Neymar – Lässt sich ein Wirbelbruch fitspritzen?

Wirbelbruch von Neymar
Im Viertelfinalspiel der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Kolumbien und Brasilien verletzte sich Fußballstar Neymar schwer am Rücken. Kurz darauf kursierte das Gerücht, der 22-jährige würde für das Halbfinalspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft tr © Imago

Im Viertelfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien brach sich der brasilianische Fußballstar Neymar den dritten Lendenwirbel. Nun kursieren Gerüchte, wonach der Schlüsselspieler der Seleção mithilfe von Schmerzspritzen fitgespritzt werden soll, damit er am Halbfinalspiel gegen Deutschland, ungeachtet seiner Rückverletzung, teilnehmen kann. Praxisvita erklärt, wieso das aus medizinischer Sicht nicht möglich ist und wieso Neymar sogar noch Glück im Unglück hatte.

WM-Gastgeber Brasilien hofft auf den Einsatz von Fußballstar Neymar beim Halbfinalspiel gegen Deutschland – trotz seiner schweren Rückenverletzung. Grund dafür ist die Nachricht des Internetportals globo.com, die darüber berichtet hatten, dass der an einem Bruch des dritten Lendenwirbels leidende Fußballer mit Schmerzmitteln fitgespritzt werden soll.

 

Ärzte stellen klar: Keine Chance für ein Comeback von Neymar

Nachdem bekannt wurde, dass der 22-jährige Neymar kurz nach seiner schweren Verletzung – die er sich im Viertelfinalspiel gegen Kolumbien zuzog – Besuch von einem Ärzteteam hatte, „das die Chancen für eine etwaige Rückkehr“ durch den Einsatz von starken Schmerzmitteln überprüfen wollte, dementierten Ärzte des brasilianischen Fußballverbands umgehend eine solche Möglichkeit.

Aus medizinischer Sicht „gibt es nicht die geringste Chance, dass Neymar auf kurze Sicht wieder Fußball spielen könne", stellte Mannschaftsarzt Dr. Jose Luiz Runco in einer Fernsehansprache klar. Es wäre falsch „in diesem Fall Illusionen beim brasilianischen Volk zu wecken“, erklärte der Mediziner weiter. Eine Genesung dauere mindestens 45 Tage.

 

Eine neue Verletzung hätte schlimme Folgen

Der Versuch einer aggressiven Schmerztherapie würde nach Ansicht des brasilianischen Fußballverbands nicht nur die Gesundheit von Neymar gefährden, sondern auch „ethische Normen“ verletzen. Der junge Fußballer habe für eine vollständige Genesung eine „exzellente Prognose“, müsse sich dafür aber konsequent schonen. Eine Operation sei nach Aussagen des Mannschaftsarztes nicht notwendig.

Bei dem Wirbelbruch von Neymar handelt es sich um einen sogenannten „stabilen Bruch“, bei dem der Wirbel auch ohne weiteren Eingriff zusammen wächst. Sollte der Fußballer allerdings vorher einen weiteren Schlag auf den verletzten Wirbel bekommen, hätte das schlimme Folgen – bis hin zu einer möglichen Lähmung.

Neymar bricht sich Wirbel
Der Mannschaftsarzt José Luiz Runco der brasilianischen Nationalmannschaft verkündet, dass nicht die geringste Chance für ein Comeback von Neymar bei dieser Weltmeisterschaft besteht© Corbis
 

Wie behandelt man einen Wirbelbruch?

Nach einem Wirbelbruch kommen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten in Frage. Unterschieden wird zwischen der sogenannten konservativen (nicht-operativen) und der operativen Therapie. Ob operiert wird oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren – wie dem genauen Ort der Wirbelverletzung an der Wirbelsäule und Begleitverletzungen beim Patienten – ab. Auch die Art der Verletzung spielt eine Rolle:

 

Stabiler Wirbelbruch

Handelt es sich, wie im Falle von Neymar, um eine stabile Fraktur, ist die Vorderkante oder der Wurmfortsatz des Wirbels gebrochen, so dass das Rückenmark im hinteren Teil des Wirbels nicht verletzt wurde. Besonders wenn diese Brüche „gerade“ und nicht getrümmert auftreten, wird nicht operiert. Ein Patient mit stabilem Wirbelbruch bekommt Medikamente gegen die starken Schmerzen und muss für einige Zeit Bettruhe halten, allerdings nicht mehr über viele Wochen wie früher. Häufig kommen stützende Rückenkorsetts zum Einsatz, um die Wirbelsäule und insbesondere den verletzten Wirbel zu entlasten. Im weiteren Verlauf der Behandlung wird mit dem Muskelaufbau im Rahmen einer Physiotherapie begonnen.

