Nowitschok: Fakten zu Wirkung, Symptomen und Herstellung des Nervengifts

Mona Eichler Health-Redakteurin

Nowitschok ist seit dem Skandal um Putin-Gegner Alexej Nawalny täglich in den Schlagzeilen. Doch wie wirkt das Nervengift im Körper? Welche Symptome treten bei einer Vergiftung auf? Und wie einfach ist die Herstellung von Nowitschok? Alle wichtigen Fakten.

Nowitschok Nervengift in einer Flasche mit weißen Handschuhen
Nowitschok löst eine fatale Reaktion im Körper aus Foto:  iStock / WoodyAlec
Inhalt
  1. Was ist Nowitschok?
  2. Wie wirkt Nowitschok?
  3. Nowitschok Symptome: Woran erkennt man die Vergiftung?
  4. Wie behandeln Ärzte die Wirkung von Nowitschok?
  5. Treten bei Nowitschok Spätfolgen auf?
  6. Nowitschok: Herstellung zuhause möglich? 

Im März 2018 trat das Nervengift Nowitschok auf die Agenda: Damals waren der russische Überläufer und Agent Sergei Wiktorowitsch Skripal und seine Tochter Julija mit einer Nowitschok-Vergiftung auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury aufgefunden worden. Beide haben den Anschlag überlebt. Aktuell ist das Nervengift wieder in aller Munde, nachdem offiziell nachgewiesen werden konnte, dass der russische Oppositionelle Alexej Nawalny Ende August Opfer eines Nowitschok-Anschlags wurde. Der russische Rechtsanwalt wird in der Berliner Charité versorgt. 

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Was ist Nowitschok?

Nowitschok ist der Sammelbegriff für eine Gruppe stark wirksamer Nervengifte, die in hunderten Varianten existieren. Auf Russisch bedeutet Nowitschok "Anfänger" oder auch "Neuling" – zynisch, wenn man weiß, dass Nowitschok um ein Vielfaches tödlicher als beispielsweise das Giftgas Sarin wirkt. Es kann als Gas, Flüssigkeit oder in Pulverform zum Einsatz kommen.
 

Nowitschok: Ein Nervengift zur Kriegsführung

Wann genau Nowitschok entwickelt wurde, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Experten gehen davon aus, dass Wissenschaftler in der ehemaligen Sowjetunion das Nervengift in den Siebzigern oder Achtzigern entdeckt haben. Seit dem Chemiewaffenabkommen von 1997 ist der Einsatz verboten. Man glaubt, dass das Nervengift als chemische Waffe zu Kriegszwecken benutzt werden sollte. Offiziell kam es allerdings nie zu einem militärischen Einsatz des Kampfstoffs – unter anderem deswegen, weil die giftige Verbindung zu instabil ist.

 

Wie wirkt Nowitschok?

Nowitschok greift das zentrale Nervensystem an, indem es – wie andere Nervengase – die Produktion von Cholinesterase (ChE) blockiert. Dieses Enzym braucht der Körper, um den Neurotransmitter Acetylcholin abzubauen. 

Der Vorgang ist folgender: Die Kommunikation zwischen Nervenzellen findet über Botenstoffe (Neurotransmitter) statt. Soll beispielsweise ein Muskel angespannt werden, wird Acetylcholin gebildet, das diese Anweisung überträgt. Wurde der Muskel angespannt, wird das Acetylcholin im Normalfall vom Enzym Cholinesterase wieder abgebaut – es hat seinen Zweck schließlich erfüllt. Im Falle einer Nowitschok-Vergiftung aber ist die Produktion von Cholinesterase blockiert. So wird der Acetylcholin-Abbau unterbunden, wodurch es immer weiter Reize sendet. Es kommt zu einer Reizüberflutung, sämtliche Signalwege des Körpers werden überlastet.

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Nowitschok Symptome: Woran erkennt man die Vergiftung?

Die nicht enden wollenden Nervenreize wirken auf Körpergewebe, Muskeln und Organe, wodurch es zu drastischen Symptomen kommt. Dazu gehören: 

  • Verstärkter Speichelfluss / Schaum vor dem Mund
  • Verstärkter Schweiß- und Tränenfluss
  • Erbrechen
  • Schwere Atemprobleme
  • Lähmungen
  • Krämpfe (auch der Herzmuskeln und Atemwege)

Die Nowitschok-Symptome können schnell zum Tod führen, wenn der Patient nicht rechtzeitig behandelt wird.

 

Wie behandeln Ärzte die Wirkung von Nowitschok?

Als ersten Schritt einer Nowitschok-Behandlung müssen die Mediziner die Krampfanfälle in den Griff bekommen, damit das Opfer nicht an einer Atemlähmung stirbt. 

Im Folgenden werden zwei Mittel verabreicht, die die Nowitschok-Wirkung aushebeln. Zunächst kommt Atropin zum Einsatz. Das Alkaloid setzt sich auf die Acetylcholin-Rezeptoren der Muskelzellen und schwächt die in Gang gesetzte Reizüberflutung. Als zweiter Wirkstoff wird Pralidoxim verabreicht, das die Produktion von Cholinesterase anregt.

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Treten bei Nowitschok Spätfolgen auf?

Ja, nach einer Vergiftung mit Nowitschok können Spätfolgen auftreten. Das liegt vornehmlich daran, dass das Nervengift das überaus sensible, zentrale Nervensystem angreift. Alexej Nawalny konnte am 7. September 2020 aus dem künstlichen Koma geweckt werden und war direkt danach zumindest ansprechbar. Auf das Beatmungsgerät, an das der Regimekritiker während seines Komas angeschlossen gewesen war, verzichteten die Ärzte nach dem Aufwachen allerdings nicht. Experten gehen davon aus, dass sich frühestens in drei Wochen zeigen wird, mit welchen Spätfolgen der Oppositionspolitiker zu kämpfen haben wird. Auch Julija Skripal lag im Koma – 20 Tage lang. Ihre Genesung nannte sie Monate nach dem Attentat "langsam und extrem schmerzhaft". 

Die bekanntesten Spätfolgen einer Nervengasvergiftung sind dauerhafte Schäden der Muskeln sowie eine langfristige Veränderung der Hirnaktivitäten. Muskelschwächen, Gedächtnisverlust, Konzentrationsstörungen und psychische Belastungen wie Depressionen gehören zu den Langzeitfolgen.

 

Nowitschok: Herstellung zuhause möglich? 

Im Interview mit "t-online" geht der Toxikologe Martin Göttlicher näher auf die Herstellung von Nowitschok ein. Der Leiter des Institut für Toxikologie des Helmholtz Zentrums in München betont dabei, dass das Nervengift nicht einfach in der heimischen Küche gebraut werden kann:

"Die Grundchemie dieser Stoffe ist bekannt. Um Nowitschok herzustellen, braucht man einen guten Chemiker, sehr gute Instrumente, aber keinen Hochsicherheitstrakt. Man braucht aber vor allem jemanden, der bereit ist, viel Energie in die Herstellung zu investieren. Das muss nicht unbedingt ein Staat sein. Aber es braucht eine gewisse Logistik dafür – und dass das langfristig unentdeckt bliebe, wäre wirklich schwer."

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Quellen: 
Wie funktionieren Nowitschok-Nervengifte?, in: dw.com
Experte: "Kein ideales Gift, um jemanden zu töten", in: t-online.de

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