Nicht ganz so bunt – na und? Rot-Grün-Schwäche bei Kindern

Dr. med. Nadine Heß

Alle Kinder werden spätestens vor der Einschulung auf Farbsehschwächen untersucht. Doch welche Farbsehstörungen gibt es überhaupt, wie werden sie vererbt, ist die Rot-Grün-Blindheit weit verbreitet und ist die Welt für betroffene Kinder tatsächlich weniger kunterbunt?

Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Die Rot-Grün-Sehschwäche wird von den Betroffenen nicht als einschränkend empfunden, da sie von Geburt an besteht und sich im Laufe des Lebens nicht verschlechtert.“ © privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Circa 8 bis 10 Prozent aller Männer und 0,4-0,5 Prozent aller Frauen leiden an einer angeborenen Sehschwäche für rote und grüne Farben[1]. Sie können rote und grüne Farben schlechter erkennen als normalsichtige Personen. Sie erkennen beide Farben nur als unterschiedlich, wenn sie besonders kräftig sind - man spricht von Protanomalie (Rotschwäche) oder Deuteranomalie (Grünschwäche). Wenn die genannten Farben überhaupt nicht erkannt werden können – die Betroffenen sehen rot und grün nur als Grau- oder Schwarztöne –, nennt man es Protanopie oder Deuteraopie. Wobei hier insbesondere die Rotblindheit im Straßenverkehr problematisch sein kann: Beispielsweise rote Ampeln oder die Rücklichter andere Autos werden nur schwer oder erst spät erkannt.

Ganz selten ist eine Schwäche oder Blindheit für blaue Farben (Tritanomalie bzw. Tritanopie) und noch seltener eine absolute Farbenblindheit (=Achromasie). Betroffene können überhaupt keine Farben unterscheiden und nehmen alles nur in Schwarz-, Weiß- und Grautönen wahr.

 

Wie kommt es zur Rot-Grün-Sehschwäche?

Für das Farbensehen sind im Auge die sogenannten Zapfen zuständig. Man unterscheidet drei Typen – für rote, grüne und blaue Farben. Bei der Rot-grün-Sehschwäche sind die roten oder grünen Zapfen durch eine Aminosäuresequenzvertauschung im für das Farbensehen im Zapfen zuständige Protein Opsin nicht komplett funktionstüchtig. Bei der Rot-grün-Blindheit fehlt das Gen für das entsprechende Opsin und der Zapfen ist für die betroffene Farbe gar nicht funktionstüchtig.

 

Warum ist die Rot-Grün-Sehschwäche bei Frauen seltener?

Da die Gene für die Opsine auf dem X-Chromosom lokalisiert sind und die Vererbung rezessiv erfolgt, kann erkranken, wer nur ein X-Chromosom oder den Fehler auf beiden X-Chromosomen hat. Frauen haben zwei X-Chromosomen und somit in den allermeisten Fällen eins ohne die Mutation, so das dieses die Funktion sozusagen übernimmt. Diese Frauen sind selbst völlig beschwerdefrei, können aber das betroffene X-Chromosom an ihre Nachkommen weitergeben. Männer haben ja bekanntermaßen neben dem Y-Chromosom nur ein X-Chromosom. Wenn dieses also eine Mutation im Opsin-Gen trägt, haben sie kein weiteres gesundes X-Chromosom, das den Defekt ausgleichen könnte. Darum leiden deutlich mehr Männer unter einer Rot-grün-Schwäche oder –Blindheit als Frauen.

Kind riecht an Blume
Etwa jeder zehnte Junge und 0,4 bis 0,5 Prozent der Mädchen kommt mit einer Sehschwäche für rote und grüne Farben zur Welt© Fotolia
 

Ist die Rot-Grün-Sehschwäche eine starke Belastung für Betroffene?

Die Erkrankung wird von den Betroffenen nicht als einschränkend empfunden, da sie von Geburt an besteht und sich im Laufe des Lebens nicht verschlechtert. Auch das ästhetische Empfinden für Farben scheint nicht beeinträchtigt zu sein, auch wenn die Farben anders wahrgenommen werden. Das konnten viele Studien zeigen. Allerdings macht die Rot-grün-Schwäche einige Berufe unmöglich – zum Beispiel in der Schiff- oder Luftfahrt, wo es aufgrund der Unterscheidung verschiedener Verkehrszeichen und der damit verbundenen Verantwortung auf die volle Funktionsfähigkeit der Zapfen im Auge ankommt.

Die Rot-Grün-Sehschwäche kann leicht mithilfe spezieller Farbtafeln diagnostiziert werden, die jeder Kinderarzt bei der Vorsorge allerspätestens vor der Einschulung einsetzt. Meistens fällt aber schon vorher auf, dass das Kind Schwierigkeiten in der Farbunterscheidung hat und man testet dann gezielt.

So oder so ist die Diagnose einer Rot-Grün-Sehschwäche kein Drama und darüber hinaus konnten mehrere Studien zeigen, dass die Betroffenen dafür zum Beispiel bei bestimmten Grautönen Unterschiede feststellen können, die Menschen ohne den Defekt als gleich wahrnehmen.

 

[1] Swanson WH et Cohen JM: Colorvision; Ophthalmol Con North Am. 2003 Jun; 16(2): 179-203

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