Neue Studie: Wie Testosteron den Corona-Verlauf von Männern und Frauen beeinflusst

Mona Eichler Health-Redakteurin

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatten Forscher noch vermutet, ein niedriger Testosteronspiegel schütze Männer vor schweren Corona-Verläufen. Eine neue Studie zieht diese Erkenntnisse nun in Zweifel. 

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Eine neue Studie der Washington University School of Medicine legt den Fokus auf die Auswirkungen, die Hormone auf den Corona-Verlauf bei Frauen und Männern haben können. Vor allem mit Blick auf das Männlichkeitshormon Testosteron kamen dabei überraschende Ergebnisse zutage, die ältere Untersuchungen widerlegen. 

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Neue Studie: Hormone und Corona

Untersucht wurden die Blutproben von 90 Männern und 62 Frauen. Alle Probanden hatten aufgrund einer COVID-19-Erkrankung im Krankenhaus gelegen. Am jeweils 3., 7., 14. und 28. Tag der stationären Behandlung waren die Blutproben entnommen worden und folgende Hormone genauer untersucht:

  • Testosteron
  • Östradiol (Form von körpereigenem Östrogen)
  • IGF-1 (insulinähnliches Wachstumshormon)

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Testosteronspiegel beeinflusst Corona-Verlauf

Die Ergebnisse der neuen Studie zeigen: Je niedriger der Testosteronspiegel eines männlichen Probanden war, desto höher lag dessen Risiko, schwer an SARS-CoV-2 zu erkranken.

Ein Umkehrschluss lässt sich daraus aber nicht ziehen. Ein niedriger Testosteronspiegel konnte nicht als Ursache eines schweren Verlaufs ausgemacht werden. Vielmehr müsse ein niedriger Testosteronspiegel mit anderen Corona-Risikofaktoren einhergehen, um eine Auswirkung zu haben. 

Die gemessenen Östradiol- und IGF-1-Spiegel der Männer hatten indes keine Auswirkung auf den Schweregrad ihrer Corona-Infektionen.  

 

Frauen nicht beeinflusst durch Hormone

Bei der weiblichen Probandengruppe zeigte sich ein komplett anderes Bild. Keines der drei untersuchten Hormone schien einen Einfluss auf den Schweregrad der Corona-Erkrankung zu haben – zumindest nicht im Rahmen dieser Untersuchung. 

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Studie aus dem Mai 2020: Testosteron und Corona

Wissenschaftler der ETH Zürich und der Universität der italienischen Schweiz (USI) haben in einer Studie im Mai 2020 untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen dem Männlichkeitshormon Testosteron und Corona bestehen könnte. Die Ergebnisse sind vor allem mit Blick auf mögliche COVID-19-Medikamente interessant, stehen den neueren aus Washington aber entgegen.

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SARS-CoV-2 braucht Enzyme zum Andocken

Schon lange ist bekannt, dass das Coronavirus vor allem über die sogenannten ACE2-Enzyme im Körper andockt und sich dort vermehrt. Männer produzieren mehr ACE2 als Frauen und sind deswegen häufiger von schweren Krankheitsverläufen betroffen.   

SARS-CoV-2 nutzt allerdings nicht nur ACE2 als Eingangspforte in den Körper, sondern noch ein weiteres Enzym. Das sogenannte TMPRSS2 begünstigt das Eindringen des Virus' ebenfalls. 
Beide Enzyme treten im ganzen Körper, jedoch verstärkt in Zellen in der Nase auf.

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Prostatakrebs, TMPRSS2 und Testosteron

Die Wissenschaftler werteten die Daten von ingesamt 9.280 Corona-Patienten aus 68 Krankenhäusern in Veneto, Italien aus. Unter den Erkrankten befanden sich 4.532 Männer. 
Es zeigte sich zunächst, dass männliche Prostata-Patienten, die eine Hormonbehandlung durchmachten, überwiegend mild an COVID-19 erkrankten. "Unter den Patienten mit Prostatakrebs war das Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion viermal geringer, wenn diese eine Hormontherapie erhielten", schrieb die ETH in ihrer Studie. 
Auf Grundlage dieser Beobachtung weiteten die Wissenschaftler ihren Fokus aus. Bei Patienten mit Prostatakrebs steigt der TMPRSS2-Spiegel im Körper an und wird zusammen mit dem Testosteronspiegel medikamentös gesenkt. Die daraus resultierende geringere TMPRSS2-Konzentration könnte zur Folge haben, dass das Coronavirus weniger Andockstellen im Körper findet und sich deswegen weniger stark ausbreiten kann.

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COVID-19-Behandlung mit Testosteronsenkern?

Aus ihren Beobachtungen schlussfolgerten die Schweizer Wissenschaftler, dass eine Behandlung von COVID-19 mit Medikamenten, die den Testosteronspiegel im Blut senken, möglich sein könnte. Um aussagekräftige Ergebnisse liefern zu können, seien aber natürlich weitere Studien nötig. 

Trotz dieser hoffnungsvollen Erkenntnisse betonten die Forscher: "Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass Krebspatienten ein höheres Risiko haben, an SARS-CoV-2 zu erkranken, als Patienten ohne Krebs. Dennoch scheinen Menschen mit Prostatakrebs in Hormontherapie teilweise vor einer SARS-CoV-2-Infektion geschützt zu sein."


Quellen:
Association of Circulating Sex Hormones With Inflammation and Disease Severity in Patients With COVID-19, in: jamanetwork.com
Androgen-deprivation therapies for prostate cancer and risk of infection by SARS-CoV-2: a population-based study, in: annalsofoncology.org

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