Neues Leben mit einem „toten“ Herzen

Redaktion PraxisVITA
Totes Herz bringt neues Leben
Bis jetzt haben Ärzte schon drei Menschenleben gerettet – mit Herzen, die aus medizinischer Sicht tot waren © Fotolia

In Deutschland hoffen derzeit rund 12.000 todkranke Menschen auf ein Spenderorgan – davon sterben täglich drei, weil sie zu lange warten mussten. Doch ein neues Transplantationsverfahren macht nun Hoffnung auf kürzere Wartezeiten. Praxisvita hat für Sie die Fakten.

Australische Forscher des St Vincent's Hospital in Sydney entwickelten nun ein Verfahren, bei dem es möglich ist, ein Herz wiederzubeleben und auch dann noch zu verpflanzen, wenn es längst aufgehört hat zu schlagen.

 

Das „Herz in der Box“ Verfahren

Um das zu können, entwickelten die Wissenschaftler eine spezielle Konservierungslösung, in der ein frisch entnommenes Herz länger und besser eingelagert werden kann. Noch viel wichtiger für das bahnbrechende Transplantationsverfahren sei aber die völlige Neukonstruktion der sogenannten Organbox gewesen, mit denen z.B. gespendete Herzen zu einem wartenden Patienten transportiert werden.

Diese Boxen hatten nach Aussagen der Forscher bisher vor allem die Aufgabe, ein entnommenes Herz zu kühlen – es am „Leben zu erhalten“. Die nun entwickelten Organboxen dagegen seien auch in der Lage, bereits „tote Herzen“ wiederzubeleben. Dazu werden Herzen – die einem Patienten mit Herzstillstand entnommen wurden – in der Box an einen sogenannten „sterilen Kreislauf“ angeschlossen, der den Herzschlag reanimiert, die Herzfunktionen normalisiert und kühlt.

 

Schon drei Leben gerettet

In Australien konnten die Ärzte mit dem neuen Transplantationsverfahren in kurzer Zeit schon drei Leben retten. Für Studienleiter Professor Peter MacDonald liegen die Vorteile des „Herz in der Box“ Verfahrens darin, dass „bis zu 30 Prozent mehr Spenderherzen für todkranke Menschen zur Verfügung stehen sollten“. Der Grund: Entnommene Herzen können länger aufbewahrt und weiter transportiert werden und Chirurgen die Herzfunktion eines Spenderherzens genau überprüfen können, bevor es verpflanzt wird.

 

Transplantations-Lexikon

Im Folgenden haben wir für Sie in einer Übersicht alle wichtigen Informationen zum Thema Organtransplantation in Deutschland gesammelt.

 

Herztransplantationen

Nach offiziellen Zahlen der Deutschen Stiftung für Organtransplantationen (DSO) wurden im Jahr 2013 in Deutschland 313 Herzen verpflanzt. Dagegen standen 537 ärztlich bestätigte Bedarfsanträge für ein Spenderherz, was bedeutet, dass nur fast jeder zweite (58 Prozent) – mit akutem Bedarf – ein Spenderherz bekam.

Rund zwei Drittel aller Herzen, die transplantiert wurden, schlagen nach fünf Jahren noch.

Als Patient kommt man für eine Herztransplantation in Frage, wenn von ärztlicher Seite ein sogenanntes fortgeschrittenes Herzversagen diagnostiziert wurde. Fortgeschritten ist ein Herzversagen wiederum bei Patienten, die mit anderen therapeutischen Maßnahmen nicht mehr behandelt werden können. Vor allem Menschen mit einer fehlerhaften Herzmuskelfunktion (Kardiomyopathie) fallen in diese Kategorie. Weitere typische Erkrankungen, die zu einer Herztransplantation führen können, sind Herzklappenfehler oder angeborene Herzfehler.

Das Besondere an einer Herztransplantation ist, dass das Spenderherz in Deutschland bisher nur entnommen werden konnte, solange es noch schlägt. Anders gesagt, können nur Patienten als Spender dienen, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, die Herz-Kreislauffunktionen aber rein technisch noch intakt sind – ein Szenario, das selbst im klinischen Umfeld sehr selten vorkommt. Von jährlich rund 400.000 Menschen, die in einem Krankenhaus versterben, tritt nur bei rund 4.000 (1 Prozent) der Hirntod vor dem Herzstillstand ein. Anders herum betrachtet, eignen sich also 99 Prozent der im Krankenhaus verstorbenen Menschen nicht als Spender für ein Herz – selbst wenn sie zu einer Spende bereit gewesen wären.

Hinzu kommt, dass nur gesunde Menschen als Spender infrage kommen. Weitere Bedingung für eine Spendentauglichkeit ist die Schnelligkeit, mit der nach einer Herzentnahme das Organ transplantiert wird. Erfolgt in den ersten vier bis sechs Stunden keine Verpflanzung des Herzens, kann das Organ nicht mehr verwendet werden.

 

Lungentransplantationen

Im Jahr 2013 warteten in Deutschland 439 Menschen auf eine Spenderlunge – nur 371 erhielten ein neues Organ. Lungen werden nach einer Transplantation häufig vom Körper abgestoßen, weswegen nur jede zweite Lunge nach fünf Jahren noch funktioniert.

Um auf die Warteliste für eine Spenderlunge zu kommen, müssen Ärzte ein irreversibles – also endgültiges und nicht mehr behandelbares – Lungenversagen diagnostizieren. Betroffene müssen bis zur Transplantation – die Wartezeiten betragen oft mehrere Monate – von einem Atemgerät beatmet werden. Die meisten Betroffenen leiden an einer sogenannten chronischen obstruktiven Lungenkrankheit, die umgangssprachlich auch gerne als „Raucherlunge“ bezeichnet wird.

