“Nicht ohne meine Glühbirnen“: Daniel ist Autist

Autistischer Junge
Autistische Kinder brauchen eine strenge Routine – werden sie aus ihr herausgerissen, reagieren sie häufig mit verzweifelten Wutanfällen © Fotolia

Daniel liebt seine Glühbirnen. Denn sie geben ihm Sicherheit – genauso wie seine täglichen Routinen. Sieben Jahre suchten Nadja und Thomas nach einer Erklärung für das ungewöhnliche Verhalten ihres Sohnes. Dann kam endlich die Diagnose: Daniel ist Autist.

Mit leuchtenden Augen sitzt der Junge vor seiner Playmobil-Küche. Doch ihn interessieren nicht die winzigen Schubladen, die kleinen Töpfe. Daniel starrt gebannt auf die Dunstabzugshaube. Denn darin stecken zwei kleine Glühbirnen – und Glühbirnen sind seine größte Leidenschaft. Er schraubt sie ein und aus. Sammelt sie schon seit Jahren und hat fast immer welche in der Hand.

Daniel, heute sieben, ist Nadjas und Thomas’ erstes Kind. Nadja: „Wir freuten uns riesig, die Ärzte sagten: Er ist gesund, alles in Ordnung." Als der Kleine zwei Jahre alt ist, beginnt Nadja sich Sorgen zu machen: Daniel redet kaum! Anders als die Kids im Freundeskreis, die munter drauflosplappern, neugierig überall hinrennen, ist Daniel extrem still, hat den Blick häufig starr ins Leere gerichtet. Nadja: „Wenn ich ihn direkt ansah, ihn etwas fragte, zum Beispiel : ‚Daniel, möchtest du auf den Spielpatz?', reagierte er gar nicht! Er guckte bloß geradeaus." Wenn Nadja Daniel ganz genau beobachtet, fällt ihr auf: Beim Gehen schlenkert er so merkwürdig mit Armen und Beinen. Nadja: „Ich ahnte, dass etwas stimmt nicht."

 

Daniel spricht kaum

Der Kinderarzt aber sieht keinen Grund zur Sorge. Erst als der Junge drei Jahre ist, sich immer noch so schlaksig bewegt, diagnostiziert der Arzt eine „Entwicklungsverzögerung", verschreibt Ergotherapie und Krankengymnastik. Daniel hat schwache Muskeln, erklärt der Arzt, die müssen nun gekräftigt werden. Dass Daniel so still und in sich gekehrt ist, beunruhigt ihn nicht. Das aber fällt den Erzieherinnen im Kindergarten auf. Sie sagen zu Nadja: „Von sich aus spricht Ihr Junge fast nie mit den anderen Kindern. Und er antwortet bloß mit ‚ja’ oder ‚nein’, wenn wir ihn etwas fragen.

„Genau wie zu Hause!" sagt Nadja. Daniel erzählt seiner Mutter nie mal ein Erlebnis vom Kindergarten, noch nicht mal dann, wenn ein kleines Fest gefeiert wurde. Wie eine Detektivin versucht sie, Anzeichen zu deuten, um Daniel auszufragen: „Wenn er zum Beispiel seine Schnitten in der Brotbox wieder mit nach Hause brachte, war das für mich ein sicheres Zeichen, dass ein Kind Geburtstag hatte. Also fragte ich ihn: ‚Hatte denn jemand etwas zu essen mit? Hatte jemand Geburtstag?' Wenn er dann ‚ja’ sagte, habe ich gleich weitergefragt: ‚Wer hatte denn Geburtstag?'" Aber sie schafft es nicht, ein kleines Gespräch in Gang zu bringen. „Er hat nur selten mehr als ‚ja’ oder ‚nein’ gesagt."

 

Kuscheln gibt es bei Daniel nicht

Wenn der Vater den Jungen vom Kindergarten abholt, sieht er, wie andere Kids ihren Eltern in die Arme rennen. Daniel tut das nicht. Er steht still da, wartet ab, bis Papa kommt, geht artig mit. Thomas: „Er ließ zwar geschehen, dass ich ihn zur Begrüßung drückte. Aber von sich aus hat er das nicht gemacht. Und mit ihm mal kuscheln, das gab’s auch nicht. Frustrierend!"

 

Zugang zur kleinen Schwester

Als Daniel vier Jahre alt ist, wird seine Schwester Lena geboren. Die Freude ist groß – auch bei Daniel! Auf eine zarte, stille Art kann er seine Zuneigung zeigen. Nadja: „Er stand oft an ihrem Bettchen, streichelte ihre Hand." Glücksmomente, die der Mutter Hoffnung machen, dass Daniel sich noch verändert. Aber diese Erleichterung hält nie lange an – Daniel zeigt so viele merkwürdige Verhaltensweisen. Er ist zum Beispiel extrem auf Pünktlichkeit bedacht – total ungewöhnlich für ein Kindergartenkind, sie können meist noch nicht mal die Uhr lesen. Aber wenn Daniel nicht auf die Minute pünktlich morgens um sieben und pünktlich auf die Minute abends um sieben seine Zähne putzen kann, ist die Hölle los: Dann wird er wütend, weint, trotzt.

