Neuer Ernährungstrend: Feste Nahrung statt Brei

Dr. med. Nadine Hess

Ein neues Ernährungskonzept für Babys hat Deutschland erreicht: Nach dem Stillen wird das Kind demnach nicht mehr mit Brei gefüttert. Stattdessen setzt man ihm feste Nahrung vor und lässt das Kind entscheiden, was und wie viel es essen will. Kinderärztin Dr. Nadine Hess schätzt die Risiken des Trends ein.

Baby-led Weaning
Expertin Dr. Hess: „Es gibt keine wissenschaftliche Studie, laut der der Ernährungstrend irgendwelche positiven Effekte auf das Kind hat.“ © Privat
 

Das sagt Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Wer an den Übergang zwischen Stillen des Babys und der ersten Zugabe von Nahrung denkt, hat wohl in erster Linie Möhrchenbrei aus dem Glas vor Augen. Ein neuer Ernährungstrend aus England verfolgt nun eine andere Philosophie. Demnach soll das Kind nach dem Stillen keinen Brei bekommen, sondern direkt mit fester Nahrung konfrontiert werden. Auf englisch nennt sich diese Methode „Baby-led Weaning“, was sich ungefähr mit „vom Baby geleitete Beikosteinführung“ übersetzen lässt. Die Idee dahinter: Das Kind soll selbst entscheiden, was und wie viel es isst. Dadurch soll gesundes Essverhalten gefördert und Übergewicht vermieden werden.

 

Überforderung und Mangelernährung

Sinnvoll ist die Methode, die von der britischen Gesundheitsberaterin Gill Rapley (60) erfunden wurde, allerdings nicht: Zum einen sind die Kinder in diesem Alter in der Regel schlicht überfordert damit, selbst zu essen. Ist das Baby beispielsweise etwa sechs Monate alt, wird ihm das vorgesetzte Stück Obst wahrscheinlich ständig aus den Fingern rutschen. Und die wenigen Zähne, die es bereits hat, können die Nahrung zu dieser Zeit zum anderen nicht ausreichend zerkleinern. Das kann dazu führen, dass das Kind zu große Stücke verschluckt. Es besteht Erstickungsgefahr! Das zweite große Risiko: Das Kind isst schlicht nicht genug – und wird so auch nicht mehr mit ausreichend Nährstoffen versorgt. Und das wiederum hat negative Auswirkungen auf die Hirnentwicklung. Alle Informationen zu einer solchen Mangelernährung finden Sie im Artikel „Hilfe, mein Kind will nicht essen!“.

Baby-led Weaning
Es spricht nichts dagegen, dem Kind zusätzlich zum Brei feste Nahrung anzubieten – auf den Brei selbst sollte aber nicht verzichtet werden© iStock

Es finden sich im Internet bereits zahlreiche Beiträge von Eltern, die sich damit beruhigen wollen, dass das Kind ja noch zusätzlich gestillt werden kann. Doch das allein kann einem Nährstoffmangel nicht vorbeugen: Muttermilch ist beispielsweise sehr eisenarm. Kleinkinder brauchen aber gerade im ersten Lebensjahr sehr viel Eisen für ihre Entwicklung – und die Eisenspeicher sind bei den meisten von ihnen mit etwa sechs Monaten bereits erschöpft. Der Nährstoffbedarf muss also durchs Essen gedeckt werden. Neuseeländische Forscher untersuchten nun genau dieses Problem des Ernährungstrends in einer Studie. Das Ergebnis: Beim Baby-led Weaning nehmen die Kinder tatsächlich deutlich weniger Eisen, Zink und Vitamin B12 auf, als bei einer Fütterung mit Brei. Dagegen gibt es bisher keine wissenschaftliche Studie, die belegt, dass der Ernährungstrend irgendwelche positiven Effekte auf das Kind hat.

 

Und welche Ernährungsart ist nun die richtige?

Die Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin empfiehlt nach wie vor, Babys mit Brei zu füttern, um eine optimale Versorgung sicherzustellen. Das bedeutet aber nicht, dass man dem Kind nicht zusätzlich etwas feste Nahrung anbieten und so schauen kann, wie es darauf reagiert. Eltern sollten dabei vor allem darauf achten, wann das Kind Sättigungssignale zeigt. Dazu zählt beispielsweise, dass der Nachwuchs den Kopf wegdreht oder die Hand mit dem Löffel beiseite schiebt. Bieten Sie auf jeden Fall nur weiche Nahrungsmittel an – also zum Beispiel ein Stück Banane, Avocado oder gekochten Brokkoli. Dann kann das Kind die Lebensmittel auch nur mit der Zunge zerdrücken und man muss keine große Sorge vor dem Verschlucken haben. Wichtig ist auch, dass Sie Ihr Kind mit dem Essen nicht alleine lassen – stellen Sie sicher, dass es nicht versehentlich viel zu viel in den Mund steckt und sich dann aufgrund der Menge daran verschluckt.

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