhältnis zwischen Sympathikus und Parasympathikus mit dem Altern: Der Sympathikus wird dominant, der Parasympathikus ist weniger aktiv. Aus ihrer Sicht macht dieses Ungleichgewicht ältere Menschen anfälliger für Erkrankungen wie Bluthochdruck.

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Vagusnervstimulation über die Ohrmuschel

Die Idee der Wissenschaftler: den Parasympathikus durch Stimulation von außen zu aktivieren, sodass das Gleichgewicht zwischen den beiden „Polen“ des vegetativen Nervensystems wiederhergestellt wird.

Dies geschieht am besten über den sogenannten Vagusnerv, den Hauptnerv des Parasympathikus. Eine Möglichkeit, diesen Nerv zu erreichen, ist das Einsetzen eines Implantats im Brustbereich. Dies wird beispielsweise angewendet, um die Anfallhäufigkeit bei Epilepsiepatienten zu verringern.

Die britischen Forscher nutzten in ihrer Studie die Tatsache, dass ein kleiner Zweig des Vagusnervs bis in die Ohrmuschel reicht. Mit der sogenannten transkutanen Vagusnervstimulation kann der Nerv non-invasiv aktiviert werden: „Das Ohr ist wie ein Tor, durch das wir auf das metabolische Gleichgewicht des Körpers einwirken können, und das ohne Medikamente oder invasive Prozeduren“, so Studienleiterin Dr. Beatrice Bretherton.

 

Sympathikus und Parasympathikus wieder im Gleichgewicht

Die verbesserten Werte und das gesteigerte Wohlbefinden der Studienteilnehmer nach Ablauf der Testphase weisen aus Sicht der Forscher darauf hin, dass die Disbalance zwischen Sympathikus und Parasympathikus durch die Therapie verringert werden konnte. Die besten Ergebnisse wurden bei jenen Probanden erzielt, bei denen das Ungleichgewicht zwischen den beiden Gegenpolen anfänglich am stärksten ausgeprägt war. 

Eine Schwachstelle hat die Studie allerdings: Das Experiment war nur teilweise placebokontrolliert. Um sicherzugehen, dass die guten Ergebnisse nicht auf den Placeboeffekt zurückzuführen sind, hätte eine zweite Probandengruppe für zwei Wochen täglich Scheinstimulationen des Vagusnervs erhalten müssen.

Quelle:
Bretherton, B. et al. (2019): Effects of transcutaneous vagus nerve stimulation in individuals aged 55 years or above: potential benefits of daily stimulation, in: Aging.

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