 

Wutanfall im Bus

Auch der Bus morgens gibt oft Anlass zum Drama: „Wenn der Bus nur eine Minute zu spät kam", erklärt Nadja, „rief Daniel ganz aufgeregt: ‚Aber – das geht doch nicht! Nein, nicht!'" Im Bus gehts weiter: Daniel will nur auf einem bestimmten Platz sitzen – jeden Morgen auf dem gleichen: Vorn, direkt hinter dem Fahrer am Fenster. Nadja: „Wenn dort aber schon jemand saß, weinte er, schrie manchmal sogar." Oft werden Mutter und Sohn deswegen böse angestarrt, Leute tuscheln. Nadja: „Eine Frau sagte mal: ‚Der braucht wohl eine Tracht Prügel!'" Das verletzt Nadja, weil sie spürt: Daniel ist nicht aggressiv – er kann sich nicht anders verhalten. Sie versucht also, ruhig zu bleiben, steht zu ihm. Und versucht, ihm logisch die Situation zu erklären: „‚Auf diesem Platz sitzt jemand, deswegen müssen wir stehen', sagte ich dann. Aber er hat sich nicht beruhigen lassen. Er sagte: ‚Dann muss der Mensch aufstehen.' Dann sagte ich: ‚Nein, er war zuerst da…'"

 

Belastende Situation für die Eltern

Mit der Zeit finden die Eltern Wege und Strategien, mit dem ungewöhnlichen Verhalten des Kindes umzugehen. Aber auf ihre dringlichste Frage finden sie keine Antwort: Warum verhält Daniel sich so? Wo gibt es jemanden, der uns das erklären kann? Und uns helfen kann, seinen Alltag leichter zu machen? Im Werner-Otto-Institut in Hamburg entwickeln Spezialisten Therapien für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen. Aber der Arzt dort rät nur: Daniel sollte nicht in eine Regelschule gehen, da wäre er vielleicht überfordert. Mit sechs kommt Daniel auf eine Integrationsschule mit 16 gesunden und vier beeinträchtigten oder behinderten Kindern. Die Lehrerinnen sagen Nadja, dass Daniel Probleme beim Lesen hat. „Er kannte zwar die einzelnen Buchstaben, konnte sie aber nicht zu einem Wort zusammenbringen."

 

Daniel hat besondere Begabungen

Was alle überrascht: Daniel hat eine ungewöhnlich große Begabung – Zahlen! Es fällt auf, wie schnell und gut er rechnen kann. „25 plus 13, das konnte er sogar schon, als er fünf war", sagt Nadja. Noch etwas kann Daniel schon als Erstklässler besonders gut: Er kennt das ganze Streckennetz von U-, S-Bahn-Strecken und Buslinien. Nadja: „Er wusste genau, wie häufig und zu welcher Uhrzeit die Bahnen wohin fahren. Und er wusste sogar, ob man beim Benutzen mehrerer Bahnen vorn, in der Mitte oder hinten am Bahnsteig stehen muss, um günstig umzusteigen."

 

Erleichterung: Diagnose Autismus

Dann bekommen die Eltern einen Anruf wegen Daniel, der sie zuerst schockt: Ein Sonderpädagoge von der Schule sagt: „Ich vermute: Daniel hat autistische Züge." Nadja und Thomas erfahren: Menschen mit autistischer Störung sind oft sehr still und zurückgezogen, haben Probleme, mit anderen zu kommunizieren. Genau wie Daniel. Und es gibt immer etwas, das sie extrem gut können: Bei Daniel ist das der Umgang mit Zahlen! Der Rat des Sonderpädagogen: „Gehen Sie zum Autismus-Institut in Hamburg, stellen Sie ihn dort vor." Nadja: „Endlich, nach all den Jahren, hatten wir eine Spur, was mit Daniel los sein könnte. Das machte uns richtig froh." Und tatsächlich, die Vermutung stimmt: Daniel ist teilautistisch.

 

Routine gibt Autisten Sicherheit

Alle zwei Wochen hat Daniel seitdem 90 Minuten Therapie im Autismus-Institut. Man bestätigt den Eltern: Ihr Kind ist nicht bewusst starrsinnig oder böswillig, wenn er zum Beispiel im Bus Stress macht. Daniel braucht bei allem die totale Berechenbarkeit. Feste Zahlen, feste Zeiten, immer gleiche Rituale. Das alles gibt ihm Sicherheit. Plötzliche Veränderungen der Routine, des Tagesrhythmus verunsichern ihn völlig. Nadja heute: „Die Diagnose ist eine große Erleichterung für uns Eltern. Nach all den Jahren der Unsicherheit wissen wir endlich, woran wir sind. Wir können sein Verhalten richtig einordnen, es auch anderen Leuten erklären." Als großes Glück sehen sie auch Daniels gute Beziehung zu seiner Schwester Lena, heute drei. Zu ihr hat er festes Vertrauen – etwas, das Autisten nur selten haben. Nadjas Hoffnung: „Vielleicht lernt er durch Lena leichter, auf andere zuzugehen. Daniel ist ruhig, Lena ist aufgeschlossen, immer in Bewegung. Sie zieht ihn öfter mal mit, und er bremst sie dafür manchmal, wenn sie so aufbrausend ist." Mit seiner Schwester teilt Daniel sich auch ein Puppenhaus. Auf Lenas Seite leben Puppen – auf Daniels wohnen Glühbirnen.

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