Nocebo-Effekt bei Impfungen und Medikamenten: Geht es mir gar nicht wirklich schlecht?

Verena Elson Medizinredakteurin

Der Placebo-Effekt ist weit bekannt: Man bekommt eine als starkes Schmerzmittel angepriesene Zuckerpille; und nach der Einnahme lassen die Schmerzen prompt nach. Die Entstehung des Nocebo-Effekts ist ähnlich – seine Wirkung aber genau gegenteilig.

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Die Corona-Impfung geht häufig mit Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Frösteln einher. In den Medien und in Berichten von Freunden und Angehörigen, die nach und nach geimpft werden, stößt man so häufig auf solche Impfnebenwirkungen, dass man nach der eigenen Impfung dann schon fast darauf wartet. Und tatsächlich kann diese Erwartungshaltung dazu führen, dass eventuelle unerwünschte Wirkungen stärker ausfallen – Mediziner:innen sprechen dann vom sogenannten Nocebo-Effekt.

 

Placebo vs. Nocebo: Was ist der Unterschied?

Weit bekannter ist der Begriff Placebo-Effekt: Abgeleitet aus dem lateinischen „Ich werde gefallen“ bezeichnet er die als positiv empfundene Wirkung eines Scheinmedikaments – also eines Präparats, das keinen Wirkstoff enthält.

Als „böser Bruder“ des Placebo-Effekts sorgt der Nocebo-Effekt ( „Ich werde schaden“) für unerwünschte Nebenwirkungen eines Scheinmedikaments.

Die beiden Phänomene können allerdings nicht nur im Zusammenhang mit Scheinmedikamenten auftreten: Wie der Placebo-Effekt die Wirkung eines Medikaments bei einzelnen Patient:innen verbessern kann, verstärkt der Nocebo-Effekt mitunter unerwünschte Nebenwirkungen von Arzneien.

Eine Frau sitzt auf ihrem Sofa
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Studien belegen Nocebo-Effekt

Am anschaulichsten zeigt wohl ein berühmtes Fallbeispiel aus den USA den Nocebo-Effekt: Ein junger, schwer depressiver Mann will sich das Leben nehmen und schluckt 29 Pillen seines Antidepressivums. Als kurz darauf eine heftige Wirkung eintritt – Zittern, Atemstörungen, Blutdruckabfall – bereut er die Einnahme und lässt sich in die Notaufnahme bringen.

Dort finden die Ärzt:innen heraus: Der Patient hat die Tabletten im Rahmen einer Studie erhalten. Was er nicht wusste: Er ist in der sogenannten Kontrollgruppe – das heißt, bei den Pillen handelt es sich um ein Scheinmedikament. Kaum wurde der Patient darüber aufgeklärt, dass die „Überdosis“ für ihn gar nicht gefährlich ist, verschwinden seine Symptome innerhalb von 15 Minuten.

Auch Forschungsarbeiten mit mehreren Proband:innen belegen die Macht des Nocebo-Effekts: So zeigten etwa ein Viertel der Lebensmittelallergiker, die 1990 an einer Studie der University of California teilnahmen, allergische Reaktionen auf eine ihnen injizierte Kochsalzlösung – wenn sie zuvor mitgeteilt bekamen, dass die Injektion Allergene enthalte.

Hand hält Tabletten hin
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Wie entsteht der Nocebo-Effekt?

Genau wie der Placebo-Effekt entsteht auch der Nocebo-Effekt durch eine Erwartungshaltung: Wird uns vor Beginn einer Behandlung mitgeteilt, dass eine bestimmte Nebenwirkung eintreten kann, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich eintritt.

 

Kann man den Nocebo-Effekt vermeiden?

Das Eintreten des Nocebo-Effekts zu beeinflussen ist nicht einfach. Ärzt:innen haben die Möglichkeit, durch eine geschickte Kommunikation die Wahrscheinlichkeit von verstärkten Nebenwirkungen zu reduzieren, indem sie die gute Verträglichkeit eines Medikaments betonen, also beispielsweise davon sprechen, dass 95 Prozent der Behandelten ein Präparat gut vertragen – anstatt den Fokus auf die fünf Prozent zu legen, die an Nebenwirkungen leiden. Das Ziel dabei ist eine positivere Erwartungshaltung bei den Patient:innen, die sich dann im Idealfall selbst erfüllt.

In Bezug auf die Corona-Impfung ist diese Vorgehensweise nun kaum möglich – Berichte über Impfnebenwirkungen sind derzeit allgegenwärtig. Zudem treten Begleiterscheinungen wie Kopf- und Gliederschmerzen nach einer Impfung nun einmal tatsächlich häufig auf.

Um zu verhindern, dass sie durch den Nocebo-Effekt noch verstärkt werden, kann es in diesem Fall helfen, sich die positive Wirkung der Impfung vor Augen zu führen: „Was ich nach der Impfung spüre, ist mein Immunsystem, dass fleißig daran arbeitet, mich vor einer Erkrankung zu schützen“. Die Hoffnung dabei: Was positiv bewertet wird, wird als weniger schmerzhaft empfunden.

Vielleicht hilft es aber auch schon, sich des Phänomens Nocebo-Effekt bewusst zu sein – und falls Gliederschmerzen und Schüttelfrost uns nach der Impfung dennoch erbarmungslos außer Gefecht setzen, tröstet immer noch das Wissen, dass diese Nebenwirkungen nach wenigen Tagen überstanden sein werden.

Ein Mann legt Tabletten in seine Hand
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Quellen:

So vermeiden Ärzte den Nocebo-Effekt, in: aerztezeitung.de

Colloca, Luana (2017): Tell me the truth and I will not be harmed: informed consents and nocebo effects, in: The American Journal of Bioethics

Jewett, D. L., Fein, G., & Greenberg, M. H. (1990): A double-blind study of symptom provocation to determine food sensitivity, in: New England Journal of Medicine

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