Neugeborenengelbsucht: Wenn das Baby plötzlich gelb wird…

Dr. med. Nadine Hess

Neugeborenengelbsucht passiert bei etwa jedem zweiten Neugeborenen und sogar bei 80 Prozent aller Frühgeborenen: Ein paar Tage nach der Geburt verfärbt sich die Haut in einen gelblichen Ton. Eltern denken dann in der Regel schnell fälschlicherweise an die bekannte Gelbsucht durch eine Leberentzündung, die in jedem Fall behandelt werden sollte.

Kinderärztin Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: "Icterus neonatorum (die unkomplizierte Neugeborenengelbsucht) – beginnt zwischen dem 3. und 6. Lebenstag und bildet sich bis zum 10. Lebenstag zurück; und zwar in umgekehrter Reihenfolge, wie sie gekommen ist." © privat
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess:

Aber die sogenannte Neugeborenengelbsucht, auch neonatale Hyperbilirubinämie oder Icterus neonatorum genannt, ist ein häufiges, in 99 Prozent der Fälle ungefährliches und vorübergehendes Phänomen und hat nichts mit einer Entzündung der Leber zu tun.

 

Neugeborenengelbsucht: Es gibt drei Formen

  • Icterus neonatorum (die unkomplizierte Neugeborenengelbsucht) – beginnt zwischen dem 3. und 6. Lebenstag und bildet sich bis zum 10. Lebenstag zurück;
  • Icterus praecox – tritt innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt auf und sollte ärztlich überwacht werden;
  • Icterus gravis – hierbei stellen Ärzte so stark erhöhte Blutwerte fest, dass eine Behandlung zwingend notwendig ist, um Folgeschäden zu verhindern.
 

Neugeborenengelbsucht: Wie entsteht sie?

Die Leber ist kurz nach der Geburt zwar anatomisch fertig „ausgerüstet“, aber erst nach einigen Tagen „voll funktionsfähig“. Das sogenannte Bilirubin, ein Abbauprodukt des Hämoglobinstoffwechsels (Hämoglobin ist ein Bestandteil der  roten Blutkörperchen, der für den Sauerstofftransport zuständig ist), wird normalerweise in die Leber transportiert, dort mittels eines Enzyms größtenteils wasserlöslich gemacht und vor allem über die Niere ausgeschieden. Nur wenig Bilirubin bleibt unverändert und wird mit dem Stuhl ausgeschieden.

Kurz nach der Geburt fällt jedoch mehr Bilirubin an, als zu anderen Zeitpunkten im Leben und die roten Blutkörperchen der Neugeborenen haben eine geringere Lebensdauer, so dass die Leber, die das Arbeiten in den ersten Tagen erst noch „lernen“ muss, auch noch besonders viel Bilirubin bearbeiten muss. Das erhöhte Bilirubin im Blut macht sich durch eine Gelbfärbung der Haut (beginnend am Kopf und dann nach weiter unten fortschreitend) und teilweise auch der Augen bemerkbar.

Wenn bei Ihrem Baby eine Neugeborenengelbsucht auftritt, werden die Ärzte im Krankenhaus eine Bilirubinmessung veranlassen: Mit einem speziellen Gerät kann schmerzfrei das Bilirubin in der Haut gemessen werden. Je nach Höhe des Wertes folgt eine Blutentnahme zur Kontrolle.

Baby mit Neugeborenen-Gelbsucht
Baby mit Neugeborenen-Gelbsucht: Die Gelbfärbung der Haut ist fast immmer harmlos und verschwindet von selbst© Fotolia
 

Neugeborenengelbsucht: In manchen Fällen ist Fototherapie sinnvoll

In der Regel sind die Werte so niedrig, dass noch kein Behandlungsbedarf vorliegt. Dann empfehle ich meist nur, das Kind vermehrt zu stillen oder mit der Flasche zu füttern. Je mehr getrunken wird, desto mehr Bilirubin kann auch über den Urin und den Stuhl ausgeschieden werden. Ist der Bilirubinwert jedoch so hoch, dass therapiert werden muss, wird Ihr Baby eine sogenannte Fototherapie erhalten. Dabei wird es bis auf die Windel ausgezogen, damit so viel Haut wie möglich von dem speziellen bläulichen Licht (Wellenlänge 420-490nm) bestrahlt werden kann, wie möglich. Das Licht wandelt das Bilirubin in der Haut in wasserlösliche sogenannte Metabolite um, die dann mit dem Urin ausgeschieden werden können. Damit Ihr Baby nicht friert, wird diese Behandlung immer im Inkubator (Brutkasten) durchgeführt. Wenn der Bilirubinwert auch ohne Fototherapie dauerhaft unterhalb des behandlungsbedürftigen Bereiches bleibt, kann Ihr Baby entlassen werden – auch wenn die Gelbsucht noch nicht vollständig abgeklungen ist.

 

Neugeborenengelbsucht kann durch Blutgruppenunverträglichkeit verursacht werden

Liegen keine Risikofaktoren wie Blutgruppenunverträglichkeiten zwischen Mutter und Kind vor, ist normalerweise keine lange Therapie notwendig. Sind die Blutgruppen von Mutter und Kind dagegen unterschiedlich, insbesondere die Rhesus-Blutgruppen (und hat die Mutter keine Rhesusprophylaxe erhalten), kann es beim Kind zu einem stark vermehrten Abbau von roten Blutkörperchen kommen (Hämolyse). Die Folge ist dann eine massive Hyperbilirubinämie. Manchmal ist in diesen Fällen nicht nur eine längere Fototherapie notwendig, sondern sogar eine Austauschtransfusion. Denn die Gefahr bei stark erhöhten Bilirubinwerten ist die Entwicklung eines sogenannten Kernikterus, der bestimmte Bereiche des Gehirns unwiederbringlich schädigt. Glücklicherweise ist diese Komplikation aber sehr selten geworden. Unter anderem durch die Screeningtests der Mütter auf mögliche Antikörper im Blut, regelmäßige Kontrollen der Kinder und rasche Behandlung mit Fototherapie.

Grundsätzlich gilt: Gestillte Kinder sind häufiger etwas länger betroffen, manchmal noch über die zweite, dritte Lebenswoche hinaus. Der genaue Grund dafür ist immer noch nicht bekannt. Eine Unterbrechung des Stillens wird jedoch nicht mehr empfohlen. Studien zeigen, dass dies keinen Vorteil bringt, zumal der sogenannte  Muttermilchikterus harmlos ist.*

Allerdings wird Ihr Kinderarzt einmal über eine Blutentnahme andere Gründe, wie zum Beispiel eine Schilddrüsenunterfunktion oder Galleabflussstörungen, ausschließen und auch einen Ultraschall des Bauches machen. Wenn das alles unauffällig ist, kann darauf gewartet werden, dass die Gelbsucht ganz von alleine zurückgeht – und zwar in umgekehrter Reihenfolge, wie sie gekommen ist. Zuerst werden die Füße und Beine wieder blasser, dann der Bauch und zum Schluss der Kopf.

* Soldi A. et al. 2012: Hyperbilirubinemia and management of breastfeeding. J Biol Regul Homeost Agents, Jul-Sep;26(3):25-29

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