Normal oder krank - wann wird ein Gehirn für verrückt erklärt?

Redaktion PraxisVITA
Psychiartrie: Einweisung leichter als rauskommen
Psychologe David Rosenhan: "Es ist wesentlich leichter, in eine Psychiatrie hineinzukommen, als heraus - auch wenn man freiwillig dort ist"

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Stimmungsschwankungen können eine ganz normale Begleiterscheinung von hormonellen Veränderungen sein – aber auch ein Zeichen für schwere psychische Krankheiten wie die Bipolare Störung.

Wer bestimmt, ob ein Mensch schlecht gelaunt ist oder depressiv? Vorsichtig oder paranoid? Fantasievoll oder schizophren? Die wenigsten Betroffenen können selbst einschätzen, ob sie krank sind oder verrückt. Und ob sie einer professionellen Behandlung bedürfen. Psychiater prüfen und beurteilen, ob Menschen in die Psychiatrie eingewiesen werden müssen. Aber auf welcher Grundlage überhaupt? 

 

DSM-5: Die Bibel der Psychiatrie

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 100 000 Menschen gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingewiesen. Tatsächlich gelten Millionen Menschen in Deutschland seit dem 18. Mai 2013 als psychisch krank, die es vor diesem Stichtag nicht waren. Der Grund dafür ist fast zwei Kilo schwer, kostet 129 Euro und trägt den Titel "DSM-5". 14 Jahre lang haben mehr als 500 Wissenschaftler im Auftrag der American Psychiatric Asssociation (APA) an der neuesten Auflage des sogenannten "Diagnostischen und Statistischen Manuals Psychischer Störungen", kurz "DSM", gearbeitet. Der Katalog gilt seit Jahrzehnten weltweit als Bibel der Psychiatrie. Er beeinflusst maßgeblich den sogenannten ICD-10, das internationale Klassifikationssystem der Krankheiten. Bei der Beurteilung eines Krankheitsbildes orientieren sich die Fachärzte daher zum großen Teil an diesem DSM-Handbuch – und ihr Fazit entscheidet, welcher Patient noch normal und welcher bereits verrückt ist.

Damit ist der DSM-Katalog eines der mächtigsten Werkzeuge der Medizin. Denn auf seiner Grundlage und durch seinen Einfluss auf den ICD-10 kann ein Facharzt festlegen, ob ein Mensch – auch wenn er kein Verbrechen begangen hat – seiner Freiheit beraubt wird: durch eine Einweisung in die Psychiatrie (siehe unten: "Wie funktioniert eine Zwangseinweisung?").

 

Neue Krankheiten aus dem Katalog – da ist für jeden etwas dabei

Dieses Schicksal ereilt allein in Deutschland jedes Jahr 100 000 Menschen. Dabei waren viele Diagnosen schon in der Vergangenheit umstritten. Die Liste psychiatrischer Fehlurteile und Skandale ist lang. "Und mit dem DSM-5 wird die Grenze zwischen Normalität und psychiatrischer Krankheit noch unschärfer", erklärt der Psychiater Allen Frances.

 Was Frances vor allem kritisiert, ist die Tatsache, dass mit jeder Ausgabe des DSM die Zahl der Diagnosen steigt. Es kommen also stetig neue Krankheitsbilder hinzu. Waren es im ersten Manual, das 1952 erschien, noch 106, so ist der Umfang der beschriebenen Krankheiten mittlerweile auf 297 gestiegen. Zudem werden Dutzende Subtypen der Krankheiten aufgeführt, und die Faktoren, die zu einer Diagnose führen, werden immer beliebiger: "Da trifft auf jeden Menschen mindestens eine zu", so die Kritiker.

So gilt zum Beispiel seit Mai 2013 ein Mensch, der sich drei Wochen nach dem Verlust eines geliebten Menschen noch immer tief traurig fühlt und keinen Antrieb verspürt, nicht mehr als normaler Trauernder – sondern als klinisch depressiv. Die übliche frühkindliche Trotzphase kann jetzt als "disruptive Launenfehlregulationsstörung" gedeutet werden; und Frustration durch Arbeitslosigkeit kann nun als "posttraumatische Verbitterungsstörung", kurz PTED, diagnostiziert werden.