Problematisch bei Patienten, die auf eine Spenderlunge warten, ist, dass die Krankheitsbilder häufig auch die Transplantation eines neuen Herzens nötig machen, da chronische Lungenerkrankungen oft auch schwere Herzinsuffizienzen oder Fibrosen (führt zu Vorhoflimmern) bedingen.

Eine Lunge kann nach der Entnahme bei einem Spender bis zu sechs Stunden aufbewahrt werden, bevor sie verpflanzt werden muss.

 

Nierentransplantationen

Im Jahr 2013 wurden in Deutschland insgesamt 2.272 Nieren transplantiert – rund 8.000 Menschen warten jedes Jahr auf eine Niere. Durchschnittlich sind von den verpflanzten Nieren nach fünf Jahren noch 75 Prozent funktionsfähig.

Auf die Warteliste kommen Patienten, die an einem endgültigen Nierenversagen leiden. Die häufigsten Ursachen für eine notwendige Transplantation sind schwere Formen von Diabetes, das chronische nephritische Syndrom (Nierenentzündung), hypertensive Nierenkrankheit oder Nephrosklerose (Nierenstörung aufgrund von Bluthochdruck) und Niereninsuffizienz (chronisches Nierenversagen).

Eine Besonderheit bei Nierenspenden ist die Tatsache, dass jede dritte transplantierte Niere einer sogenannte Lebensspende entsprang – möglich durch den Umstand, dass ein gesunder Mensch nur eine Niere braucht, aber über zwei Nieren verfügt. Da eine Niere nicht lange vom menschlichen Blutkreislauf abgeschnitten sein darf, muss sie spätestens 24 Stunden nach der Entnahme dem Organempfänger eingesetzt werden.

 

Lebertransplantationen

Von 1.305 Menschen, denen im Jahr 2013 von ärztlicher Seite der akute Bedarf einer neuen Leber bescheinigt wurde, bekamen 967 tatsächlich ein Spendenorgan. Damit wartet in Deutschland jeder vierte Betroffene, vergeblich auf eine neue Leber.

Die Abstoßungsrate ist bei der Verpflanzung einer Leber – ähnlich wie bei der Lungentransplantation – sehr hoch. Nur rund 56 Prozent der transplantierten Lebern sind nach fünf Jahren noch funktionstüchtig.

Für eine Lebertransplantation kommen Patienten infrage, die an einem chronischen oder akutem Leberversagen leiden und in der Regel nur durch einen möglichst schnellen Austausch der alten Leber mit einem Spenderorgan überleben können. Die meisten Betroffenen leiden aufgrund einer alkoholischen Leberzirrhose. In seltenen Fällen kommt es wegen einer Tumorbildung in der Leber zu Transplantationen.

Im Jahr 2013 waren insgesamt 83 Spenderlebern (8,6 Prozent) sogenannte Lebendspenden – obwohl der Mensch nur über eine Leber verfügt.

Das ist möglich, da die Anatomie der Leber die Spende eines Leberteiles ermöglicht – ohne an Funktionalität zu verlieren. Entnimmt man einem Verstorbenen die Leber, können aufgrund dieser sogenannten Teilleber-Lebendspende zwei Empfänger jeweils die Hälfte einer Leber transplantiert bekommen. Eine Leber kann maximal 12 Stunden nach der Entnahme noch verpflanzt werden.

 

Augenhornhauttransplantationen

In Deutschland werden jedes Jahr rund 5.000 Hornhauttransplantationen durchgeführt. Dem stehen ungefähr 8.000 Personen gegenüber, die aufgrund von Augenerkrankungen – wie z.B. Grauem Star oder Infektionen wie Herpesblind sind. Häufig sind auch Hornhautverletzungen aufgrund von sogenannten traumatischen Ursachen, wie z.B. Verätzungen, Stichverletzungen oder Risse. Die Erfolgsrate nach fünf Jahren liegt bei 80 bis 90 Prozent.

Da die Hornhaut aus Eiweiß besteht – und entsprechend nicht bluten kann – kommt es selten zu Abstoßungsreaktionen bei dem Empfänger. Das Zeitfenster zur Verpflanzung der Hornhaut ist verhältnismäßig lang. Spätestens 72 Stunden nach der Entnahme von einem verstorbenen Spender muss die Hornhaut transplantiert worden sein – wobei es keine Rolle spielt, ob sie dem Spender nach einem Hirntod oder dem Herzkreislaufstillstand entnommen wurde.

 

Arterien-Venen-Transplantationen

Jedes Jahr werden in Deutschland rund 500 Gefäßtransplantationen durchgeführt. Eine Warteliste gibt es nicht. Betroffen von solchen Transplantationen sind vor allem große Arterien – sie transportieren sauerstoffreiches Blut zu den Organen – und Venen – diese transportieren sauerstoffarmes Blut zum Herzen –, wenn sie stark verengt oder verschlossen (Blutgerinnsel) sind. Zwar können auch kleinere Blutgefäße verstopfen – allerdings raten Mediziner in solchen Fällen von einem operativen Eingriff ab und behandeln medikamentös. Entsprechend werden vor allem Arterien am Hals und in der Leiste durch Transplantate ersetzt.

Auslöser für eine akute Verengung oder Verstopfung von Blutgefäßen – die eine Transplantation nach sich ziehen – sind in der Regel Diabetes, Rauchen, Bluthochdruck und Fettleibigkeit.

Schwedischen Forscher ist es zuletzt gelungen, aus einer kleinen Menge Eigenblut, Blutgefäße innerhalb von sieben Tagen nach zu züchten.

Hamburg, 27. Oktober 2014

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