 

Instabiler Wirbelbruch

Instabile Wirbelbrüche – hier ist auch die Wirbelhinterkante betroffen – oder Brüche mit getrümmerter Fraktur dagegen müssen aufgrund der starken Belastungen der Wirbelsäule.

Bei instabilen Wirbelbrüchen besteht eine erhöhte Lähmungsgefahr, da Bruchkanten oder -stücke durch den im Rücken verlaufenden Nerven abtrennen oder abklemmen können. Operative Eingriffe können in vielen Fällen eine Lähmung verhindern. Ist aber eine Lähmung bereits eingetreten, kann sie auch operativ nicht rückgängig gemacht werden. Im Falle eines instabilen Wirbelbruchs werden die gebrochenen Wirbelsegmente mit Metallstangen oder -schrauben gerichtet und stabilisiert. Je nach Schwere und Art der Verletzung können diese Implantate frühestens nach einem Jahr wieder herausgenommen werden.

 

Der Halswirbelbruch

Nur rund fünf Prozent aller Wirbelbrüche sind Halswirbelbrüche. Und das ist auch gut so, denn gehören sie zu den gefährlichsten Verletzungen am Rückgrat. Besonders wichtige Funktionsträger der Wirbelsäule sind Halswirbel eins und zwei, da sie für die Bewegung und das Tragen des Schädels verantwortlich sind. Der erste Halswirbel – auch Atlaswirbel genannt – wird in den meisten Fällen sofort operiert, da die Gefahr von Folgeschäden – z.B. Bewegungseinschränkungen oder starke Schmerzen – zu groß ist.

Wegen der besonderen Ringform des Atlas kann es auch zu Brüchen der sogenannten Atlasbögen kommen. In solchen Fällen wiederum kann unter Umständen auf eine Operation am Wirbelkörper verzichtet werden – wobei zur Ruhigstellung allerdings Fixierschrauben in die Schädeldecke gebohrt werden müssen.

 

Insgesamt besitzt der Mensch sieben Halswirbel

Ist der zweite Halswirbel – der sogenannte Axis – verletzt, handelt es sich in den meisten Fällen um den in den Atlas ragenden Wirbelzahn. Diese Frakturen werden entweder operativ verschraubt und so fixiert und stabilisiert oder konservativ – z.B. mithilfe von Stützkorsetts – behandelt.

Die Halswirbel sind bei instabilen Brüchen besonderer Gefahrenpunkt für eine Verletzung des Rückenmarks und können so leicht zu einer Lähmung führen. Oft diagnostizieren Ärzte bei Frakturen an einem Halswirbel sogenannte keilförmige Erniedrigungen als Folge der Komprimierung des Wirbelkörpers. Diese Bruch ist auf konservative Weise nicht zu richten – der Wirbel bleibt instabil –, sodass eine Operation kaum zu vermeiden ist. Konkret wird bei dieser Operation die zerstörte Bandscheibe entnommen und durch das Implantat eines Knochenspans – z.B. vom Beckenknochen – ersetzt.

 

Der Bruch des Brust- oder Lendenwirbels

Beinahe jeder zweite Wirbelbruch ist die Fraktur eines Brustwirbels im unteren Bereich oder eines Lendenwirbels im oberen Bereich. Handelt es sich dabei – wie im Falle von Neymar – um einen stabilen Wirbelbruch oder gar nur die Fraktur des Wurmfortsatzes eines Lendenwirbels, wird in den meisten Fällen auf eine Operation verzichtet – Bettruhe, stützendes Korsett und Schmerzmittel reichen hier in der Regel zur Behandlung.

Neymar bricht sich Wirbel
Neymar musste im Viertelfinalspiel gegen Kolumbien mit starken Schmerzen im Rücken auf einer Liege vom Platz getragen werden. Diagnose: Stabiler Bruch des dritten Lendenwirbels. Nach Aussage seines Teamarztes hatte er damit noch Glück im Unglück und muss nicht operiert werden© Imago

Instabile Brüche der Lenden- und Brustwirbel dagegen sowie sogenannte Kompressionsbrüche – ein Bruch bei dem eine Höhenminderung der Wirbelsäulenstruktur auftritt – in diesem Bereich werden operativ behandelt. Der verletzte Wirbelkörper muss bei einem Eingriff aufgerichtet, stabilisiert und fixiert werden. Dazu wird der verletzte Körper häufig mit den darunter und darüber liegenden unverletzten Wirbeln verschraubt und mit einer Metallplatte stabilisiert.

Hamburg, 7. Juli 2014

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