 

Mehr Diagnosen gleich mehr Verrückte?

Aber warum diese Diagnoseflut? Weshalb gibt es für immer mehr Verhaltensmuster, die nur minimal von der Norm abweichen, einen medizinischen Befund?
Auffällig ist, dass 69 Prozent der DSM-5-Autoren Verbindungen mit der Pharmaindustrie offengelegt haben. In den meisten Arbeitsgruppen stellen Experten mit Pharmaeinkünften die Mehrheit. Sie alle haben enge Verbindungen zu jenen Firmen, die Medikamente herstellen, um psychische Störungen zu behandeln, oder zu Unternehmen, die mit der Pharmaindustrie zusammenarbeiten. Dieser Mangel an Unabhängigkeit wird von vielen Experten scharf kritisiert. Sie sind überzeugt, dass der Katalog nicht zuletzt aus finanziellen Erwägungen zu Millionen falschen Krankheitsdiagnosen führt – und Menschen für verrückt erklärt werden, die eigentlich vollkommen normal sind.

Nun ist eine Befürchtung, auch wenn sie sich auf Indizien stützt, nicht viel mehr als eine Behauptung – bis sie sich beweisen lässt. Tatsächlich zeigen Einzelschicksale wie enorm hoch das Risiko sein kann, unter ungünstigen Umständen als gesunder Mensch in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Doch wie kommt es zu derart haarsträubenden Fehleinschätzungen? Warum ist die Treffsicherheit psychiatrischer Diagnosen so viel schlechter als beim Rest der Medizin? Das liegt vor allem daran, dass es bis heute für keine der im DSM-5 beschriebenen psychischen Störungen klare biologische Kennzeichen gibt.

 

Fatale Fehldiagnosen

"Es gibt eine Flut von angeblichen biochemischen Erklärungen für psychiatrische Störungen – keine einzige davon ist bewiesen worden. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn angenommen wurde, dass ein solches Ungleichgewicht gefunden wurde, stellte es sich später als falsch heraus", sagt Psychiater Joseph Glenmullen. Und auch Thomas Insel, Direktor des Nationalen Instituts für mentale Gesundheit (NIMH) in Maryland, USA, ist überzeugt: "Psychiatrische Diagnosen werden bis heute durch Einschätzungen von Außenstehenden anhand von mehreren Symptomen gestellt, nicht durch objektive Messwerte wie in der sonstigen Medizin, etwa bei Herzkrankheiten, Lymphknotenkrebs oder Aids."

 Die Folge: Je nachdem wie die Einschätzung des Psychiaters ausfällt, kann es im Anschluss zur Zwangseinweisung des Patienten kommen – und die ist im Gegensatz zu einer Gefängnisstrafe zeitlich nicht befristet, was die Situation für den Betroffenen besonders prekär macht.

 

Krank durch Pillen

Durch psychiatrische Fehldiagnosen verlieren Menschen nicht nur ihre Freiheit – oft werden sie erst durch die anschließende Medikation erst wirklich krank. Oder verrückt. Seit mehr als 20 Jahren gilt Prozac in den USA als Wunderpille. Und nicht nur dort: Weltweit wird es noch immer jedes Jahr 40 Millionen Mal verschrieben bzw. gekauft (nicht überall ist die Pille rezeptpflichtig). Forschungen jedoch zeigen mittlerweile: Der in Prozac enthaltene Wirkstoff Fluoxetin kann Suizidgedanken hervorrufen, die der Patient zuvor gar nicht gehabt hat. In einer Studie des North Wales Department of Psychological Medicine in Australien waren zwei von 20 Teilnehmern von diesem Phänomen betroffen. Nicht jeder begeht Suizid, aber das Risiko steigt enorm. Fakt ist: Was Psychopharmaka wie Prozac im Gehirn bewirken, weiß bisher niemand. Viele der Pillen verändern zwar den Spiegel bestimmter Neurotransmitter im Gehirn. Ob sie dadurch aber die Ursache von Depressionen, Schizophrenie oder etwa ADHS beheben, ist keineswegs bewiesen. "Dieser Wirkstoff kann einen Menschen beruhigen – oder ihn dazu treiben, sich das Leben zu nehmen", fasst Psychiater Martin Teicher zusammen. Zudem hat die Psychiaterin Nancy Andreasen die Gehirne von 200 Schizophreniepatienten im Kernspintomografen untersucht. Ergebnis: Je mehr Psychopharmaka Patienten genommen hatten, desto gravierender war der Hirnmassenschwund. So liegt der Verdacht mittlerweile nahe, dass manche Medikamente Psychosen erst auslösen. Oder anders ausgedrückt: einen gesunden Menschen krank bzw. ein normales Gehirn verrückt machen.

