Nie wieder Reizdarmschmerzen mit dem Spinnentrick

Spinne
Klein, aber hilfreich: Forscher haben Spinnengift untersucht, um das Reizdarmsyndrom ursächlich zu behandeln © Fotolia

Heftiger Unterleibsschmerz, Durchfall und Verstopfung: Die Symptome des Reizdarmsyndroms sind sehr unangenehm und schränken die Lebensqualität ein. Doch jetzt haben Forscher aus den Vereinigten Staaten und Australien eine neue Möglichkeit entdeckt, gegen die Schmerzen, die das Syndrom auslöst, vorzugehen. Unterstützt wurden sie dabei von sehr ungewöhnlichen Forschungspartnern: Spinnen.

Für Forscher war das Reizdarmsyndrom jahrelang ein Rätsel. Zwar lassen sich die Schmerzen, die diese Funktionsstörung auslöst, durch Schmerzmittel eindämmen, doch sind Ibuprofen und Co. nur eine Zwischenlösung, deren Wirksamkeit mit dem Gewöhnungseffekt des menschlichen Körpers immer weiter nachlässt. Bislang gelang es Forschern nie, Reizdarmschmerzen direkt am Entstehungsort zu behandeln, da sie die genaue Schmerzquelle im Körper nicht entdecken konnten.

Das könnte sich nun ändern: Ein internationales Forschungsteam untersuchte das Gift von Spinnen auf ein ganz besonderes Protein. Dieses Protein, genannt Nav 1.1, sorgt nämlich für die Übertragung von derselben Art von Schmerzen, die auch bei Patienten mit Reizdarmsyndrom ausgelöst wird.

Die Entdeckung ist ein entscheidender Schritt in der Bekämpfung der Beschwerden, erklärt Glenn King, Professor am UQ Institut für Molekulare Biowissenschaft: „Spinnengift ist ein effektives Werkzeug, um die Schmerzübertragung im menschlichen Körper zu erforschen.“

 

Endlich identifiziert

Spinnen nutzen Gifte unter anderem, um sich gegen Feinde zu wehren. Das gelingt ihnen, indem sie ihrem Gegner Schmerzen zufügen. Das Forschungsteam nutzte es, um schmerzempfindliche Nerven im Körper stimulieren.

Das Ergebnis seiner Untersuchung: Bei Kontakt mit Spinnengift wird genau wie bei Reizdarmsyndrom das Nerven- und Muskel-Protein Nav 1.1 aktiviert, was zu extremen Unterleibschmerzen führt. Diese Art der Schmerzübertragung war der Forschung bislang unbekannt. Deshalb war es unmöglich, das Reizdarmsyndrom ursächlich zu behandeln.

„Reizdarmsyndrom stellt eine große Belastung für Betroffene wie auch das Gesundheitssystem dar, aber bislang gab es nie eine effektive Behandlungsmöglichkeit“, betont Hauptautor der Studie Stuart Brierley. „Stattdessen wurde den Leidenden immer geraten, Trigger zu vermeiden, die ihre Symptome auslösen könnten.“

In weiteren Untersuchungen gelang es Glenn King und Stuart Brierley, Hemmstoffe für Nav 1.1 zu entwickeln, die bereits erste Erfolge erzielten: Bei Mäusen mit Reizdarmsyndrom konnte ein Rückgang der Schmerzen festgestellt werden.

 

Heilung durch Spinnenfäden

Das ist nicht das einzige medizinische Feld, in dem Spinnen eine entscheidende Rolle spielen: Tatsächlich greifen Forscherteams in ihren Untersuchungen immer häufiger auf die Krabbeltiere zurück. Von besonderem Interesse ist dabei die Spinnenseide.

Diese zeichnet sich durch eine extreme Reißfestigkeit und hohe Elastizität aus – ein Umstand, den sie dem komplexen molekularen Aufbau verschiedener Eiweißmoleküle verdankt. Zudem verfügt Spinnenseide über ein Formgedächtnis, was bedeutet, dass sie nicht ausleiert, egal wie oft man an den Fäden zieht. Für medizinische Zwecke ist die Seide perfekt geeignet, denn sie kann problemlos sterilisiert und vom menschlichen Organismus problemlos abgebaut werden.

Die Belastbarkeit des Naturstoffes wollen Mediziner für die Wund- und Nervenheilung nutzen. Tatsächlich ist es bereits in ersten Versuchen gelungen, durchtrennte Nervenstränge bei Tieren wieder zusammenwachsen zu lassen. Dazu wurde den Tieren ein Stück Vene implantiert, die auf der ganzen Länge von tausenden Spinnenseiden-Fäden durchzogen ist. Die präparierte Vene wird an die Nervenenden angenäht, sodass das Nervengewebe an der Spinnenseide wie an einem Gerüst entlang wächst und dabei die geschädigte Zone überbrückt.

Noch ist vieles davon Zukunftsmusik, doch die potentiellen Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig: Mit Seide beschichtete Silikonimplantate, Katheter und Gefäßprothesen sollen verhindern, dass bei Patienten Narben und Entzündungen entstehen. Die Fäden können als Nähgarn bei Operationen verwendet werden. Und Verbände aus Spinnenseide können die Wundheilung entscheidend beschleunigen.

Hamburg, 9. Juni 2016

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