Nie geboren und trotzdem Vater

Ein US-amerikanisches Paar erfüllte sich seinen Kinderwunsch mittels künstlicher Befruchtung. Doch nach der Geburt ihres Kindes war der Schock groß: Ein Vaterschaftstest fiel negativ aus. Der Grund: Das Baby stammt von dem ungeborenen Zwilling des Mannes ab.

Nachdem ihr Sohn geboren war, erlebte ein Paar aus Washington eine Überraschung: Ein Bluttest zeigte, dass das Baby Blutgruppe AB hatte – obwohl beide Eltern Blutgruppe A haben.

Das ließ die Eltern aufhorchen und sie veranlassten einen Vaterschaftstest. Das Ergebnis war ein Schock: Der Mann war laut Testergebnis nicht der Vater des Babys. Ein zweiter Test bestätigte das Resultat.

 

Der Vater ist genetischer Onkel des Kindes

Das Paar vermutete, der Fehler läge bei der Klinik, die die künstliche Befruchtung durchgeführt hatte und glaubte an eine Verwechslung des Spermas. Doch das einzige andere Paar in der Klinik an diesem Tag war ein afroamerikanisches – bei einem Fehler der Zuordnung hätte das Baby eine dunklere Hautfarbe gehabt.

Das Paar aus Washington wandte sich an Barry Starr von der Stanford University, der den Blog „Ask a geneticist“ betreibt. Dieser riet den Eltern, eine Spezialfirma mit einer genaueren Genanalyse zu beauftragen. Als der Bericht des Labors zurückkam, analysierte der Genetik-Experte das Ergebnis für sie. „Es sprang mich förmlich an: Onkel. Wäre es eine Eltern-Kind-Beziehung gewesen, würde man 50 Prozent verwandte DNA sehen. Wenn es die eines Onkels zu Nichte oder Neffe ist, sind 25 Prozent verwandt. Dieser Mann und sein Sohn waren zu 25 Prozent verwandt“, erzählte Barry Starr der Zeitung „Time“.

 

DNA des ungeborenen Zwillings im Sperma

Doch wie war das möglich? Während der Schwangerschaft werden Zellen zwischen Mutter und Embryo und auch zwischen Zwillingen in der Gebärmutter ausgetauscht. Der Zwillingsbruder des Vaters aus Washington verstarb während der Schwangerschaft und wurde vom Mutterleib absorbiert – das kommt häufig vor und wird als Vanishing-Twin-Syndrom bezeichnet. Doch vorher hatte sein Zwillingsbruder einige Zellen von ihm und somit einen Teil seiner DNA aufgenommen. Das Besondere an diesem Fall: Bei den vom Bruder „absorbierten“ Zellen handelte es sich offenbar um sogenannte Keimbahnzellen, die sich später in Eizellen oder Spermien entwickeln. Nur durch diesen Zufall konnte der nie geborene Embryo dennoch einen „Nachkommen“ haben.

Eine Sperma-Analyse des Mannes ergab, dass dieses zu 90 Prozent seine eigene DNA und zu zehn Prozent die seines Bruders enthält. Somit ist er Vater und Onkel seines Kindes zugleich.

Hamburg, 30. Oktober 2015

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