Grenze verrückt/normal ist unscharf
Psychiater Allen Frances:
"Die Grenze zwischen normal und verrückt ist so unscharf wie nie zuvor"
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Das Psychiatrie-Experiment:

 Wie verrückt sind wir?



Zehn Freiwillige, fünf Krankheiten, drei Psychiater – das sind die Zutaten für eines der kontroversesten Experimente der Gegenwart. Die Fragen dahinter: Wer ist verrückt, wer nicht – und wie gut kann ein ausgebildeter Facharzt den Unterschied erkennen?

Um diese Fragen zu beantworten, werden zehn Freiwillige eine Woche lang in einem abgelegenen Schloss einquartiert. Bei fünf von ihnen wurde zuvor eine schwere psychische Störung diagnostiziert worden: Bipolare Störung (extreme, unkontrollierbare Stimmungsschwankungen), schwere Depressionen, Zwangsneurose, Anorexie (eine Form der Magersucht) und Sozialphobie. Die anderen fünf gelten als gesund.

Alle Probanden stehen während des Experiments unter der Beobachtung von drei Psychiatern, die nichts von den Vorgeschichten der Probanden wissen. Ihre Aufgabe: herauszufinden, wer welche Krankheit hat und wer gesund ist. Das Anwesen wird zu einer Art Big-Brother-Haus der Psychiatrie-Forschung. Kameras zeichnen jeden Schritt der Probanden auf. Zudem versuchen die drei Forscher in Gesprächen mit den Versuchsteilnehmern, den wirklich psychisch Kranken auf die Spur zu kommen. Das Ergebnis schockiert nicht nur die Fachwelt: Nur zwei Probanden werden die psychischen Krankheiten korrekt zugeordnet- und das sind die einfachen, offensichtlichen Fälle.

So zeigt der Teilnehmer Dan eine sehr stark ausgeprägte Abneigung gegen Schmutz und wäscht sich 50-mal am Tag die Hände. Die Diagnose liegt hier buchstäblich auf der Hand: Zwangsneurose. Alex hingegen bewertet ihren eigenen Körper völlig falsch und schätzt ihren Körperumfang um 30 Prozent größer, als er tatsächlich ist. Ein klares Zeichen für eine Essstörung – Alex leidet seit ihrer Jugend an Magersucht.

 Zwei der gesunden Teilnehmer wird zu Unrecht eine psychische Störung attestiert. Vikky und Holly sind beide zurückhaltende, etwas schüchterne Menschen. Die Psychologen deuten das als Zeichen von Unsicherheit und stark verringertem Selbstwertgefühlt. Doch beide Frauen betonen, niemals an Depressionen oder einer ähnlichen Krankheit gelitten zu haben. Hier wird den Experten klar: Manche Verhaltensweisen sind einfach Teil des persönlichen Charakters. Ein harte Nuss für die Psychologen ist Yasmin. Die Rugby-Spielerin wirkt stets lebenslustig und selbstbewusst, mit echten Führungsqualitäten. Sie ist die Erste, die als "ganz klar gesund" eingestuft wird. D och Yasmin ist das nicht. Nach einem weiteren Tag unter Beobachtung erhält sie eine zweite Diagnose: Bipolare Störung. Wieder falsch! Sie leidet seit Jahren an schweren Depressionen.

 Fazit:

 Die Erfolgsquote der Psychiater lag bei gerade mal 50 Prozent.



>> Video über das Experiment: "Wie verrückt sind wir?"

Grenze zwischen Stimmungsschwankung und bipolarer Störung
Wo ist die Grenze zwischen normalen Stimmungsschwankungen und einer Bipolaren Störung?© Fotolia
 

Wie funktioniert eine Zwangseinweisung?

Jedes Jahr landen etwa 200 000 Menschen in Deutschland in der Psychiatrie. Rund die Hälfte davon lässt sich freiwillig einweisen, die andere wird auf Basis des sogenannten Betreuungsrechts eingewiesen. Demnach muss eine Zwangseinweisung dann umgesetzt werden, wenn 1. die Gefahr besteht, dass der Betroffene sich selbst tötet bzw. schadet oder er eine Gefahr für die Gesellschaft ist oder er 2. eine medizinische Untersuchung braucht, die er wegen seiner Erkrankung selbst nicht nötig hält. Welche Untersuchungen in diese Kategorie fallen, wird erläutert. Bevor jemand eingewiesen wird, müssen ein Gutachter, ein Psychiater, und ein Richter der Zwangseinweisung zustimmen. Gerichte stimmen laut einer Statistik aus Nordrhein-Westfalen in 99 Prozent der Fälle zu. Grund: Die Gutachter sind oft alles andere als unabhängig. Häufig schreibt derselbe Arzt, der die Betreuung veranlasst hat, auch das notwendige Gutachten für die Zwangseinweisung.



 

Wie viele Menschen sind verrückt?


Ein internationales Forscherteam um den Psychiater Hans-Ulrich Wittchen von der TU Dresden veröffentlichte 2011 eine Statistik, wonach jedes Jahr 38,2 Prozent der Europäer an einer klinisch bedeutsamen Störung leiden. Die am weitesten verbreiteten Psychosen seien demnach Angst (14 Prozent), gefolgt von Schlaflosigkeit und Depression (je etwa sieben Prozent). Und auch in den USA sind scheinbar immer mehr Menschen verrückt. So erfüllen laut einer anderen Studie 46 Prozent der US-Bevölkerung die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Dabei ist der Anteil der Kinder, die offiziell als geisteskrank eingestuft werden, innerhalb von 20 Jahren auf das 35-Fache gestiegen. Aber auch in Deutschland können Experten einen klaren Trend feststellen. So ist laut dem "Krankenhaus-Report 2013" der Krankenkasse AOK die Zahl der "psychosozialen Interventionen" bei älteren Menschen zwischen 2005 und 2010 um 554 Prozent gestiegen.



 

Eines der mächtigsten Werkzeuge der Medizin

500 Wissenschaftler haben seit 1999 im Auftrag der American Psychiatric Association (APA) Studien ausgewertet und mehr als 300 psychische Krankheitsbilder im sogenannten DSM- (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) zusammengefasst. Zum Vergleich: Im ersten Manual, dem DSM-1, 1952 erschien, wurden lediglich 106 Erkrankungen aufgelistet. Die fünfte Auflage des DSM wurde am 18. Mai 2013 veröffentlicht und gilt als das wichtigste Handbuch zur Klassifizierung von psychischen Krankheiten. Es beeinflusst maßgeblich, was weltweit als normales oder psychisch gestörtes Verhalten angesehen wird. In der Kritik steht das neue Diagnose-Handbuch, das auch als Bibel der Psychiatrie bezeichnet wird, weil laut diesem Manual selbst kleinste Verhaltensauffälligkeiten als psychische Störung gedeutet werden können. So kann laut dem DSM-5 nun die übliche frühkindliche Trotzphase als "disruptive Launenfehlregulationsstörung" ausgelegt werden, oder die Frustration durch Arbeitslosigkeit als "posttraumatische Verbitterungsstörung", kurz PTED, diagnostiziert werden.


Übrigens: Ruhe kann unser Gehirn unterstützen! Wie das geht, erklärt Dr. Johannes Wimmer im Video.

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